Henkel im Wandel: Warum der Persil-Konzern heute sein Geld mit Industrieklebstoffen verdient

Henkel und Persil – das gehört seit über einem Jahrhundert zusammen. Eine Marke, die Generationen begleitet hat: weiße Hemden, Waschmaschinen, Werbespots zur Primetime. Hinter dem Namen Henkel stehen bekannte Konsumgüter wie Schwarzkopf, Perwoll, Somat oder Pril. Haare färben, Wäsche waschen, Geschirr spülen – klassische Produkte des Alltags.

Doch dieses Bild ist längst unvollständig. Hinter der Waschmittelfassade investiert Henkel Milliarden in ein Geschäft, das nicht im Einkaufswagen landet. Die wichtigsten Produkte des Konzerns stecken heute im Auto, im Smartphone oder im Flugzeug.

Mit über 100 Marken, Standorten in fast 80 Ländern, mehr als 21 Milliarden Euro Umsatz und rund 47.000 Mitarbeitern ist Henkel ein globaler Industriekonzern. Und dieser Konzern stellt sich strategisch neu auf: Persil hat Henkel berühmt gemacht, doch die Zukunft entsteht zunehmend in anderen Bereichen.

Henkel wurde nicht über Nacht zum Chemieriesen. 1876 gründet Fritz Henkel sein Unternehmen in Aachen und entwickelt gemeinsam mit zwei Partnern ein neuartiges Waschmittel. Der erste große Erfolg folgt 1878 mit „Henkel’s Bleich-Soda“, einer Mischung aus Wasserglas und Soda. Noch im selben Jahr zieht das Unternehmen nach Düsseldorf – näher an Industrie, Eisenbahn und Absatzmärkten.

1905 tritt Fritz Henkels Sohn Hugo in das Unternehmen ein. Als Chemiker verfolgt er das Ziel, ein Waschmittel zu entwickeln, das mehr kann als nur reinigen. Bis dahin musste Wäsche separat gebleicht werden. Hugo Henkel kombiniert erstmals Waschmittel und Bleichmittel in einem Produkt. Das Bleichmittel Natriumperborat setzt beim Waschen aktiven Sauerstoff frei, während Silikat die Reinigungswirkung verstärkt.

1907 kommt das neue Produkt auf den Markt: Persil – benannt nach den Bestandteilen Perborat und Silikat. Es ist das erste „selbsttätige“ Waschmittel der Welt. Reinigen und Bleichen in einem Schritt – eine technische Revolution. Persil wird zur Marke, der internationale Aufstieg beginnt.

Es folgen Jahrzehnte des Wachstums, aber auch schwere Brüche. Wirtschaftskrise, Diktatur und zwei Weltkriege prägen die Unternehmensgeschichte. Nach 1945 wird Henkel unter Treuhänderschaft gestellt, Familienmitglieder werden verhaftet, Vermögen eingefroren und Beteiligungen gehen verloren. Auch Persil verschwindet zeitweise vom Markt, weil Rohstoffe fehlen. Dennoch bleibt der Markenname präsent – Entnazifizierungsbescheinigungen werden im Volksmund bald „Persilscheine“ genannt.

Nach dem Krieg stabilisiert zunächst Jost Henkel das Unternehmen und fährt die Produktion wieder hoch. In den 1950er-Jahren wächst das Portfolio um Marken wie Pril, Fa und später Somat. Nach seinem frühen Tod 1961 übernimmt sein Bruder Konrad Henkel die Führung.

Konrad Henkel internationalisiert das Unternehmen, baut Produktionsstandorte weltweit auf und erweitert das Geschäft über Wasch- und Reinigungsmittel hinaus. Mit Marken wie Pattex und Pritt etabliert Henkel ein starkes Klebstoffgeschäft und vertieft die Zusammenarbeit mit der Industrie – insbesondere mit der Automobilbranche. Damit legt er den Grundstein für das heute wichtigste Geschäftsfeld des Konzerns.

