Elektronik : Endress+Hauser-Manager: "Niemand wird einfach so der KI das Ruder übergeben"
Rolf Birkhofer, Geschäftsführer E+H Digital Solutions: "Wir reden seit 2015 davon, Ethernet auch in der Prozesstechnik ins Feld zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, ist es tatsächlich eine praktikable Technik geworden"
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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Birkhofer, die Digitalisierung ist der Mega-Trend der Industrie. Wie verändert sie ihr Geschäft?
Birkhofer: Es ist kein neuer Trend – die Digitalisierung machen wir seit 30 Jahren. Die Feldbusse wurden in den 1990er-Jahren erfunden. Schon damals fragten wir uns: Jeder Sensor, der Durchfluss misst, misst nebenher auch Temperatur und Betriebsstunden, führt Selbstdiagnosen durch.
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Da schlummert ein Datenschatz. Wir haben damals inside-out gedacht: Das müsste doch unsere Kunden interessieren.
Hat sich die Zusammenarbeit mit Kunden verändert?
Birkhofer: Ja, deutlich. Früher waren wir sehr herstellergetrieben. Co-Creation war nicht wirklich ausgeprägt. Das hat sich geändert.
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Lead-Kunden wie BASF arbeiten heute nicht nur mit uns, sondern auch mit anderen Unternehmen zusammen und haben ein echtes Interesse daran, gemeinsam etwas Sinnvolles aus der Digitalisierung zu machen.
Welche Rolle spielen digitale Plattformen in Ihrem Markt ?
Birkhofer: Der IoT-Plattform-Hype kam um 2015 – was wir heute mit KI erleben, haben wir damals mit dem Internet der Dinge erlebt. Manche sprachen von Milliarden vernetzter Geräte, viele machten sich auf den Weg, eine Plattform zu bauen. Die Logik dahinter war: Wer die Plattform hat, bleibt langfristig mit dem Kunden verbunden und profitiert von dieser Konnektivität.
Viele haben diesen Ansatz aber wieder aufgegeben?
Birkhofer: Ja. Eines der prominentesten Beispiele ist GE mit Predix. Vor zehn Jahren war das riesig aufmacht– heute gibt es das kaum noch. Auch SAP Leonardo ist Geschichte. Wir sind 2018 mit Netilion auf den Markt gekommen und sind immer noch auf dem Markt. Und unsere rein digitalen Dienste wachsen jährlich noch immer zweistellig. Davon leben können wir noch nicht – aber es wächst stärker als vieles andere.
Was ist an Netilion anders?
Birkhofer: Wir sind langfristig denkend, und der Überzeugung das Fundament richtig gebaut zu haben: Security und Digital Twin sind die Basistechnologien dazu, Netilion ist nach ISO 27017 zertifiziert und wird nach allen Regeln der Kunst auditiert. Das haben nicht viele in der Industrial-IoT-Welt. In der Industrie braucht man langen Atem – das ist nicht wie in der Konsumwelt, wo eine App in einem halben Jahr funktionieren muss.
APL – Advanced Physical Layer – hat auch etwas länger gebraucht zu haben. Aber jetzt scheint es dann doch Fahrt aufzunehmen?
Birkhofer: Wir reden seit 2015 davon, Ethernet auch in der Prozesstechnik ins Feld zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, ist es tatsächlich eine praktikable Technik geworden – verpolungssicher, zwei Kabel, Energieübertragung möglich. Wir von Endress+Hauser haben nach meinem Kenntnisstand den breitesten Produktkorb für Profinet APL: Temperatur, Druck, Füllstand, Flow, dazu Engineering-Tools. Die Vorteile von APL, Daten und Versorgung in Zweileitertechnik, sowie die große Bandbreite von 10 MBit/s scheint auch in anderen Branchen Interesse zu wecken: Sanofi zum Beispiel plant APL zu testen – in der Pharma-Industrie profitiert man von allen Vorteilen, insbesondere dem nahtlosen Ersatz des alten HART-Protokolls.
Ihre Kunden gelten als konservativ. Wie hoch ist die Bereitschaft zur Digitalisierung?
Birkhofer: Die war eigentlich schon immer hoch. Hersteller hatten stets Druck, günstiger zu produzieren. Und die Regulatorik treibt die Digitalisierung zwangsläufig voran: Stellen Sie sich vor, Sie managen 5.000 Instrumente auf Papier, und der Auditor will den Kalibrierreport eines bestimmten Gerätes zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen – das ist irre ohne digitalen Support. Was heute dazukommt: der Fachkräftemangel. Wer bedient die Anlagen in 15 Jahren noch? Das macht die Digitalisierung letztlich unausweichlich.
Welche Rolle spielt KI – intern und für Ihre Kunden?
Birkhofer: Intern setzen wir KI in verschiedenen Bereichen ein: Bilderkennungssysteme prüfen Schweißnähte automatisch. Und wir haben ein Large Language Model, das auf unsere internen Inhalte trainiert ist. Kommt eine Fehlermeldung von einem Gerät, zieht das Modell aus Betriebsanleitungen, Applikationshinweisen und früheren Serviceanfragen die relevanten Informationen heraus. Der Techniker muss nicht mehr den Spezialisten anrufen. Künftig wollen wir das auch Kunden direkt in der Anlage verfügbar machen.
Das klingt gut – aber die Qualitätsanforderungen sind hoch.
Birkhofer: Genau das ist der Unterschied zwischen „ich habe mal übers Wochenende ein ChatGPT-Modell gebaut“ und einem echten Produkt, das qualitätsgemanagt ist und Support hat. Wenn ich ein solches System einem Kunden anbiete, muss es nicht zu 80 Prozent richtig liegen – es muss möglichst immer richtig liegen. Ein spannendes Beispiel für die Zukunft ist Predictive Maintenance auf Basis von Prozessdaten: Wenn KI anhand von Indikatoren sagen könnte „das Gerät ist noch in Ordnung, du musst nicht rekalibrieren, also ausbauen“ – das wäre ein enormer Mehrwert. Noch ist das experimentell, aber die Richtung ist klar.
Ist die autonome Anlage realistisch?
Birkhofer: Die Betriebswirtschaftler sind aufgeschlossen, weil sie sehen: Wir müssen kostengünstiger produzieren, damit es sich überhaupt noch lohnt – insbesondere in Europa. Die Menschen im Feld hingegen sind skeptisch: Bin ich dann überflüssig? Beides ist verständlich. Je mehr Autonomie, desto größer auch das Safety-Problem. Niemand wird einfach so der KI das Ruder übergeben. In der ersten Stufe wird es menschliches Urteil geben – KI und bewährte Algorithmen laufen parallel. Und es wird Safety-Loops geben, die gefährliches Verhalten hart abschalten – wie Überfüllsicherungen heute. Diese Mechanismen werden im KI-Zeitalter nicht verschwinden.