US-Zölle Exportkontrolle EU-Zollreform : Zoll im Umbruch: US-Zölle, Digitalisierung und neue EU-Regeln erhöhen den Druck auf Unternehmen

Sperrband mit Import Tariffs vor Container am Hafen. Dieses Bild ist KI-generiert.
© Adobe Stock / BashirIrshad

Zoll und Außenwirtschaft sind längst keine reinen Abwicklungsthemen mehr. Geopolitische Verwerfungen, neue EU-Regulierungen und die Digitalisierung der Zollverfahren verändern das Umfeld für Unternehmen grundlegend. Beim Powerday Zoll & Exportkontrolle des Vereins Netzwerk Logistik (VNL) an der FH Joanneum in Kapfenberg beleuchteten Fachleute die zentralen Entwicklungen. 

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Ein Jahr US-Zölle: Indirekte Effekte treffen Europa härter als erwartet

Ein Jahr nach dem sogenannten Liberation Day – dem Zeitpunkt, ab dem die USA unter Donald Trump Zölle von bis zu 15 Prozent auf nahezu alle EU-Waren einführten – bleibt die Unsicherheit für europäische Unternehmen hoch. EU-US-Abkommen sind noch nicht abgeschlossen, offene Fragen rund um Rückforderungen zu Unrecht erhobener Zölle stehen weiterhin im Raum. Das berichtete Marc Wege, Zollberater bei Siemens Energy Austria, beim VNL-Powerday.

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Wie stark sich die US-Zölle auf die europäische Wirtschaft auswirken, zeigt eine Studie des WIFO und des ASCII aus dem Vorjahr. Besonders aufschlussreich ist dabei ein auf den ersten Blick paradoxer Befund: Eine Volkswirtschaft wie Österreich, die weniger als zehn Prozent ihrer Waren direkt in die USA exportiert, leidet überproportional stark. Der Grund liegt in der tiefen Einbettung österreichischer Unternehmen in europäische Produktionsnetze. „Nicht der direkte Handel mit den USA, sondern indirekte Effekte über europäische Lieferketten sind der Hauptgrund für die Einbußen", erklärte Asjad Naqvi, Senior Economist am WIFO. Die Studie geht von einem möglichen Rückgang der österreichischen Wirtschaftsleistung um 0,31 Prozent aus, die industrielle Wertschöpfung könnte um 0,56 Prozent sinken.

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Der Mechanismus dahinter: Wenn ein französischer oder italienischer Großkonzern aufgrund der US-Zölle weniger exportiert, sinkt automatisch auch der Bedarf an österreichischen Zwischenprodukten. „Österreichische Unternehmen liefern zentrale Zwischenprodukte an große europäische Hersteller. Wenn dort aufgrund der US-Zölle die Nachfrage sinkt, überträgt sich dieser Effekt über den europäischen Binnenmarkt auch auf österreichische Zulieferer", so Klaus Friesenbichler, stellvertretender Direktor des ASCII. Zwei Drittel der wirtschaftlichen Verluste stammen der Studie zufolge nicht aus direkten Exportausfällen gegenüber den USA, sondern aus rückläufiger Nachfrage innerhalb Europas. Besonders betroffen sind neben Österreich Länder wie Frankreich, Italien und Finnland, die als zentrale industrielle Knotenpunkte in Europa fungieren.

Friesenbichler warnt vor einem „systemischen Risiko": „Auch geringe Abschwächungen der europäischen Industrie können sich über die verflochtenen Lieferketten deutlich auf Produktion, Beschäftigung und Einkommen in Österreich auswirken."

Neben dem US-amerikanischen Handelskonflikt wies Wege beim VNL-Powerday auch auf die wachsende Bedeutung anderer Wirtschaftsblöcke hin. Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen eröffnet neue Chancen im Automotive-Sektor, wenngleich Landwirtschaftszölle kontrovers bleiben. Die BRICS-Staaten und potenzielle Beitrittskandidaten repräsentieren gemeinsam fast die Hälfte der Weltbevölkerung und rund 38 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und streben eine multipolare Wirtschaftsordnung an – ein Faktor, den europäische Unternehmen bei ihrer Marktausrichtung zunehmend berücksichtigen müssen. Im Bereich Regulierung macht zudem die CBAM-Bepreisungsphase CO₂-Emissionen in Drittländern wirtschaftlich relevant, und die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) tritt gestaffelt in Kraft.

Wie stark sich die US-Zölle auf die europäische Wirtschaft auswirken, zeigt eine Studie des WIFO und des ASCII aus dem Vorjahr: Eine Volkswirtschaft wie Österreich, die weniger als zehn Prozent ihrer Waren direkt in die USA exportiert, leidet überproportional stark. 

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Digitalisierung der Zollabwicklung: NCTS und AES in der Praxis

Auf der Ebene der operativen Zollabwicklung schreitet die Digitalisierung voran. Seit 1. Dezember 2024 ist in Österreich das New Computerised Transit System in der Version 6 (NCTS 6) in Betrieb. Die Bilanz nach den ersten Monaten ist positiv: Über 400.000 Versandverfahren wurden mit einer Fehlerquote von rund 0,1 Prozent abgewickelt – deutlich unter dem internationalen Durchschnitt, wie Peter Frühwirth vom Bundesministerium für Finanzen beim VNL-Powerday berichtete. International nutzen bereits 39 Länder das System, mit Bosnien-Herzegowina kommt 2026 ein weiteres hinzu.

