Traktionssysteme Austria : Kupfer wird zum Risiko: Wie Traktionssysteme Austria seine Margen schützt
Die Vorlesefunktion für diesen Artikel steht nur PRIME-Abonnenten zur Verfügung. Zu den PRIME-Angeboten
Mitarbeiter der TSA-Produktion in Wiener Neudorf: Kupfer steckt in Profildrähten und Runddrähten der Wicklung, in Rotorstäben und Kurschlussringen von Rotoren sowie in verschiedenen mechanisch bearbeiteten Kupferkomponenten.
- © TSAAktive Mitgliedschaft erforderlich
Das PRIME Digital-Jahresabo gewährt Ihnen exklusive Vorteile. Jetzt PRIME-Mitglied werden!
Sie haben bereits eine PRIME Mitgliedschaft?
Bitte melden Sie sich hier an.
Kupfer ist längst mehr als ein zyklischer Industriestoff. Was derzeit an den Metallbörsen passiert, zeigt, wie unmittelbar Zollpolitik, Rohstoffstrategien und globale Warenströme inzwischen ineinandergreifen. Ende August notierte der Drei-Monats-Kontrakt an der London Metal Exchange bei 14.437 Dollar je Tonne und damit nur knapp unter dem damaligen Rekord von 14.527,50 Dollar. Wenige Wochen später lag der Preis bereits darüber. Doch hinter der Rallye steht nicht einfach nur steigende industrielle Nachfrage. Der Markt wird gleichzeitig an mehreren Stellen auseinandergezogen.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Der aktuell stärkste kurzfristige Impuls kam zuletzt aus den USA. Washington erwägt gestaffelte Importzölle auf raffiniertes Kupfer: Nach einer Empfehlung des US-Handelsministeriums könnten ab 1. Jänner 2027 zunächst 15 Prozent und ab 2028 30 Prozent fällig werden. Die endgültige Entscheidung steht noch aus, das Weiße Haus hat die Entscheidung zuletzt aufgeschoben. Händler reagieren trotzdem längst. Kupfer wird in die Vereinigten Staaten verschoben, bevor mögliche Zollschranken greifen. Zwischen Juni und Mitte August brachen die Lagerbestände in London um beinahe die Hälfte ein, während sie in den USA um rund 100.000 Tonnen stiegen.
Wie TSA bei gleicher Fläche Output steigern will
Wie stark solche Handelsströme einen Markt kurzfristig verzerren können, zeigte der Aufschlag für sofort verfügbares Kupfer. Der Kassapreis lag zeitweise 545 Dollar über dem Terminpreis – ein Rekordabstand. Daraufhin floss Ware zurück in die LME-Lagerhäuser: Binnen einer Woche stiegen die Bestände um fast 72.000 Tonnen beziehungsweise 17 Prozent. Kurz darauf gingen bereits wieder knapp 12.000 Tonnen ab. Kupfer folgt derzeit nicht nur dem industriellen Verbrauch, sondern zunehmend der Frage, in welchem Wirtschaftsraum sich die höchste Marge erzielen oder die nächste Handelsbarriere umgehen lässt.
Für einen Elektromotorenhersteller wie Traktionssysteme Austria, TSA, ist das kein abstraktes Börsengeschehen. Kupfer steckt in Profildrähten und Runddrähten der Wicklung, in Rotorstäben und Kurschlussringen von Rotoren sowie in verschiedenen mechanisch bearbeiteten Kupferkomponenten. Die TSA-Gruppe verarbeitet jährlich rund 800 Tonnen, davon etwa 600 Tonnen in Europa. Eingekauft wird allerdings nicht die an der Börse gehandelte Kathode, sondern bereits verarbeitetes Material von Lieferanten vor allem in Europa und Asien.
Nicht die Menge ist das Problem, sondern der Preis
Trotz der Verwerfungen zieht TSA-Chef Harold Schmidt eine klare Trennlinie: „Ein Verfügbarkeitsthema sehen wir aktuell nicht und auch nicht auf die Zukunft.“ Sehr wohl jedoch sei der starke Preisanstieg ein Thema. Für TSA soll daraus allerdings möglichst kein Ergebnisproblem werden.
