Varta Sanierung gescheitert : Varta nach der gescheiterten Rettung: Gläubiger greifen nach dem wertvollen Kern
Varta-Batterien in der Produktion: Der angeschlagene Batteriehersteller steht vor einer tiefgreifenden Neuordnung, bei der der profitable Geschäftsbereich für Haushaltsbatterien herausgelöst werden soll.
- © Instagram/VartaBeim angeschlagenen Batteriehersteller Varta steht eine tiefgreifende Neuordnung bevor. Die Deutsche Bank sowie die Finanzinvestoren Blantyre Capital, RBC BlueBay und Whitebox wollen ihre Rechte aus den bestehenden Finanzierungsvereinbarungen ausüben. Geplant ist, den Geschäftsbereich Consumer Batteries aus dem Konzern herauszulösen, finanziell zu stabilisieren und in eine neue Eigentümerstruktur zu überführen.
Die Gläubiger begründen den Schritt mit einer erneuten Verschärfung der finanziellen Lage. Nach einer von der Unternehmensberatung FTI vorgenommenen Analyse benötigt Varta für das operative Geschäft kurzfristig einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Darüber hinaus seien weitere erhebliche Kapitalmaßnahmen notwendig. Trotz Gesprächen mit Anteilseignern, Investoren und anderen Beteiligten habe niemand verbindlich zugesagt, die erforderlichen zusätzlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Gläubiger sehen die Abspaltung der Haushaltsbatteriesparte deshalb als tragfähigsten Weg zur Werterhaltung. Varta selbst äußerte sich zunächst nicht zu den Plänen. Ihre Umsetzung steht zudem noch unter dem Vorbehalt notwendiger behördlicher und vertraglicher Genehmigungen.
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Varta nach der Sanierung: Warum Porsche und Tojner vor der nächsten Krise stehen
Die Entscheidung trifft einen Konzern, dessen wirtschaftliche Sanierung erst im Frühjahr 2025 offiziell für abgeschlossen erklärt worden war. Im Rahmen eines Restrukturierungsverfahrens nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz, kurz StaRUG, waren die bisherigen Eigentums- und Finanzierungsverhältnisse grundlegend verändert worden. Porsche und der österreichische Unternehmer Michael Tojner wurden neue mittelbare Gesellschafter. Gleichzeitig erhielt Varta 60 Millionen Euro durch eine Bar- und Sachkapitalerhöhung sowie weitere 60 Millionen Euro aus einer neuen Finanzierung. Die Verschuldung wurde nach Unternehmensangaben auf 230 Millionen Euro reduziert.
Im April 2025 bezeichnete Varta die Finanzierung noch als längerfristig gesichert. Die operative Umsetzung des Sanierungskonzepts sollte bis Ende 2027 laufen. Vorstandschef Michael Ostermann kündigte damals an, den Konzern wieder auf einen profitablen Wachstumskurs zu führen. Nur gut ein Jahr später zeigt sich, dass die finanziellen Reserven und die Annahmen des Restrukturierungsplans offenbar nicht ausreichten, um neue Belastungen aufzufangen.
Varta verliert Großkunden: Wie Nördlingen zum Symbol der Krise wird
Ein zentraler Auslöser der jüngsten Krise ist der Verlust des wichtigsten Kunden für wiederaufladbare Knopfzellen. Vartas Werk im bayerischen Nördlingen produzierte nahezu ausschließlich sogenannte CoinPower-Zellen, die unter anderem in Apples AirPods eingesetzt wurden. Der Liefervertrag läuft nach Unternehmensangaben Ende Oktober 2026 aus. Die Produktion in Nördlingen soll eingestellt werden; rund 350 Stellen dort und am Konzernsitz in Ellwangen sind betroffen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sollen die Zellen künftig von einem chinesischen Anbieter geliefert werden. Varta selbst nannte den Kunden offiziell nicht.
Die hohe Abhängigkeit von einzelnen Abnehmern hatte Varta bereits in den Jahren zuvor verwundbar gemacht. Das Unternehmen hatte seine Kapazitäten für kleine Lithium-Ionen-Zellen stark erweitert und dafür erhebliche Investitionen finanziert. Als Nachfrage und Abrufmengen hinter den Erwartungen zurückblieben, geriet das Geschäftsmodell unter Druck. Hinzu kamen gestiegene Kosten, schwache Märkte für bestimmte Elektronikprodukte und die Folgen eines Cyberangriffs im Februar 2024.
Für das Geschäftsjahr 2024 meldete Varta einen Umsatz von 793,2 Millionen Euro nach 820,3 Millionen Euro im Vorjahr. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag bei minus 3,5 Millionen Euro. Bereinigt um Sondereffekte erreichte das EBITDA 30,6 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigte zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben mehr als 3.500 Menschen und betrieb fünf Produktions- und Fertigungsstätten in Europa und Asien.
Varta Consumer Batteries: Der wertvolle Teil, um den jetzt gerungen wird
Dass sich die Gläubiger ausgerechnet auf den Geschäftsbereich Consumer Batteries konzentrieren, ist kein Zufall. Das Geschäft mit Haushalts- und Markenbatterien gilt innerhalb des Konzerns als vergleichsweise stabil und profitabel. Noch 2025 zählte Varta Haushaltsbatterien gemeinsam mit Mikrobatterien und stationären Energiespeichern zu seinen margenstarken Kerngeschäften. Die Sparte bietet neben klassischen Batterien auch Ladegeräte, Taschenlampen, Powerbanks und Spezialbatterien an.
Dass ein Eigentümerwechsel vorbereitet wurde, war bereits Anfang Juni erkennbar. Bei der österreichischen Bundeswettbewerbsbehörde meldeten die Londoner Niederlassung der Deutschen Bank und mit Blantyre verbundene Fonds den geplanten Erwerb von jeweils mehr als 25 Prozent am operativen Varta-Geschäft an. Die Behörde und der Bundeskartellanwalt beantragten keine vertiefte Prüfung; das Vollzugsverbot endete am 7. Juli 2026. Die Anmeldung legt nahe, dass die Gläubiger eine mögliche Verwertung ihrer Sicherheiten schon mehrere Wochen vor der nun bekannt gewordenen Entscheidung vorbereitet hatten.
Ein Alternativangebot kam von der Schweizer Allswiss-Gruppe. Sie erklärte sich nach eigenen Angaben bereit, Varta-Forderungen im Nominalwert von rund 298 Millionen Euro zu übernehmen. Ziel sei gewesen, den Konzern als Einheit zu erhalten und neue Batterietechnologien aufzubauen. Zu direkten, abschließenden Verhandlungen mit der Gläubigergruppe kam es Medienberichten zufolge jedoch nicht. Zugleich wurden in der Finanzpresse Fragen zur finanziellen Leistungsfähigkeit des Interessenten aufgeworfen.
Varta-Technologie in Gefahr: Was aus Natrium-Ionen-Batterien und Speichern wird
Die Aufspaltung hat deshalb nicht nur finanzielle, sondern auch industriepolitische Bedeutung. Varta verfügt neben dem Konsumentengeschäft über Kompetenzen bei Hörgerätebatterien, Lithium-Ionen-Zellen, kundenspezifischen Batteriepacks und stationären Speichern. Das Unternehmen forscht außerdem an alternativen Zellchemien. Dazu gehört die Natrium-Ionen-Technologie, die ohne Lithium auskommt und vor allem für stationäre Speicher sowie Anwendungen interessant sein könnte, bei denen Kosten und Rohstoffverfügbarkeit wichtiger sind als eine besonders hohe Energiedichte.
Varta Storage ist seit 2026 am Fraunhofer-Projekt SIB:DE beteiligt, das die industrielle Fertigung von Natrium-Ionen-Zellen in Deutschland voranbringen soll. Auf seiner eigenen Forschungsplattform nennt Varta zudem das Projekt ENTISE zur Entwicklung industriell skalierbarer Natrium-Ionen-Energiespeicher. Eine Aufteilung des Konzerns könnte die Bündelung von Entwicklung, Zellfertigung, Systemintegration und Vertrieb erschweren.
Varta und die Batteriepolitik: Warum Fördergeld allein keine Industrie rettet
Schon 2020 hatten Bund, Bayern und Baden-Württemberg Varta Fördermittel von insgesamt bis zu 300 Millionen Euro für den Ausbau der Batteriezellfertigung zugesagt. Die damalige Hoffnung war, eine europäische Produktion aufzubauen und die Abhängigkeit von asiatischen Herstellern zu verringern. Die aktuelle Krise zeigt jedoch, dass technisches Wissen und staatliche Förderung allein keinen dauerhaft tragfähigen Geschäftsbetrieb garantieren. Entscheidend bleiben verlässliche Großkunden, wettbewerbsfähige Produktionskosten und ausreichend Kapital für die Industrialisierung neuer Technologien.
Für die Beschäftigten und die verbleibenden Unternehmensbereiche beginnt nun eine Phase großer Unsicherheit. Noch ist nicht geklärt, welche Sparten gemeinsam fortgeführt, verkauft oder geschlossen werden sollen. Fest steht lediglich: Das im Frühjahr 2025 verkündete Ziel, Varta als geschlossenes Batterieunternehmen zu stabilisieren, ist nicht erreicht worden. Der stärkste Geschäftsbereich soll nun herausgelöst werden – während über die Zukunft des übrigen Konzerns neu verhandelt werden muss.
Varta und Tojner: Warum die Aufspaltung auch Österreich betrifft
Die Entwicklung bei Varta hat auch eine österreichische Dimension. Der Wiener Unternehmer Michael Tojner war lange Zeit Mehrheitsaktionär des Batterieherstellers und hielt 2021 über die in Wien ansässige VGG AG mittelbar 55,45 Prozent der Anteile. Im Zuge des Restrukturierungsverfahrens wurden jedoch alle damaligen Aktien eingezogen, auch Tojners Beteiligung. Seit Abschluss der bilanziellen Sanierung im April 2025 sind Tojner und der Sportwagenhersteller Porsche wieder mittelbare Gesellschafter. Die Rekapitalisierung umfasste eine Kapitalerhöhung von 60 Millionen Euro sowie eine zusätzliche Finanzierung in gleicher Höhe; zugleich sank die Verschuldung von rund 485 Millionen Euro auf etwa 230 Millionen Euro.
Tojner ist österreichischer Staatsbürger, lebt in Wien und ist Eigentümer mehrerer Beteiligungsgesellschaften. Er gehört weiterhin dem Aufsichtsrat von Varta an. Auch der geplante Einstieg der Gläubiger hat einen Österreich-Bezug: Die Deutsche Bank und mit Blantyre Capital verbundene Fonds meldeten am 8. Juni 2026 bei der österreichischen Bundeswettbewerbsbehörde den Erwerb von jeweils mehr als 25 Prozent am operativen Geschäft an. Eine vertiefte Prüfung durch das Kartellgericht wurde nicht beantragt; das Durchführungsverbot endete am 7. Juli 2026.