Österreich verwendet beim neuen System vorerst das Opt-out-Modell, bei dem Versandanmeldung und summarische Eingangsanmeldung getrennt abgegeben werden. Eine kombinierte Anmeldung wird frühestens Ende 2026 erwartet. Ein nächster Schritt ist die für Mitte März 2026 geplante Einführung des Prozesses „Export follows Transit", der Versand- und Ausfuhrsystem enger verknüpft und durch automatisierte Prüfungen die Datenqualität erhöhen soll.

Komplizierter verlief die Einführung des elektronischen Ausfuhrsystems (AES). Da es sich um zugekaufte Software handelt, die international noch nicht vollständig erprobt war, mussten in enger Abstimmung mit dem Dienstleister zunächst wesentliche Mängel behoben werden. Einzelne technische Probleme bestehen noch, insgesamt zeigt sich laut Karl-Heinz Quehenberger vom Zollamt Österreich aber vorsichtiger Optimismus.

Ein konkretes Praxisthema war der in der Wirtschaft diskutierte Kontrollergebniscode A4 für „geringfügige Unstimmigkeiten". Quehenberger stellte klar, dass dieser Code ausschließlich bei geringfügigen Abweichungen – etwa falschen Kennzeichen oder leichten Gewichtsabweichungen – zur Anwendung kommt, sofern diese proaktiv durch den Wirtschaftsbeteiligten angezeigt werden. Werden Fehlmengen hingegen erst im Zuge einer Zollkontrolle festgestellt, gilt der strengere Code B1, der eine neue Zollanmeldung erfordert.

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US-Sanktionsrecht: Faktisch globale Wirkung für europäische Unternehmen

Ein häufig unterschätztes Thema ist die Reichweite des US-Exportkontroll- und Sanktionsrechts. Mario Horak, Group Head of Export and Customs bei Andritz, erläuterte beim Powerday, warum europäische Unternehmen US-Sanktionslisten in der Praxis kaum ignorieren können, obwohl diese rechtlich nicht unmittelbar für sie gelten.

Der entscheidende Begriff ist der sogenannte „US-Nexus": Bereits der Einsatz von US-Waren, US-Technologie, US-Dollar-Zahlungen oder die Einbindung von US-Staatsbürgern führt zur unmittelbaren Anwendbarkeit des US-Exportrechts. Besonders die „Specially Designated Nationals List (SDN)" ist dabei kritisch: Verstöße können den Ausschluss aus dem internationalen Zahlungsverkehr, hohe Strafzahlungen und massive Reputationsschäden nach sich ziehen – für Unternehmen wie für Einzelpersonen.

Horak empfiehlt daher wirksame Compliance-Systeme, regelmäßige Sanktionslistenprüfungen und ein strukturiertes internes Exportkontrollprogramm. Im Verdachtsfall rät er zu einer raschen Selbstanzeige, da diese als mildernder Umstand gewertet wird. Sein Fazit: „Die Einhaltung der US-Sanktionsvorschriften ist für europäische Unternehmen wirtschaftlich unverzichtbar und steht in der Praxis oft auf derselben Stufe wie die Einhaltung des EU-Rechts."

Ab Juli 2026 soll eine EU-weite Paketabgabe für Kleinsendungen eingeführt werden, die vor allem den stark wachsenden E-Commerce aus Drittstaaten erfassen soll.

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EU-Schutzmaßnahmen, Paketabgabe und geplante Zollrechtsreform

Thomas Bieber von der Johannes Kepler Universität Linz gab einen Überblick über aktuelle zollrechtliche Entwicklungen in der EU. Schwerpunkte waren Antidumping- und Ausgleichszölle – etwa bei E-Fahrzeugen, Keramik- und Stahlprodukten aus China –, Umgehungsregelungen, die verhindern sollen, dass Schutzmaßnahmen durch Teilimporte oder Montageprozesse ausgehebelt werden, sowie geplante Instrumente zum Schutz der europäischen Stahlindustrie.

Zudem soll ab Juli 2026 eine EU-weite Paketabgabe für Kleinsendungen eingeführt werden, die vor allem den stark wachsenden E-Commerce aus Drittstaaten erfassen soll. Nationale Zusatzabgaben, wie sie in Österreich diskutiert wurden, stoßen hingegen an rechtliche Grenzen durch EU- und WTO-Recht. Rico Back, Managing Partner bei der Unternehmensberatung SKR und langjähriger Logistiker, erklärt hier, warum die Reform das Grundproblem nicht löst. 

Mittelfristig plant die EU eine umfassende Zollrechtsreform: Vorgesehen sind eine zentrale EU-Zolldatenplattform, der Einsatz digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz zur Risikoanalyse sowie ein neuer Status „Trust & Check"-Wirtschaftsbeteiligter, der besonders verlässlichen Unternehmen erhebliche Erleichterungen bieten soll.