Strompreise in Österreich : Deutschland entlastet, Österreich zögert

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Industriebetriebe zahlen in Europa deutlich höhere Strompreise – insbesondere im Vergleich zu China oder den USA.

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Österreichs Industrie hat ein Problem: Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sind die Energiepreise nach oben geschossen. Auch wenn sich die Märkte inzwischen beruhigt haben, von Preisen auf Vorkrisenniveau können heimische Unternehmen nur träumen. Der Wettbewerbsnachteil zeigt sich vor allem im internationalen Vergleich: Österreichs Unternehmen zahlen noch immer deutlich mehr für Energie als ihre Konkurrenz in Asien und den USA. Während in Deutschland bereits über eine Senkung des Industriestrompreises um mindestens fünf Cent pro Kilowattstunde diskutiert wird, will die österreichische Regierung aus budgetären Gründen dafür kein Geld in die Hand nehmen. 

Doch die Kritik an der politischen Tatenlosigkeit  wächst: Kaum hatte Voest-Chef Herbert Eibensteiner die Wiedereinführung der ausgelaufenen Strompreiskompensation bis 2030 gefordert, schlossen sich ihm weitere prominente Branchenvertreter an. Auch Markus Ritter, Chef des Grazer Stahl- und Walzwerks Marienhütte, Sappi-Österreich-Chef Peter Putz und Kurt Maier, Präsident der steirischen Industriellenvereinigung, warnen vor den Folgen für ihre Standorte und drängen auf staatliche Entlastungen.

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Sündenbock Energiebranche

Im Zentrum der Kritik stehen dabei längst nicht mehr nur die Regierung, sondern auch die großen Energieanbieter. Sie sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, von der Energiekrise profitiert zu haben, während die Industrie unter den hohen Preisen leidet. "Wir haben oft die Kritik, dass insgesamt die Preise viel höher sind als im Ausland, dass Probleme im Wirtschaftsstandort immer wieder auf die Strompreise geschoben werden", sagte Oesterreichs-Energie-Generalsekretärin Barbara Schmidt bei einem Pressegespräch am Mittwoch. Dass die Strompreise in Österreich weiterhin höher seien als vor der Energiekrise, sei für manche Industrien ein Problem, das gelte aber nicht für alle. "Es geht gezielt um einzelne Unternehmen, einzelne Sektoren, denen man helfen muss."

Unterfüttert hat der Verband um Präsident und Verbund-Chef Michael Strugl dies mit einer Studie des Schweizer Prognos-Instituts. Analysiert werden die Industriestrompreise, deren Entwicklung und der Einfluss auf unterschiedliche Branchen in ausgewählten Staaten. Das Ergebnis: Österreichs Industrie steht preislich unter Druck – aber weniger stark als oft behauptet und betroffen sind vor allem einzelne energieintensive Branchen, während andere weitgehend unberührt bleiben. Ohne staatliche Eingriffe wird es jedoch schwer, Österreichs Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten. 

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Strompreise sind in ganz Europa hoch

Industriebetriebe zahlen in Europa deutlich höhere Strompreise – insbesondere im Vergleich zu China oder den USA. Der durchschnittliche Industriestrompreis lag in der EU zuletzt bei rund 13 Cent pro Kilowattstunde, während Unternehmen in den USA und China nur etwa 8 Cent zahlten. Das war nicht immer so: Noch 2017 lagen die europäischen Preise unter denen Chinas und auf Augenhöhe mit den US-Tarifen. 2021 kam dann die Trendwende. Der Rückgang russischer Gaslieferungen ließ die Importabhängigkeit Europas auch am Strommarkt spürbar werden: Die Großhandelspreise schnellten in die Höhe. Inzwischen hat sich ein Teil der Differenz zwar wieder verringert, das Preisniveau liegt aber noch immer deutlich über dem der USA und China.

