Halbleiterindustrie : Nexperia-Krise: Wie ein 1-Cent-Chip die Autoindustrie lahmlegt
Produktionsunterbrechungen in der Automobilindustrie: Der Konflikt um die Lieferketten bei Standardhalbleitern zeigt, wie stark selbst günstige Massenbauteile die Fertigung ganzer Werke beeinflussen können.
- © IndustriemagazinEin Chip. So klein wie ein Sandkorn. Sein Wert: ein Cent. Und doch reicht er, um ganze Industrien in die Knie zu zwingen. Nexperia – der Name klingt wie ein Start-up für smarte Steckdosen. Tatsächlich ist es einer der wichtigsten Hersteller von Standard-Halbleitern der Welt.
Seine Bauteile stecken überall: in Airbags, LED-Leuchten, Fensterhebern, Motorsteuerungen.
Kurz: in allem, was im Auto blinkt, piept oder sich bewegt. Gegründet wurde Nexperia aus dem niederländischen Philips-Konzern. 2018 folgt der Einschnitt: Verkauf an den chinesischen Elektronikkonzern Wingtech Technology. Kaufpreis: rund 3,6 Milliarden Dollar.
Seitdem gilt: chinesisches Eigentum – europäische Infrastruktur. Und diese Infrastruktur hat Gewicht. Im Hamburger Werk entstehen fast zehn Prozent aller Standardchips weltweit. Rund 100 Milliarden Stück pro Jahr. Einzelpreis: 1 bis 2 Cent. Austauschbar. Eigentlich. Aber in dieser Menge, an diesem Standort, mitten in Europa? Plötzlich: kritische Infrastruktur. Das sogenannte „Packaging“ – also das Einsetzen der Chips in Miniatur-Gehäuse – erfolgt bei Nexperia traditionell in China.
Doch rund um Nexperia eskalierte ein geopolitischer Konflikt. Ein niederländisches Gericht suspendierte den chinesischen Geschäftsführer – de facto eine Entmachtung des Eigentümers. Peking reagierte. Und stoppte den Export der in China verpackten Nexperia-Chips.
Und trifft damit vor allem: die westliche Autoindustrie. Bei Robert Bosch in Salzgitter: Kurzarbeit in der Elektronikfertigung. Beim Zulieferer Aumovio – der ehemaligen Autosparte von Continental AG – standen die Zeichen auf Kurzarbeit. Volkswagen AG und Mercedes-Benz bereiteten sich auf Produktionsstopps vor. International waren die Folgen noch deutlicher zu spüren: Honda meldet für 2025 eine Minderproduktion von 110.000 Fahrzeugen – wegen der Nexperia-Krise. Nissan verzeichnet immerhin 2.300 Einheiten weniger. Wegen Bauteilen im Wert von einem Cent.
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Die Geschichte der zwei Nexperias
Mittlerweile hat die chinesische Regierung ihre Blockadehaltung aufgegeben: Der Export-Stopp für verpackte Nexperia-Chips wurde großteils ausgesetzt. Und die Autoindustrie reagierte pragmatisch: Europäische, amerikanische und japanische Kunden kaufen die Vorprodukte direkt in Hamburg, organisieren den Transport nach China selbst und erhalten sie vom chinesischen Firmenteil fertig zurück. Umweg-Globalisierung.
De facto existieren heute zwei Nexperias: ein chinesisches und ein niederländisches. Und beide reden nicht mehr miteinander. Parallel baut der europäische Teil Alternativen auf:
Investitionen von rund 300 Millionen Euro in Malaysia und auf den Philippinen. Kapazität: über 70 Milliarden Teile pro Jahr. Ziel: Unabhängigkeit von der chinesischen Weiterverarbeitung – ab Mitte 2026.
Das ist auch dringend notwendig, denn seit den Krisenmonaten Oktober, November und Dezember schreibt das Unternehmen rote Zahlen.
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Die Untersuchung läuft
Währenddessen läuft die juristische Aufarbeitung. Vor wenigen Tagen bestätigte die Unternehmenskammer des Amsterdamer Gerichtshofs die Suspendierung des chinesischen Geschäftsführers und ordnet eine umfassende Untersuchung an.
Im Zentrum steht Zhang Xuezheng. Spitzname: Wing. Die europäischen Manager – darunter der langjährige Finanzvorstand und jetzige Interims-CEO Stefan Tilger und Rechtsvorstand Ruben Lichtenberg – werfen ihm vor, Know-how und Wertschöpfung systematisch nach China verlagern zu wollen.
Konkret: dreifach überhöhte Bestellungen bei einer chinesischen Schwesterfirma. Ein Rettungsring für die chinesische Mutter Wingtech – bezahlt von Nexperia. Als die europäischen Vorstände blockierten - soll ihnen die Bankberechtigung entzogen worden sein.
Das Gericht spricht von „begründeten Zweifeln“ an korrekter Unternehmensführung durch Zhang Xuezheng. Zwei unabhängige Gutachter erhalten weitreichende Befugnisse, das Gebahren zu untersuchen.
Dass Xuezheng oder Nexperia in China mit den Ermittlern zusammenarbeiten wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Das dortige Management erließ schon vor Monaten die Anweisung, sich nicht mehr nach Anordnungen aus Europa zu richten.
Die Anwälte des Eigentümers wiesen Vorwürfe des Missmanagements zurück. Der bisherige Unternehmenschef habe nie versucht, das Unternehmen auszuhöhlen und die Produktion nach China zu verlagern. Xuezheng selbst reiste zur Anhörung des Gerichts im Januar nicht an. Die Fronten sind verhärtet.Und doch funktioniert die Lieferkette wieder.
Ein Chip. Ein Cent. Zwei Nexperias. Und eine Welt, die sich keine Pause leisten kann.