Interview

KTM Fahrrad: „Der Markt ist ein Chaos geworden“

Carol Urkauf-Chen ist der Prototyp einer Entrepreneurin: Mit ihrem taiwanesischen Unternehmen als Bürgschaft hat sie KTM Bikes vor dem Untergang gerettet – und im Alleingang saniert. Jetzt navigiert ihre Tochter Johanna Urkauf das Unternehmen durch Lieferketten-Risse, Nachfrageboom und wachsende Konkurrenz von durchaus bekannten Mitbewerbern.

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Ihr Geschäft wächst kontinuierlich. Wie haben sich die Zahlen im letzten Jahr durch die  Corona-Pandemie entwickelt? Fahrräder wurden ja enorm nachgefragt...

Johanna Urkauf Das stimmt. Die Corona-Pandemie ist fast schon wie eine Werbekampagne für Fahrräder und das E-Bike. Man muss aber auch sagen es ist für uns die Fortsetzung eines positiven Trends der letzten Jahre. Wir würden gern die Produktion noch mehr steigern, aber es ist zur Zeit aufgrund des Materialmangels einfach nicht möglich.

Carol Urkauf-Chen Ohne Pandemie wächst das Fahrradgeschäft schon gewaltig. Mit der Pandemie ist aber der ganze Markt ein Chaos geworden. Vor allem was die Supply Chain angeht.  

Johanna Urkauf Wir haben extrem lange Lieferzeiten, auch große Lieferverspätungen unserer Lieferanten oder von Speditionen. Lieferverzögerungen von ein paar Wochen sind ganz normal. Vor der Pandemie hatten wir vier Monate Lieferzeit für wichtige Teile - jetzt sind es schon zwei Jahre. Und auch die Kosten für Frachtcontainer haben sich vervielfacht.

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Wie gehen Sie mit den Problemen, vor allem bei der Supply Chain, um?

Johanna Urkauf Bei den Containerkosten haben wir keine große Wahl, die muss man tragen. Dadurch werden wohl auch unsere Räder und E-Bikes für dieses Modelljahr teurer. Das müssen wir uns noch genau anschauen.

Ihr Ex-Mann hat KTM Fahrrad nach der Pleite von KTM Fahrzeugbau 1991 übernommen. 1995 stand das Unternehmen vor dem Konkurs. Wie ging es weiter?

Carol Urkauf-Chen Wir haben versucht die Firma zu verkaufen, wir haben sogar versucht, sie herzuschenken, aber nicht geschafft. Ein neuer Eigentümer hätte natürlich die Schulden zurückzahlen müssen. Das wollte niemand. Interessiert hätten sich viele für die Firma, besonders KTM Motorrad. Aber niemand wollte die Schulden übernehmen. Mein Ex-Mann wollte nicht warten und ist in die USA gegangen.

Sie haben den Konkurs abgewendet und KTM Fahrrad in die schwarzen Zahlen geführt. Wie haben Sie das gestemmt?

Carol Urkauf-Chen Ich hatte selbst damals schon 17 Jahre Erfahrung in der Fahrrad-Branche. Diese Erfahrung hat mir natürlich sehr viel geholfen. Auch bei den Lieferantenbeziehungen, da ich mir bereits einen guten Ruf aufgebaut habe. Ich habe einen Lieferanten nach dem anderen gebeten und mit meiner Firma in Asien eine Garantie gegeben. Ich habe garantiert, dass ich alle Schulden zurückzahle. Das haben wir innerhalb eines Jahres geschafft.

Es muss als Frau und Ausländerin am Land sehr schwierig sein, ein marodes Unternehmen zu übernehmen, sie hatten aber auch kaum Sprachkenntnisse, waren Mutter von zwei kleinen Kindern und hatten keine eigene Familie in der Nähe.

Carol Urkauf-Chen Wenn ich heute zurückdenke kann ich nicht glauben, dass ich das geschafft habe. Es war eine sehr schwere Aufgabe, und ich war allein. Aber ich habe durch meine Kinder die Kraft bekommen. Erfahrung habe ich genug. Wenn Sie mir heute ein Produkt zeigen kann ich Ihnen sofort und ganz genau sagen, wie es noch verbessert werden kann. Das ist mein meine Stärke. Und grundsätzlich habe ich auch kein Problem, eine Firma zu führen. Nur als Frau und Ausländerin meine Meinung durchzusetzen brauchte doppelt so viel Zeit und Energie.

Haben Sie je überlegt, zu Ihrer Firma in Asien zurückzukehren und KTM Fahrrad in Konkurs zu schicken?

Carol Urkauf-Chen Ja das war auch eine Möglichkeit. Aber vor 30 Jahren war ein Konkurs noch sehr schlimm, nicht wie heute. Es wäre für die Familie eine große Blamage gewesen und für die Zukunft der Kinder eine Katastrophe. Das ist nicht mein Charakter.

Wer führte und führt denn Ihre Firma in Taiwan, während Sie in Österreich sind?

Carol Urkauf-Chen Mein Unternehmen habe ich nun schon fast 40 Jahre. Das habe ich gegründet. Ich habe meinen Geschwistern in Asien jahrelang beigebracht, das Unternehmen ohne mich zu führen. Das ging aber natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, das hat sehr lange gedauert.

