TGW Logistics Umsatzsteigerung trotz Krise : TGW Logistics‑Erfolgsstory: So trotzt der Intralogistik‑Gigant dem Branchencrash

TGW Logistics

Dr. Henry Puhl führt TGW Logistics seit 2024 als CEO. Der promovierte Ingenieur kam von der KION Group, wo er zuletzt Chief Technology Officer war. Puhl steht für eine Transformationsagenda, die TGW Logistics von einem europäisch fokussierten Intralogistik-Anbieter zu einem globalen Technologie-Player entwickeln soll.

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TGW Logistics trotzt der Krise: Während viele Unternehmen in der Intralogistik mit sinkenden Aufträgen kämpfen, erzielt der oberösterreichische Systemanbieter Rekordwerte. Mit einem Auftragseingang von über 1,5 Milliarden Euro und einer strategischen Neuausrichtung setzt TGW neue Maßstäbe in einer angeschlagenen Branche. Automatisierte Logistiklösungen, Digitalisierung und globale Expansion treiben das Wachstum an. Besonders im E‑Commerce zeigt sich die Stärke der intelligenten Lagertechnik. Wie es TGW gelingt, in einem schwierigen Umfeld erfolgreich zu bleiben: Peter Oslak hat mit TGW-Chef Henry Puhl gesprochen. 

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TGW Logistics trotzt der Rezession: Drei Wachstumsstrategien sorgen für Aufschwung

Die europäische Automatisierungsbranche steckt voll in der Rezession, TGW Logistics aber wächst kräftig. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Henry Puhl: Automatisierungstechnik ist ein sehr breites Feld und umfasst neben der Intralogistik beispielsweise auch die Produktionsautomatisierung. Die Automobilindustrie läuft bekanntlich nicht gut, und sie ist ein großer Abnehmer von Automatisierungstechnik – Schweißautomatisierung, automatisierte Flurfördertechnik und dergleichen. Das ist sicherlich ein Bereich, der momentan nicht im Aufwind ist. Gleichzeitig gibt es andere Branchen, die kontinuierlich wachsen. Der Lebensmitteleinzelhandel wächst auch in der Krise, weil der Druck zur Automatisierung steigt. Die Einzelhandelsketten haben ein Profitabilitätsproblem und zusätzlich ein Arbeitskräftemangel-Problem – das müssen sie bewältigen. Fashion-Unternehmen sind zwar konjunkturell mitgenommen, sehen aber Automatisierung als Notwendigkeit – gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, um Kosten zu optimieren.

>>> Roboter haben das Lager im Griff

Sie sind vor zwei Jahren als CEO mit einem großen Transformationsprogramm angetreten. Wie haben Sie das Unternehmen neu ausgerichtet?

Puhl: Wir sind in drei Wachstumsrichtungen unterwegs. Erstens sind das neue Kundensegmente. Wir kommen aus dem Fashion-Bereich, expandieren nun stark in Grocery und E-Commerce – drei ganz unterschiedliche Anforderungsprofile. Zweitens: neue Technologien. Unsere große Stärke liegt in hochleistungs-stationärer Automatisierung – Shuttles, hochautomatisierte Lagersysteme. Doch die Nachfrage nach mobiler, flexibler Automatisierung steigt kontinuierlich. Das ist technologisch eine andere Welt und erweitert unsere Angebotspalette erheblich. Und drittens: Die USA sind der weltweit größte Markt für Intralogistik. Wir sind dort schon seit Jahren aktiv, haben aber entschieden, jetzt wirklich aufs Gas zu drücken. Wir bauen unsere Teams weiter auf und sind als vollumfänglicher Integrator präsent – mit Lösungsdesign, Application Engineering, Realisierung und Service.

„Wir haben heute noch keine Anwendung identifiziert, wo humanoide Robotik einen echten Business-Kick bringt.“

US‑Expansion: Produktion vor Ort wird zunehmend realistischer

In den USA sind Sie mit einer Tochtergesellschaft in Grand Rapids vertreten. Ist es geplant, in den USA auch zu produzieren?

Puhl: Ab einer bestimmten Umsatzschwelle ist eine Lokalisierung in den USA sinnvoll. Nicht primär aus Tarifgründen, sondern weil man flexibler ist, kürzere Durchlaufzeiten hat und als lokaler Spieler eine andere Identität aufbauen kann. Ob die Entwicklung bei den Zöllen diese Entscheidung beschleunigt, das bewerten wir derzeit.

Wie spiegelt sich die Neuausrichtung auf technologischer Seite?

Puhl: FlashPick ist eine Kerntechnologie von TGW Logistics – für die Splitcase-Kommissionierung. Die Engine dahinter ist unsere Shuttle-Technologie, wo wir technologisch weltführend sind in Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Ergonomie. Wir ergänzen FlashPick nun mit zwei zusätzlichen Systemen. FullPick für Fullcase-Applikationen im Lebensmittel-Bereich – wenn wir beispielsweise Paletten für Coop-Filialen bauen. Und LivePick – das ist eine Climbing-Bot-Lösung als Ergänzung zu unseren Shuttles. Das ist flexibler, mit etwas reduzierter Durchsatzleistung. So decken wir verschiedene Kundenanforderungen ab.

