ZF in der Krise: Schulden, Strukturprobleme und der Beginn eines Ausverkaufs
ZF Friedrichshafen ist aus einer einzigartigen industriellen und gesellschaftlichen Geschichte hervorgegangen. Mehrheitseigentümer ist bis heute die Zeppelin-Stiftung, die aus einer Spendenbewegung nach dem Absturz eines Zeppelin-Luftschiffs Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Dieses besondere Eigentümerkonstrukt sicherte dem Konzern über Jahrzehnte Stabilität und langfristige Planung. ZF entwickelte sich zu einem der größten Autozulieferer der Welt und liefert heute nahezu alle zentralen Fahrzeugkomponenten – von Getrieben und Fahrwerken bis hin zu Elektronik und Fahrerassistenzsystemen – an Kunden wie Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und Tesla. Den Aufstieg zum globalen Industriegiganten erkaufte sich ZF jedoch vor allem im vergangenen Jahrzehnt durch massive Übernahmen. Der Kauf des US-Zulieferers TRW für rund 12 Milliarden Dollar und später des Nutzfahrzeugspezialisten Wabco für etwa 7 Milliarden Euro vergrößerten das Portfolio, hinterließen aber einen Schuldenberg von über zehn Milliarden Euro. In Zeiten hoher Nachfrage war diese Last tragbar, doch sie machte den Konzern extrem anfällig für konjunkturelle Rückschläge.
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Mit dem Abschwung der Automobilindustrie wurde diese Verwundbarkeit sichtbar. Sinkende Abrufe großer Hersteller, steigender Preisdruck durch chinesische Wettbewerber und hohe Investitionen in neue Technologien trafen auf hohe Zinskosten. 2024 rutschte ZF in einen Verlust von knapp einer Milliarde Euro, auch 2025 zeichnet sich kein Turnaround ab. Sparprogramme und Projektstopps konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Nun folgt der nächste Schritt: der Verkauf ganzer Geschäftsbereiche. Den Auftakt macht die Sparte für Fahrerassistenz und autonomes Fahren, die mit rund 1,5 Milliarden Euro bewertet wird – ein wichtiger Liquiditätsschub, aber nur ein kleiner Beitrag zum Schuldenabbau. Weitere Verkäufe, etwa im Bereich passiver Sicherheit, gelten als möglich. CEO Mathias Miedreich steht vor der Aufgabe, Schulden zu reduzieren, die Antriebssparte wieder profitabel zu machen und ZF strategisch neu auszurichten. Der Ausgang ist offen – und von zentraler Bedeutung für die gesamte deutsche Automobilindustrie, denn ZF ist kein Einzelfall, sondern ein Seismograf für die strukturellen Probleme der Branche.