Interview © Michael Rausch-Schott

Carol Fong-Mei Urkauf-Chen (rechts im Bild) ist seit 1997 Alleineigentümerin der KTM Fahrrad GmbH mit Sitz in Mattighofen (OÖ), die mit über 500 Mitarbeitern zuletzt 350 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete. Das Unternehmen, das zuvor vom Salzburger Radgroßhändler Hermann Urkauf erworben wurde, stand 1995 vor dem Konkurs. Urkauf-Chen übernahm Anfang 1996 die Geschäftsführung und bürgte für die Schulden von KTM mit ihrem taiwanesischen Unternehmen, einem Handel für Fahrradrahmen. Sie optimierte die Arbeitsprozesse und Vertriebswege und sanierte das Unternehmen.

Tochter Johanna Urkauf ist Anfang 2018 in die Geschäftsführung aufgerückt, Carol Urkauf-Chen hat sich seither in den Aufsichtsrat zurückgezogen.

Ihr Ex-Mann hat schon recht früh ein E-Bike gebaut. Wann gab es das erste E-Bike bei KTM Fahrrad zu kaufen?

Carol Urkauf-Chen KTM hat 1994 schon ein E-Bike für den ÖAMTC gebaut. Es war ein normales Fahrrad, und im Gepäckträger war ein Elektromotor mit Batterie montiert. Das war sehr einfach konstruiert, aber es war ein E-Bike. 1995 hat mein Ex-Mann ein E-Bike entwickelt, und man muss schon sagen: Die ganze Idee ist wie heute.

Stefan Pierer ist ebenfalls in das Geschäft mit E-Bikes eingestiegen. Wie sehr betrifft das das Geschäft von KTM Fahrrad?

Carol Urkauf-Chen In den letzten paar Jahren kommen so unglaublich viele unterschiedliche neue Marken. Jeder will einen Anteil am E-Bike-Kuchen. Ehrlich gesagt haben wir das kaum gemerkt. Unser Wachstum bleibt.

Wann rechnen Sie mit einer Stagnation bei E-Bikes?

Johanna Urkauf Die letzten Jahre hat es vor allem im Produkt selbst eine große Weiterentwicklung gegeben – das Seniorenfahrrad wurde zum Lifestyle-Produkt. Wir waren unter den allerersten E-MTB Anbietern und jetzt gibt es sogar E-Rennräder. Diese Entwicklung hat sich bei uns vor allem im DACH-Raum abgespielt, wir sehen aber auch immer mehr Interesse in anderen europäischen Ländern. Das hängt natürlich stark von der Konsumentenstimmung ab, aber wenn diese stabil bleibt, dann sollte sich das Wachstum auch in diesen Ländern fortsetzen. Auch Amerika ist für uns interessant.

Können Sie das Wachstum mit der aktuellen Produktionssituation bedienen?

Johanna Urkauf Eines der Hauptthemen neben der Lieferkette ist der Ausbau der Kapazität – ein schrittweiser, vernünftiger, solider Ausbau.

Carol Urkauf-Chen Wir haben bis jetzt jedes E-Bike in Mattighofen produziert. Bei einem Wachstum von etwa 20 Prozent pro Jahr ist das nicht so einfach. Wir haben in den letzten drei Jahren vier neue Produktionshallen gebaut. Jetzt wollen wir noch zwei weitere bauen.

Sie bleiben also mit der Produktion der E-Bikes in Österreich?

Johanna Urkauf Ja. Es ist ein unglaublicher Innovationsdruck und eine unglaubliche Innovationsgeschwindigkeit zur Zeit im E-Bike-Markt zu beobachten. Da ist es natürlich ein Vorteil, wenn die Entwicklung, Qualitätskontrolle und die Produktion am selben Ort sind.

"Irgendwann muss die Marke einmal heimkommen", sagte Stefan Pierer einmal in Ihre Richtung, Frau Urkauf-Chen. Wie gehen Sie mit dieser Aussage um?

Carol Urkauf-Chen Ich hatte mit Herr Pierer drei Jahre lang vor Gericht zu tun, voriges Jahr im Mai wurde zu hundert Prozent festgestellt, dass alle Marken im Fahrradbereich mir gehören. Was Pierer sagt ist seine Meinung.

Wann haben Sie sich entschlossen, das Unternehmen zu übernehmen und seit wann arbeiten Sie mit, Frau Urkauf?

Johanna Urkauf Ende 2015 habe ich begonnen hauptberuflich bei KTM Fahrrad mitzuarbeiten, davor habe ich immer wieder auf Messen oder den Ferien ausgeholfen. Ich wollte die Mitarbeiter kennenlernen und das Produkt genau verstehen und lernen, wie Strukturen und Prozesse bei uns ablaufen. 2018 hat mich meine Mutter im Zuge einer Umstrukturierung gefragt, ob ich in die Geschäftsleitung wechseln möchte und hat zugesagt, dass sie uns weiterhin im Aufsichtsrat unterstützen wird. Da habe ich sehr gerne Ja gesagt.

Wie sieht die nähere Zukunft für KTM Fahrrad aus? Welche Themen stehen bei Ihnen ganz oben auf der Agenda?

Johanna Urkauf Das Lieferkettenmanagement und Ausbau der Kapazität, und auch Entwicklung und Innovation ist immer an vorderster Stelle bei uns und die Grundvoraussetzung dafür, dass wir am E-Bike-Markt bestehen bleiben. Aber auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Rennrädern oder Carbon-Rädern investieren wir weiterhin in Innovation.

Sie investieren viel in Marketing. Wieviel investieren Sie konkret und worin genau?

Carol Urkauf-Chen Zwei Prozent vom Umsatz waren für mich immer eine gute Grundlage. Da unser Umsatz steigt, haben wir auch begonnen, ein Team bei der Tour de France zu sponsern. Das ist für die Internationalisierung sehr wichtig. Wir waren auch beim Giro d’italia vertreten und haben unterschiedliche Rennrad- und Mountainbike-Teams in fast jedem Land.