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Persil zählt seit über 100 Jahren zu den wichtigsten Produkten des Henkel-Konzerns.

- © Henkel

Der stille Weltmarktführer

150 Jahre nach der Gründung erzielt Henkel den Großteil seines Umsatzes nicht mehr mit Waschmitteln, sondern mit industriellen Klebstoffen. Der Bereich „Adhesive Technologies“ steht heute für mehr als die Hälfte des Geschäfts und macht Henkel in vielen Segmenten zum Weltmarktführer.

Die Anwendungen sind vielfältig: Henkel verklebt Batteriemodule in Elektroautos, fixiert Halbleiter in der Chipproduktion, verbindet Bauteile in Flugzeugen und versiegelt Verpackungen weltweit. Während das Konsumentengeschäft zuletzt stagnierte, wächst das Klebstoffgeschäft kontinuierlich und erzielt höhere Margen.

Der Unterschied zwischen beiden Geschäftsmodellen ist grundlegend. Waschmittel stehen im harten Wettbewerb mit Handelsmarken und unter starkem Preisdruck. Industrielle Klebstoffe hingegen sind Teil komplexer Produktionsprozesse. Ein Autohersteller wechselt seinen Klebstofflieferanten nicht ohne umfangreiche Tests, Zertifizierungen und technische Anpassungen. Verträge laufen oft über Jahre, Produktionslinien sind auf bestimmte Materialien abgestimmt. Das macht das Geschäft stabil und strategisch wertvoll.

Spätestens mit großen Übernahmen wird aus der Diversifikation eine klare Industrie-Strategie. 1997 übernimmt Henkel den amerikanischen Spezialklebstoff-Hersteller Loctite, der hochfeste Industrieklebstoffe für Elektronik, Automobilbau und Maschinenbau entwickelt. 2008 folgt die Übernahme der Klebstoffsparte von National Starch – damals die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte. Damit wird Henkel endgültig zum globalen Technologiekonzern im Klebstoffbereich und zum Systempartner der Industrie.

Der Strategiewechsel ist damit nicht abgeschlossen. Henkel kauft weiter gezielt Industriebeteiligungen, zuletzt Spezialisten für Klebebänder, Beschichtungen und Bauklebstoffe. Die Investitionen konzentrieren sich klar auf industrielle Anwendungen – nicht auf neue Konsumgütermarken.

Diese Entwicklung wirft eine zentrale Frage auf: Braucht Henkel seine traditionsreiche Konsumgütersparte langfristig noch? Finanziell spricht vieles für eine stärkere Fokussierung auf das profitablere Industriegeschäft.

Doch Henkel ist kein gewöhnlicher Konzern. Strategische Entscheidungen werden nicht allein vom Vorstand getroffen, sondern auch von einem Gesellschafterausschuss, in dem Familienvertreter eine zentrale Rolle spielen. Die Nachfahren von Unternehmensgründer Fritz Henkel halten bis heute die Mehrheit der stimmberechtigten Aktien und haben sich verpflichtet, ihre Anteile mindestens bis 2033 nicht zu verkaufen. Entscheidungen innerhalb der Familie müssen einstimmig getroffen werden – eine Struktur, die Stabilität schafft, aber Veränderungen verlangsamen kann.

Die Familie hat das Unternehmen über Weltkriege, Krisen und Strukturwandel hinweg geprägt. Persil war lange das Symbol des Erfolgs und das Gesicht des Konzerns. Heute erwirtschaftet Henkel den größten Teil seiner Gewinne in der Industrie.

Ein vollständiger Abschied von den Konsumgütern erscheint dennoch unwahrscheinlich. Doch das Kräfteverhältnis hat sich verschoben: Persil machte Henkel groß – industrielle Klebstoffe machen den Konzern heute stark. Die Zukunft entsteht zunehmend außerhalb des Supermarktregals.