Die entscheidende Frage sei, wie das Rohstoffrisiko vertraglich entlang der Lieferkette verteilt werde. Das gewinnt angesichts der Struktur des Kupfermarktes an Bedeutung. Denn nicht nur die USA saugen derzeit Material an. Auch in China lagen Kupferpreise zeitweise über dem Londoner Niveau und machten Arbitragegeschäfte attraktiv. Gleichzeitig geraten chinesische Schmelzen selbst unter Druck. Neue Steuerregelungen haben laut dem vorliegenden Marktbericht das Angebot an Kupferschrott reduziert. Die Hütten müssen stärker auf neu gefördertes Material ausweichen, während sie ihre Produktion teilweise zurückfahren. Chinesische Abnehmer importieren dadurch wiederum mehr verarbeitetes Kupfer.
Besonders ungewöhnlich ist die Lage bei den Schmelzen: Normalerweise erhalten sie von Minenbetreibern eine Vergütung für die Verarbeitung des Konzentrats. Anfang August mussten chinesische Hütten laut UBS stattdessen selbst bis zu 170 Dollar je Tonne bezahlen. Dahinter steht ein grundlegenderes Problem: Das Angebot aus den Minen wächst nicht schnell genug. In Chile und Peru, den wichtigsten Förderländern, lag die Produktion im bisherigen Jahresverlauf laut UBS vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Bei großen Lagerstätten wie Escondida drücken zudem sinkende Erzgehalte auf die Ausbeute.
1.000 Euro Preisbewegung, 600.000 Euro Exposure
Für TSA entscheidet sich deshalb im Vertragswerk, wie stark solche globalen Verschiebungen letztlich durchschlagen. Das Unternehmen bearbeitet jährlich 60 bis 70 Projekte. Die Spannweite reicht von Einzelstücken bis zu Verträgen über fünf oder sechs Jahre. Bei langfristigen Aufträgen versucht TSA, Preisgleitformeln zu vereinbaren. Verändert sich der Kupferpreis, wird die Bewegung entlang der Lieferkette weitergegeben.
Wo das kundenseitig nicht möglich ist, wandert die Absicherung eine Stufe nach unten zum Lieferanten. Dieser kann sich physisch eindecken, Lagerbestände aufbauen oder das Preisrisiko anderweitig absichern. Bei kürzeren Vertragslaufzeiten von zehn oder zwölf Monaten bis etwa zwei Jahren kommen auch Fixpreise infrage. TSA selbst versucht dagegen, direkte Derivategeschäfte möglichst zu vermeiden.
Der Grund ist auch die fehlende Deckungsgleichheit. An der Börse wird hochreines Kathodenkupfer in US-Dollar gehandelt. TSA kauft dagegen bearbeitete Drähte, Profile und Komponenten und operiert in unterschiedlichen Währungsräumen. Ein Hedge müsste also nicht nur den Metallpreis, sondern teilweise auch Währungs- und Projektlaufzeitrisiken abbilden. Schmidt sieht deshalb genügend Möglichkeiten, das Exposure im operativen Geschäft über Kunden- und Lieferantenverträge abzufangen.
Welche Größenordnung dahintersteht, zeigt eine einfache Rechnung. Am Standort in Wiener Neudorf entfallen bei rund 150 Millionen Euro Umsatz etwa 80 Millionen Euro auf Material. Rund acht Prozent davon sind Kupfer. Eine Preisveränderung um 1.000 Euro je Tonne bedeutet laut Schmidt für TSA ein Risikoexposure von ungefähr 600.000 Euro – in beide Richtungen. „Unsere Intention ist nicht, mit Kupfer zu handeln“, sagt Schmidt. Geld verdienen wolle TSA mit seinen Produkten, die Rohstoffvolatilität soll möglichst neutralisiert werden.