Lieferkettenrisiken : Lieferketten: Warum mehr Lieferanten nicht mehr Sicherheit bringen
Peter Klimek, Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII), hat sich in einer Studie angesehen, wie verwundbar Lieferketten trotz scheinbar diversifizierter Lieferantenbasis sind. Das zentrale Ergebnis: Während die direkten Handelsabhängigkeiten zwischen 2007 und 2023 weitgehend stabil blieben oder teilweise sogar zurückgingen, stiegen die Risiken innerhalb der globalen Lieferketten in mehreren Schlüsselindustrien. Unternehmen können ihre Beschaffung also auf mehrere Länder verteilen und dennoch von denselben Produktionszentren abhängig bleiben.
„Mehr Lieferanten bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit“, sagt Klimek. „Ein Unternehmen kann fünf Lieferanten in fünf Ländern haben. Wenn diese am Ende alle vom selben Produktionshub abhängig sind, ist die Lieferkette nicht wirklich diversifiziert.“
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In diesen Bereichen ist Österreich besonders abhängig
Für die Untersuchung wurden 201 Produktgruppen analysiert, die sieben Schlüsseltechnologiebereichen der österreichischen Industriestrategie 2035 zugeordnet sind. Dazu zählen Maschinen und Robotik, Halbleiter, fortschrittliche Materialien, Energie und Mobilität.
Besonders auffällig ist die Rolle Chinas bei fortschrittlicher Produktion und Robotik. Bei den untersuchten Produkten entfallen 76 Prozent der gewichteten wichtigsten außereuropäischen Bezugsquellen auf China. Dazu zählen unter anderem Industriemaschinen, Automatisierungstechnik und Komponenten für die Fertigung.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die 76 Prozent nicht den Anteil Chinas an sämtlichen österreichischen Importen beschreibt. Sie zeigt vielmehr, wie stark sich die wichtigsten Bezugsquellen bei den untersuchten industriellen Vorprodukten auf ein Land konzentrieren.
Auch in der Halbleiterindustrie bestehen erhebliche Abhängigkeiten. Österreich und Europa verfügen zwar über Stärken bei Spezialmaschinen für die Chipfertigung, bei wichtigen Komponenten sind sie jedoch auf Importe angewiesen. China und Taiwan sind EU-weit jeweils bei rund einem Viertel der untersuchten Halbleiterproduktgruppen die wichtigste Bezugsquelle außerhalb der EU.
Klimek sieht darin ein Risiko, weil Handelskonflikte und Spannungen rund um Taiwan die Versorgung beeinträchtigen könnten.
Warum auch die USA zum Risikofaktor werden
Die Studie richtet den Blick nicht nur nach Asien. Auch die Abhängigkeit Europas von den USA nimmt Klimek kritisch unter die Lupe. Denn die Vereinigten Staaten sind auf EU-Ebene die wichtigste außereuropäische Bezugsquelle für fossile Energieprodukte. Besonders relevant sind Erdöl und Erdgas. Steigende Energieimporte aus den USA könnten diese Abhängigkeit weiter vergrößern.
Das Risiko ist laut Studie nicht mit jenem einer offen feindlichen Handelsbeziehung gleichzusetzen. Politische Spannungen, Zollandrohungen und mögliche Versorgungsunterbrechungen können Unternehmen dennoch treffen.
Eine starke Konzentration zeigt sich auch in der Luftfahrt. Bei 53 Prozent der untersuchten Produktgruppen sind die USA die wichtigste Bezugsquelle. Dazu zählen vor allem Triebwerke und Flugzeugmotorenteile. Andere Anbieter lassen sich hier nicht ohne Weiteres einsetzen. Technische Anforderungen und Zertifizierungen erschweren einen raschen Wechsel.
Warum mehrere Lieferanten nicht immer die Lösung sind
Letztlich ist sowohl für Einkauf als auch Logistik vor allem die Frage entscheidend, woher die Vorprodukte der eigenen Zulieferer stammen. So kann ein Unternehmen beispielsweise Bauteile von mehreren europäischen Herstellern beziehen. Wenn diese allerdings auf dieselben Rohstoffe oder Komponenten aus China angewiesen sind, bleibt die Abhängigkeit bestehen. Ein Lieferantenwechsel würde das Problem lediglich verlagern.
Die Analyse zeigt, dass solche indirekten Konzentrationen über die Jahre in mehreren Technologiebereichen zugenommen haben. Besonders ausgeprägt ist der Trend bei fortschrittlicher Produktion, Materialien und Mobilität.
Klimek hatte bereits bei seinem Antritt als Direktor des ASCII gegenüber INDUSTRIEMAGAZIN auf dieses Problem hingewiesen. Globale Lieferketten seien häufig nicht vollständig bekannt. Unternehmen würden viele Abhängigkeiten erst bemerken, wenn etwas nicht mehr funktioniere.
Für Logistikverantwortliche stellt sich damit auch die Frage, ob vermeintlich alternative Transportwege tatsächlich unabhängig voneinander sind. Mehrere Lieferanten können dieselben Häfen, Umschlagzentren oder Transportkorridore nutzen. Das ist eine praktische Konsequenz aus der Analyse, auch wenn die Studie selbst keine einzelnen Logistikrouten untersucht.
Was Unternehmen und Politik ändern können
Klimek empfiehlt, nicht nur die unmittelbaren Lieferanten zu diversifizieren, sondern die gesamte Lieferkette zu betrachten. Für besonders wichtige Vorprodukte sollten Unternehmen und Politik deshalb auch die vorgelagerten Produktionsstufen und deren geografische Konzentration berücksichtigen.
Eine Möglichkeit ist die gezielte Beschaffung bei wirtschaftlich und politisch verlässlichen Partnerländern. Dabei reicht es allerdings nicht, nur den Sitz des Lieferanten zu prüfen. Entscheidend ist, wo die benötigten Vorprodukte tatsächlich hergestellt werden.
Die Studie nennt außerdem die gemeinsame Beschaffung europäischer Unternehmen. Werden größere Mengen gebündelt, können alternative Lieferanten wirtschaftlich attraktiver werden. Gleichzeitig lässt sich die Verhandlungsposition gegenüber bestehenden Anbietern verbessern.
Im Energiebereich sieht Klimek eine weitere Möglichkeit, Abhängigkeiten zu reduzieren. Der Ausbau erneuerbarer Energien und von Speichern könnte den Bedarf an importierten fossilen Brennstoffen verringern.
Für die österreichische Halbleiterindustrie empfiehlt die Analyse, bestehende Stärken gezielt auszubauen. Dazu gehören Ausrüstung für das Testen und Verpacken von Chips sowie Kompetenzen beim Chipdesign.
Die Untersuchung macht allerdings auch deutlich, dass Österreich die Risiken seiner Industrie nicht allein beseitigen kann. Viele der kritischen Vorprodukte werden in globalen Netzwerken hergestellt. Klimek plädiert deshalb für eine engere Zusammenarbeit innerhalb Europas.