Zulieferer Magna : Magna und die gescheiterte Rettung: Wie ein Werk seine versprochene Zukunft verliert
Magna will sein Werk im unterfränkischen Dorfprozelten schließen. Die IG Metall kritisiert den Schritt scharf und verweist auf frühere Zusagen zur Standortsicherung.
- © APA/ERWIN SCHERIAUDer Automobilzulieferer Magna will sein Werk im unterfränkischen Dorfprozelten schließen. Nach Angaben des Unternehmens soll die Produktion Mitte 2027 eingestellt werden. Von der Entscheidung sind 216 Beschäftigte betroffen. An dem Standort im Landkreis Miltenberg werden Außen- und Rückspiegel für Fahrzeuge hergestellt.
>>> Xpeng und GAC bringen Magna Steyr neue Auslastung – doch reicht das für das Werk in Graz?
Magna begründet den Schritt mit einer über längere Zeit negativen Geschäfts- und Marktentwicklung. Investitionen und Kostensenkungsmaßnahmen hätten nicht ausgereicht, um den Standort dauerhaft wirtschaftlich betreiben zu können. Genauere Angaben zur finanziellen Lage des einzelnen Werks oder zu den betroffenen Kundenaufträgen machte das Unternehmen zunächst nicht.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Magna zieht in Dorfprozelten die Reißleine
Die IG Metall reagierte mit scharfer Kritik. Aus Sicht der Gewerkschaft steht die Entscheidung im Widerspruch zu Vereinbarungen, die Magna und die Arbeitnehmervertretung im Jahr 2023 getroffen hatten. Damals sollte das Werk bereits geschlossen werden. Nach Protesten und intensiven Verhandlungen verständigten sich beide Seiten jedoch auf ein Konzept zur Fortführung des Betriebs.
Das im Juli 2023 vorgestellte Eckpunktepapier sah eine Standortsicherung bis mindestens Ende 2028 vor. Mindestens 250 Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben. Zu diesem Zeitpunkt waren in Dorfprozelten noch rund 450 Menschen beschäftigt. Bestandteil des Konzepts waren nach Angaben der IG Metall neue Technologien, zusätzliche Produkte, Folgeaufträge und weitere Investitionen. Außerdem wurden Freiwilligenprogramme, Qualifizierungsmaßnahmen und eine Zusammenarbeit mit der regionalen Arbeitsagentur vereinbart.
Der aktuellen Beschäftigtenzahl zufolge ist die Belegschaft seit der Vereinbarung bereits deutlich geschrumpft. Statt der damals angestrebten Mindestgröße von 250 Mitarbeitern arbeiten heute noch 216 Menschen im Werk. Die Schließung soll zudem rund eineinhalb Jahre vor dem ursprünglich zugesagten Ende der Standortsicherung erfolgen.
Der Streit um die versprochene Zukunft des Magna-Werks
Die IG Metall wirft dem Unternehmen vor, wesentliche Voraussetzungen des Fortführungskonzepts nicht umgesetzt zu haben. Es seien weder ausreichend neue Produkte in Dorfprozelten angesiedelt noch vereinbarte Aufträge und Produktionsanlagen von anderen Standorten dorthin verlagert worden. Percy Scheidler, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Aschaffenburg, erklärte, die Beschäftigtenvertretung habe mehrfach auf veränderte Marktbedingungen reagiert, Konzepte angepasst und neue Vorschläge eingebracht. Magna habe nun jedoch selbst festgestellt, dass der Standort nicht mehr tragfähig sei, nachdem zugesagte Arbeit ausgeblieben sei. Scheidlers Urteil: „Unternehmertum sieht anders aus.“
Besonders umstritten ist der Umgang mit der sogenannten LC-Spiegelglas-Technologie. Nach Darstellung der Gewerkschaft sollte sie eine zentrale Zukunftsperspektive für das Werk bilden. Das Management habe jedoch entschieden, die Technologie nicht bis zur Serienreife weiterzuentwickeln. Gewerkschaftssekretär Christoph Curs verweist darauf, dass für Entwicklung und Vermarktung Fördermittel des Freistaats Bayern eingesetzt worden seien. Die konkrete Höhe dieser Förderung wurde in den bisher veröffentlichten Angaben allerdings nicht genannt.
Dorfprozelten zeigt die Krise der Autozulieferer
Schon die erste angekündigte Schließung im Jahr 2023 hatte zu erheblichen Auseinandersetzungen geführt. Die IG Metall organisierte damals gemeinsam mit der Belegschaft Aktionen, Warnstreiks und einen regionalen Aktionstag der Automobilzulieferer. Zudem wurde zusammen mit politischen Vertretern ein Runder Tisch zur Sicherung von Arbeitsplätzen in der Zulieferindustrie eingerichtet. Nach Gewerkschaftsangaben stand unmittelbar vor der Einigung sogar eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik bevor.
Die Entwicklung in Dorfprozelten steht zugleich für den wachsenden Druck auf die deutsche Automobilzulieferindustrie. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Ende des dritten Quartals 2025 in der gesamten deutschen Autoindustrie rund 48.700 Menschen weniger beschäftigt als ein Jahr zuvor. Das entsprach einem Rückgang von 6,3 Prozent. Besonders stark traf der Stellenabbau die Hersteller von Fahrzeugteilen und Zubehör: Dort sank die Beschäftigtenzahl innerhalb eines Jahres um 11,1 Prozent auf knapp 235.400.
Warum die Magna-Schließung weit über Bayern hinaus wirkt
Auch eine Umfrage des Verbands der Automobilindustrie vom Juni 2026 zeichnet ein schwieriges Bild. Demnach bauten 54 Prozent der befragten Zulieferer und mittelständischen Fahrzeugunternehmen Arbeitsplätze in Deutschland ab, während lediglich drei Prozent zusätzliche Stellen schufen. Zwei Drittel der Unternehmen gaben außerdem an, geplante Investitionen in Deutschland zu verschieben, ins Ausland zu verlagern oder vollständig zu streichen. Da es sich um eine Verbandsumfrage handelt, sind die Ergebnisse nicht mit einer Vollerhebung der gesamten Branche gleichzusetzen. Sie bestätigen jedoch den erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Druck, unter dem viele Zulieferbetriebe stehen.
Für die Beschäftigten in Dorfprozelten beginnt nun erneut eine schwierige Auseinandersetzung um ihre Zukunft. Noch offen ist, ob die Gewerkschaft die Schließungsentscheidung rechtlich oder tarifpolitisch angreifen kann und welche Abfindungs-, Transfer- oder Qualifizierungsangebote Magna vorlegen wird. Fest steht bereits: Die geplante Stilllegung beschädigt aus Sicht der IG Metall das Vertrauen in langfristige Standortvereinbarungen weit über Dorfprozelten hinaus.