>>> Lagerautomatisierung 2026: KI und Robotik definieren die Logistik neu

Auf der LogiMAT haben Sie bei einer Podiumsdiskussion über humanoide Roboter in der Intralogistik diskutiert. Sehen Sie in hochautomatisierten Lagern überhaupt eine Daseinsberechtigung für diese Technologie?

Puhl: Humanoide Robotik ist sinnvoll bei nicht-repetitiven Aufgaben – flexible Wege, Treppen, unbekanntes Terrain. Das ist ein Anwendungsfall. Doch in unserem Business ist alles repetitiv: Man lagert ein und aus, kommissioniert immer wieder. Die zentrale Frage lautet: Benötige ich wirklich einen humanoid gestalteten Roboter für repetitive Aufgaben in kleinen Arbeitsräumen? Können wir uns das vorstellen? In der Montage-Umgebung vielleicht, anstelle eines klassischen Knickarms. Aber im klassischen Picking? Das bezweifle ich. Wir beobachten die Technologie intensiv, aber wir haben heute noch keine Anwendung identifiziert, wo humanoide Robotik einen echten Business-Kick bringt. 

TGW Logistics mit Hauptsitz in Marchtrenk ist einer der weltweit führenden Spezialisten für Intralogistik-Automatisierung. Mit rund 4.645 Mitarbeitern und einer Exportquote von 97 Prozent realisiert das 1969 gegründete Unternehmen komplexe Automatisierungsprojekte für Kunden in Einzelhandel, E-Commerce, Lebensmittellogistik, Pharmazie und Industrie.

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KI-Durchbruch bei TGW: RovoFlex lernt greifen wie ein Mensch

Das andere Trendthema, die KI, ist hingegen voll angekommen. Wo kommt KI bei TGW Logistics zum Einsatz?

Puhl: Unser Kommissionierroboter RovoFlex ist ein gutes Beispiel. Das ist nicht einfach ein Roboterarm – die kann man überall kaufen. Die Intelligenz von RovoFlex liegt in der visuellen Mustererkennung und der daraus abgeleiteten Entscheidungsfindung. Der Mensch erfasst intuitiv in Sekundenbruchteilen: Größe, Gewicht, Form und Geometrie eines Produkts in einer Kiste. Der Roboter kann das nicht ohne Training. Unsere Teams haben der Maschine diese Fähigkeit beigebracht – durch intensive KI-Trainings, in denen der Greifer lernt, Muster zu erkennen, Produkteigenschaften einzuordnen und daraus die richtige Greifstrategie abzuleiten: Welche Kraft ist nötig? Wie muss die Grifffläche angesetzt werden? Diese proprietäre Intelligenz ist das Ergebnis tausender Trainingsstunden und das echte Differenzierungsmerkmal von TGW Logistics. Die Erfolgsquote ist beeindruckend: Kunden, die ein RovoFlex-System kauften, bestellen oft zehn weitere Stück nach. Das deutet auf einen echten Durchbruch hin.

Kommen wir zur großen Standorterweiterung in Marchtrenk – 16.000 Quadratmeter neue Produktionshalle, 100 Millionen Euro Investition bis Sommer 2026. Wie läuft das Projekt?

Puhl: Wir haben den Anspruch, die Nummer-eins-Projekt-Company zu sein. Wenn wir Projekte für Kunden realisieren, müssen sie funktionieren. Wenn wir ein Projekt für uns machen, muss es noch besser laufen. Das ist quasi unsere interne Messlatte. Faktisch: Wir sind voll im Plan. TGW Logistics ist in den letzten Jahren so stark gewachsen, dass wir Satellitenflächen anmieten mussten. Das war nicht optimal – weder für die Produktionsbedingungen noch für die logistische Vernetzung. Jetzt konsolidieren wir alles an einem Standort. Damit kommen unsere TGW-Standards – Produktion wie Logistik – voll zum Tragen. Das ist eine signifikante Effizienzsteigerung für uns.

Wohin entwickelt sich TGW Logistics in den nächsten Jahren?

Puhl: Wir wollen profitabel wachsen – durch die großartigen Menschen, die wir haben. Das ist wirklich die Grundlage: Wir müssen attraktiv sein für Talente, ihnen Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten. Wenn wir solche Leute haben, finden wir die richtigen Wege. Strategisch haben wir ein Standbein und ein Spielbein. Das Standbein ist klar: unsere Technologien und Projektierung heute. Das Spielbein liegt im Bereich Software und Services aus Software, sowie im Bereich mobile Automatisierungstechnologien. Wir sind am Anfang dieser Reise. Das gilt nicht nur für TGW Logistics – das betrifft die ganze Intralogistik-Industrie. Da wollen wir mitspielen.

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