Hauptursache für die auseinanderklaffende Entwicklung sind die deutlich gestiegenen Stromerzeugungskosten in Europa, angetrieben von den ab 2021 explodierenden Gaspreisen. Schon vor der Krise war das Preisniveau von Erdgas in der EU etwa doppelt so hoch wie in den USA, inzwischen ist der Abstand auf nahezu das Vierfache angewachsen. Auch wenn sich das nicht eins zu eins auf den Strompreis überträgt, ist die Richtung klar: Vor 2021 lagen die Industriestrompreise in Europa im Schnitt etwa zehn Prozent über dem US-Niveau – heute sind es laut Prognos-Studienautor Sven Kreidelmeyer rund 70 Prozent.

Und Österreich? Mit durchschnittlich 14,8 Cent pro Kilowattstunde liegen die Industriestrompreise leicht über dem EU-Schnitt. Für den wirtschaftlichen Erfolg vieler Unternehmen spielt das jedoch eine untergeordnete Rolle – betroffen sind vor allem einzelne energieintensive Branchen, während andere weitgehend unberührt bleiben.

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Industriestrompreise Weltweit
Die Strompreise in der EU bleiben auf einem hohen Niveau, während die USA und China deutlich niedrigere Kosten haben. - © Prognos AG

Chemie, Papier, Baustoffe und Metall besonders betroffen

Doch wie stark wirkt sich der hohe Industriestrompreis tatsächlich auf die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie aus? Für große Teile der Wirtschaft ist er zwar ein spürbarer Kostenfaktor – aber kein existenzielles Risiko. Im Durchschnitt liegt der Anteil der Energiekosten am Umsatz in der Industrie bei rund zwei Prozent, der reine Stromkostenanteil beträgt sogar nur 0,9 Prozent.

Anders sieht es in besonders energieintensiven Branchen aus: In der chemischen Industrie machen die Energiekosten bereits 4,4 Prozent des Umsatzes aus, in der Papierindustrie 4,7 Prozent. Bei den Herstellern von Baustoffen – etwa in Zementwerken, Steinbrüchen oder Gipsbetrieben – liegt der Anteil bei 5,6 Prozent, in der Metallindustrie sogar bei 5,7 Prozent. Auch Verbund-Chef und Oesterreichs-Energie-Präsident Michael Strugl betont: „Uns ist bewusst, dass die betriebliche Realität im Einzelfall ganz anders aussehen kann als die Statistik.“ In manchen Unternehmen schlagen die Stromkosten mittlerweile stärker zu Buche als die Personalkosten. 

Zusätzlichen Druck erzeugt der Blick ins Ausland: In vielen EU-Staaten greifen Regierungen energieintensiven Betrieben längst unter die Arme – etwa mit Steuererleichterungen oder niedrigeren Netzentgelten. Deutschland hat zuletzt eine weitere Senkung der Energiesteuern sowie Entlastungen bei den Netzgebühren angekündigt.

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Stromkostenanteil Umsatz
Besonders betroffen von den hohen Energiekosten sind die chemische Industrie, die Papierindustrie sowie die Mineral- und Metallbranche. - © Prognos AG

Blick nach Deutschland

Stromsteuer senken, Netzentgelte reduzieren, direkte Beihilfen für energieintensive Betriebe: Die neue deutsche Regierung greift bei der Entlastung der Industrie in die volle Instrumentenkiste. Damit erhöht sich auch der Druck auf Österreich. Während in Berlin bereits über eine Ausweitung der Strompreiskompensation diskutiert wird – die deutschen Unternehmen heute schon um zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde entlastet – ist in Wien bislang unklar, ob überhaupt ein regulatorischer Eingriff erfolgen soll.

