Cyberangriff auf die Schifffahrt : Cybererpresser setzen 38 Schifffahrtsunternehmen unter Druck
38 Unternehmen aus der internationalen Schifffahrts- und Hafenwirtschaft stehen auf einer Erpresserliste im Darknet. Eine Hackergruppe behauptet, sensible Daten gestohlen zu haben, und droht mit deren Veröffentlichung am 19. Oktober. Unter den genannten Unternehmen befinden sich auch Hafenbetreiber und IT-Dienstleister aus Europa. Ob die Daten tatsächlich entwendet wurden, ist bislang nicht unabhängig bestätigt.
Auch interessant:
Europas neue Festungen liegen am Wasser >>
Lieferketten: Die größte Schwachstelle liegt nicht im eigenen Unternehmen >>
Cosco will 80 Prozent von Zippel: Warum Berlin den China-Deal stoppen will >>
Auch europäische Hafenunternehmen betroffen
Die Liste der mutmaßlichen Opfer erstreckt sich über 18 Länder. Darunter befinden sich Reedereien, Containerterminals, Hafenbetreiber und Anbieter von IT-Systemen für die Schifffahrt.
Genannt werden unter anderem die Reedereien Ocean Network Express, CULines und T.S. Lines sowie die Hafenunternehmen Santos Brasil und Portonave in Brasilien. In Europa stehen der Terminalbetreiber TTI Algeciras in Spanien und das deutsche Unternehmen HPC Hamburg Port Consulting auf der Liste. Auch Eurogate Tanger in Marokko wird genannt.
Besonders viele Einträge betreffen Südkorea. Laut einer Analyse von SOCRadar entfallen zwölf der 38 Nennungen auf dort ansässige Unternehmen, darunter Terminalbetreiber im Hafen von Busan.
Die Erpresser fordern laut SOCRadar zwischen 2,4 und 14 Millionen US-Dollar in Bitcoin. Als Frist nennen sie den 19. Oktober um 13.27 Uhr koordinierter Weltzeit. Ob die Gruppe tatsächlich mit allen aufgeführten Unternehmen Kontakt aufgenommen hat, ist nicht bekannt.
Welche Daten sollen gestohlen worden sein?
Nach Angaben der Gruppe handelt es sich unter anderem um Containerlisten, Schiffsfahrpläne, Informationen über die Ein- und Ausfahrt von Lastwagen an Terminals sowie elektronische Nachrichten aus dem Datenaustausch zwischen Logistikpartnern.
Solche Informationen werden im internationalen Güterverkehr täglich zwischen Reedereien, Häfen, Terminals und Speditionen ausgetauscht. Dazu gehören etwa Angaben über Sendungen, Containerbewegungen und geplante Ankunftszeiten.
Ob die Erpresser diese Daten tatsächlich besitzen, ist offen. Auch gibt es bislang keine Bestätigung dafür, dass Schiffe, Hafenanlagen oder Umschlagsysteme durch den mutmaßlichen Angriff beeinträchtigt wurden. Die bisher bekannten Drohungen betreffen die Veröffentlichung von Daten, nicht einen nachgewiesenen Eingriff in den Hafenbetrieb.
Führt die Spur zu einem gemeinsamen IT-System?
Eine Besonderheit des Falls ist die große Zahl der gleichzeitig genannten Unternehmen. SOCRadar hält es deshalb für möglich, dass nicht 38 einzelne Angriffe stattgefunden haben, sondern Daten aus einer gemeinsam genutzten Anwendung oder einer Schnittstelle abgeflossen sein könnten.
Dafür sprechen nach Einschätzung der Sicherheitsforscher die Beschreibungen der angeblich gestohlenen Daten. Sie scheinen sich teilweise auf bestimmte Anwendungen und begrenzte Datenbestände zu beziehen. Ein gemeinsamer technischer Ausgangspunkt ist allerdings nicht nachgewiesen. Weder ein betroffener Softwareanbieter noch eine konkrete Sicherheitslücke wurden bislang bestätigt.
Gerade in der Schifffahrt sind viele Unternehmen über gemeinsame digitale Systeme miteinander verbunden. Reedereien, Terminalbetreiber und Speditionen tauschen laufend Daten aus, damit Container abgefertigt und Transporte geplant werden können.
Dass solche Abhängigkeiten auch ein Sicherheitsrisiko darstellen, ist seit Längerem bekannt. Die EU-Agentur für Cybersicherheit ENISA weist in ihrem Bericht zur Bedrohungslage 2026 ausdrücklich darauf hin, dass die Abhängigkeit von externen digitalen Diensten die Angriffsfläche von Unternehmen vergrößert.
Europas Transportbranche bleibt ein Ziel für Cyberkriminelle
In der europäischen Bedrohungsanalyse für 2026 entfielen acht Prozent der erfassten Cybervorfälle auf den Transportsektor. ENISA zählt dabei nicht nur die Schifffahrt, sondern auch andere Verkehrsträger. Die Behörde bezeichnet Ransomware weiterhin als eine der folgenschwersten Bedrohungen.
Die maritime Wirtschaft zählt laut ENISA zu den Bereichen, in denen die Bedeutung für kritische Infrastruktur und der Reifegrad der Cybersicherheit auseinanderliegen. Mit der europäischen NIS2-Richtlinie sollen unter anderem die Sicherheitsanforderungen für wichtige Unternehmen des Transportsektors gestärkt werden.
Auch für österreichische Unternehmen ist das Thema relevant. Selbst wenn ein Betrieb nicht unmittelbar von einem Angriff betroffen ist, können Daten bei externen Logistikdienstleistern oder in gemeinsam genutzten Systemen verarbeitet werden.