Die Fahrradbranche gilt als Wachstumsmarkt, doch operativ arbeitet sie vielerorts noch erstaunlich handwerklich. Gerade im After-Sales, bei Ersatzteilen, Datenstandards und Wiederaufbereitung endet die industrielle Logik oft dort, wo das Rad verkauft ist. Für Nela Murauer, CEO von JobRad Loop und zuvor zwölf Jahre bei BMW, zuletzt als Head of Joining Technology & Digitalization, tätig, ist genau das eines der strukturellen Defizite der Branche: Der Lebenszyklus werde häufig nicht konsequent zu Ende gedacht. Hersteller, Händler, Werkstätten und Leasinganbieter agierten vielfach nebeneinander, statt in einer durchgängigen Wertschöpfungskette.
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Standards für Stücklisten, Ersatzteile oder digitale Produktdaten seien kaum etabliert. Das bremse "natürlich die Skalierung", sagt Murauer.
Industrielle Prozesslogik
JobRad Loop setzt genau an dieser Bruchstelle an. Das Unternehmen bearbeitet in Leipzig Leasing-Rückläufer aus dem Dienstradgeschäft und macht daraus erneut vermarktbare Fahrräder. Der Unterschied zu Marktteilnehmern liegt im Setup: JobRad vereint Leasing und Refurbishment innerhalb einer Gruppe. Für Murauer ist das ein operativer Vorteil, weil sich die Rohwarenzufuhr wesentlich besser steuern lässt als in Modellen, die auf viele externe Lieferquellen angewiesen sind. Während Wettbewerber wie Upway oder Rebike mit heterogeneren Zuflüssen arbeiten, kommt der Großteil der Fahrräder bei JobRad Loop aus der eigenen Quelle.
Das Werk bei Leipzig ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 65.000 Räder pro Jahr ausgelegt. Aktuell plant das Unternehmen die Aufbereitung von rund 180 Rädern pro Tag. Die Kapazitätsmöglichkeiten des modernen Standorts ermöglichen ein zügiges Hochfahren der Produktion, zum Beispiel im Rahmen der internationalen Ausweitung des Geschäfts.
Entscheidend ist dabei die Übersetzung eines traditionell personalintensiven Reparaturgeschäfts in eine industrielle Prozesslogik. Das Refurbishment von Fahrrädern lässt sich nicht eins zu eins automatisieren wie eine hochstandardisierte Serienfertigung. Dafür ist die Variantenvielfalt zu groß: E-Bikes, Lastenräder, Spezialmodelle, unterschiedliche Komponentenstände, wechselnde Schadensbilder. Murauers Antwort darauf ist Prozessdisziplin.
Am Anfang stehen Wareneingang und Elektronikprüfung – intern fast wie eine "Notaufnahme gedacht", sagt Murauer. Dort wird erfasst, ob ein Rad wiederaufbereitbar ist, welche Teile fehlen und welcher Aufwand zu erwarten ist. Anschließend werden Zubehör und betriebsnotwendige Beigaben getrennt, bevor Arbeitswerte und Ersatzteilbedarf berechnet werden. Erst dann wird das Rad in die Linie eingesteuert. Gute Komponenten gehen zum Teil an Partner, die auf Weiterverwendung spezialisiert sind. Bei Akkus arbeitet JobRad Loop mit dem sächsischen Startup Liofit zusammen.