Doch der Druck nimmt weiter zu: Vergangene Woche blies der Ampel-Koalition der nächste eisige Wind entgegen – diesmal aus Oberösterreich. In einem ungewöhnlichen Schulterschluss forderten Arbeiterkammer (AK) und Wirtschaftskammer (WKO) gemeinsam lautstark eine Entlastung bei den Energiekosten. WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer und AKOÖ-Präsident Andreas Stangl warnten unisono: „Überhöhte Energiepreise gefährden Industrieproduktion, Wohlstand, soziale Sicherheit und Arbeitsplätze in Oberösterreich.“

Auch Strugl pocht auf rasche Maßnahmen: „Die Energiekosten müssen hinunter“, betont er. Angesichts des begrenzten budgetären Spielraums der Bundesregierung gehe es vor allem darum, „wie kann man gezielt dort entlasten, wo der Druck im Wettbewerb am höchsten ist?“

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Industriestrompreise Vergleich
Österreich liegt EU-Weit bei den Strompreisen im oberen Mittelfeld. - © Prognos AG

Was kann Österreich tun, um die Strompreise zu senken?

Ein Gaspreisdeckel nach spanischem Vorbild ist laut Prognos-Studie für Österreich alleine nicht praktikabel. Das deutsche Modell – bestehend aus der Senkung von Steuern und Netzentgelten – wirkt zwar rasch, ist aber mit enormen Kosten verbunden: Bereits ein Cent weniger pro Kilowattstunde würde den österreichischen Staat rund 580 Millionen Euro kosten.

Als besonders effizientes Instrument gilt die Strompreiskompensation (SAG), bei der energieintensiven Unternehmen ein Teil jener Stromkosten rückerstattet wird, die durch den EU-Emissionshandel entstehen. Österreich hat dieses Modell zuletzt 2022 genutzt – viele andere EU-Staaten, darunter Deutschland, haben es bis 2030 verlängert. Da nur ein klar definierter Unternehmenskreis profitiert, wäre eine Entlastung um drei Cent je Kilowattstunde mit rund 230 Millionen Euro vergleichsweise kostenschonend.

Langfristig führt laut Strugl kein Weg an einem Ausbau des Energieangebots vorbei – sowohl bei Gas als auch bei Strom. Beim Gas sei Europa allerdings nur Mitspieler auf dem globalen Markt. Umso wichtiger sei es, im Inland so viel Energie wie möglich selbst zu erzeugen – „und das sind hier oft Erneuerbare“, so der Verbund-Chef. Die Energiewende müsse deshalb weiter vorangetrieben werden.

Strugl begrüßt die Überprüfung bestehender Fördermodelle, fordert aber zugleich eine ehrliche Kostenbewertung der geplanten Netzausbauten. Als Beispiel nennt er den österreichischen Netzinfrastrukturplan (ÖNIP), der einen besonders starken Zubau bei Photovoltaik vorsieht. Das mache teure Netzaufrüstungen notwendig. Ein stärkerer Fokus auf Wind- und Wasserkraftwerke wäre aus seiner Sicht effizienter – und würde die Energiewende deutlich kostengünstiger gestalten.

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Strompreiskompensation

Seit 2013 erlaubt die Europäische Union ihren Mitgliedstaaten, energieintensiven Unternehmen einen Teil der durch den EU-Emissionshandel verursachten Mehrkosten beim Strom zu erstatten. Ziel ist es, Wettbewerbsverzerrungen durch politisch bedingte CO₂-Kosten auszugleichen und stromintensive Industrien vor einer Abwanderung ins außereuropäische Ausland zu bewahren. 17 EU-Staaten – darunter Deutschland, Frankreich, Polen, Tschechien, Spanien oder Finnland – machen von diesem Instrument Gebrauch und haben es bereits bis 2030 verlängert.

Auch Österreich hat die Strompreiskompensation genutzt – allerdings nur bis einschließlich 2022. Im Rahmen des Strompreiskosten-Ausgleichsgesetzes (SAG) konnten sich heimische Unternehmen damals 75 Prozent der durch den Emissionshandel verursachten Mehrkosten rückerstatten lassen. Seitdem ist die Förderung ausgelaufen. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Energiebedarf, etwa die Metall-, Papier-, Chemie- oder Textilindustrie. Für sie bedeutet das Aus der Kompensation einen klaren Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich.