Siemens | Künstliche Intelligenz | Konzernumbau : Siemens Milliarden-Wette mit Risiko: Jetzt gerät die Tech-Vision unter Druck
Die Tech-Vision ist klar, doch intern wächst der Druck: Siemens muss seine Strategie jetzt in eine neue Konzernstruktur übersetzen.
- © Frank Hoermann / dpa Picture Alliance / picturedesk.comAktive Mitgliedschaft erforderlich
Das WEKA PRIME Digital-Jahresabo gewährt Ihnen exklusive Vorteile. Jetzt WEKA PRIME Mitglied werden!
Sie haben bereits eine PRIME Mitgliedschaft?
Bitte melden Sie sich hier an.
So sieht die Zukunft aus, die Siemens für sich selbst zeichnet: eine „ONE Tech Company“. Vernetzt, digital, KI-getrieben. Doch genau dieses Ziel setzt den Konzern nun unter Druck. Denn um dort hinzukommen, reicht die Vision nicht mehr aus. Siemens steht vor dem nächsten tiefen Umbau – und der dürfte weit stärker in die Struktur des Konzerns eingreifen als viele der vorangegangenen Schritte. Reuters berichtete Ende März, Siemens plane eine Neuordnung, bei der die bisherigen Kernsparten Digital Industries und Smart Infrastructure in mehrere kleinere Einheiten aufgeteilt werden könnten, die direkt an den Vorstand berichten. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bislang nicht; Siemens wollte sich dazu nicht äußern.
Lesetipp: KI am Shopfloor: Warum Unternehmen jetzt deutlich effizienter produzieren
Dabei erfindet sich Siemens nicht erst seit gestern neu. Der Konzernumbau läuft seit Jahren. Das Siemens von heute hat mit dem breit aufgestellten Industrie- und Technologiekonglomerat der 2000er- und 2010er-Jahre nur noch wenig gemeinsam. Das Lichtgeschäft wurde mit Osram abgespalten, der Anteil an BSH an Bosch verkauft, 2020 folgte die Abspaltung des Energiegeschäfts in Siemens Energy. Auch die Medizintechnik gehört längst nicht mehr selbstverständlich zum Konzernkern: Siemens Healthineers ist seit Jahren börsennotiert, und im November 2025 kündigte Siemens an, die Beteiligung auf eine bedeutende Minderheit reduzieren zu wollen.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
ONE Tech Company: Warum Busch Siemens zur Industrie-Plattform umbaut
Zurück blieb ein deutlich fokussierterer Konzern. Im Zentrum stehen heute vor allem Digital Industries, Smart Infrastructure und Mobility. Siemens will nicht mehr alles zugleich sein, sondern dort stark sein, wo Automatisierung, Software und industrielle Technologie zusammenkommen. Das Abwerfen von Ballast war dabei nur der erste Schritt. Denn Roland Busch will aus Siemens nicht nur einen schlankeren Konzern machen, sondern eine technologische Plattform für die Industrie der Zukunft. Auf der Hannover Messe 2025 beschrieb Siemens den eigenen Kurs ausdrücklich als nächsten Schritt auf dem Weg zur „ONE Tech Company“.
Lesetipp: Sicherheitstechnik: KI-Roboter und Drohnen zeigen, wie Werkschutz jetzt wirklich funktioniert
Genau so will Busch Siemens positionieren: nicht nur als Hersteller von Maschinen, Steuerungen oder Gebäudetechnik, sondern als Unternehmen, das die reale Industrie mit Software, Daten und künstlicher Intelligenz verbindet. Entwicklung, Simulation, Automatisierung und Betrieb sollen in einem System zusammenkommen. Der Name dafür ist Xcelerator. Siemens hatte die offene digitale Business-Plattform 2022 vorgestellt; sie bündelt eigene Technologien, Partnerlösungen und einen Marktplatz, über den Kunden Hard- und Software kombinieren können.
Digitaler Zwilling und Altair: Die milliardenschwere Software-Wette
Im Zentrum dieser Strategie steht der digitale Zwilling. Er ist das virtuelle Abbild einer Maschine, einer Fabrik oder eines ganzen Systems. Was bislang aufwendig in Testumgebungen oder Werkhallen erprobt werden musste, soll zuerst in der Simulation stattfinden: schneller, präziser und mit geringerem Risiko. Siemens und Nvidia arbeiten seit 2022 daran, digitale Zwillinge und industrielle KI enger zusammenzuführen; auf der CES 2026 kündigten beide Unternehmen an, ihre Partnerschaft zu einem „Industrial AI Operating System“ auszubauen.
Lesetipp: Siemens‑Chefin: Emotionale Intelligenz als Gamechanger in der Industrie
Wie ernst es Siemens mit seiner Softwarestrategie meint, zeigte sich spätestens 2025. Ende März schloss der Konzern die Übernahme des US-Spezialisten Altair ab, für rund 10 Milliarden Dollar. Altair ist auf Simulation, High-Performance-Computing, Datenanalyse und KI spezialisiert. Kurz darauf, Anfang April, kündigte Siemens die Übernahme von Dotmatics für 5,1 Milliarden Dollar an, eines Softwareanbieters aus Boston für Forschung und Entwicklung in Chemie, Pharma und Biotechnologie. Im Juli 2025 wurde der Kauf abgeschlossen. Siemens erschließt sich damit gezielt weiteres Wachstum jenseits der klassischen Industrieautomation.
Konzernumbau mit Sprengkraft: Wie die Zentrale mehr Macht bekommen soll
Darin liegt die eigentliche Wette von Roland Busch: Siemens will das digitale Betriebssystem der Industrie bauen. Und genau deshalb reicht der alte Umbau nun offenbar nicht mehr aus. Was Siemens nach außen als „ONE Tech Company“ verkauft, bedeutet nach innen vor allem eines: weniger Silos, mehr zentrale Steuerung und weniger Parallelstrukturen. Nach Reuters-Informationen könnten die beiden zentralen Sparten Digital Industries und Smart Infrastructure in ihrer bisherigen Form wegfallen. An ihre Stelle würden sechs oder sieben kleinere Bereiche treten. Die Bahntechniksparte Mobility soll von diesem Umbau zunächst unberührt bleiben. Gespräche mit Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretern werden demnach im Mai erwartet.
Lesetipp: Manager-Warnung: ‚Wir arbeiten uns aus dem Markt‘ – Standort Österreich unter Druck
Der Hintergrund ist klar: Siemens will Technologien nicht länger in mehreren Einheiten parallel entwickeln und Kunden stärker aus einer Hand bedienen. Die Zentrale soll dort durchgreifen, wo Länder- und Spartenstrukturen bislang Reibung erzeugen. Doch dieser Umbau greift tief in die Logik des Konzerns ein. Er verändert Zuständigkeiten, Einfluss und Macht – im Vorstand ebenso wie darunter. Dass Peter Körte ab Juli 2026 zusätzlich zu seiner Rolle als Technologie- und Strategiechef auch Smart Infrastructure übernehmen soll, zeigt bereits, wie eng Siemens Strategie, Technologie und operatives Geschäft künftig zusammenziehen will.
KI-Boom, Stellenabbau, China-Schwäche: Jetzt kommt der Härtetest
Der Druck auf den Konzern ist dabei nicht nur strategisch, sondern auch operativ. Gerade die Sparte Digital Industries geriet zuletzt unter Belastung. Reuters berichtete bereits 2024 über eine schwächere Nachfrage in China und Europa. Im März 2025 kündigte Siemens dann den Abbau von 5.600 Stellen in Digital Industries an. Zugleich betont der Konzern, dass KI, Software und digitale Infrastruktur zu den wichtigsten Wachstumstreibern gehören. Im Februar 2026 hob Siemens seinen Ausblick an und verwies dabei auch auf starke Nachfrage nach Infrastruktur für Rechenzentren und KI-Anwendungen.
Lesetipp: 124.000 Jobs verloren: Historischer Stellen-Kahlschlag erschüttert Industrie
Die „ONE Tech Company“ wird damit zur Bewährungsprobe. Roland Busch hat Siemens in eine neue Richtung geführt: Software statt Bauchladen, Plattform statt Parallelstruktur, KI als Wachstumstreiber. Die Erzählung dahinter ist stark – bei Investoren, auf Kapitalmarktbühnen und in der öffentlichen Positionierung des Konzerns. Doch jetzt muss aus der Strategie eine neue Organisation werden. Aus der Vision muss Struktur werden. Siemens kann das Zukunftsbild längst beschreiben. Nun muss der Konzern zeigen, dass er es auch in der eigenen Organisation durchhält.