Event-Nachschau : Europas Lieferketten: Experten warnen vor teuren Abhängigkeiten
Die Abhängigkeiten von Rohstoffen und elektronischen Bauteilen von China oder Energie und digitalen Systemen aus den USA können im Krisenfall teuer werden. Das zu adressieren war eines der zentralen Themen beim ILS Main Event 2026 in Graz.
„Wir sprechen über digitale Souveränität, importieren aber Rohstoffe, Hardware und Software-Updates fast ausnahmslos aus Asien und den USA. Wer Resilienz will, muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Sonst ist Risikomanagement reine Fassade.“ Diese Warnung formulierten laut die Wirtschaftswissenschaftlerin Margaretha Gansterer von der Universität Klagenfurt und Logistikexperte Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien bei ihrem gemeinsamen Auftritt.
Wie tief solche Abhängigkeiten reichen, zeigt auch ASCII-Leiter Peter Klimek in seiner aktuellen Analyse. Demnach nehmen versteckte Risiken in Österreichs industriellen Lieferketten zu, selbst wenn Unternehmen ihre Beschaffung auf mehrere Lieferanten verteilen. Besonders betroffen sind Maschinenbau, Robotik und Halbleiter.
Wie viel Versorgungssicherheit können sich Unternehmen leisten?
Die Frage nach Europas Abhängigkeiten zog sich durch mehrere Diskussionen. Das Learning: Unternehmen stehen dabei vor einem wirtschaftlichen Problem, denn zusätzliche Lieferanten, alternative Bezugsquellen und mehr Versorgungssicherheit verursachen zunächst Kosten. Im Störungsfall können fehlende Alternativen aber deutlich teurer werden.
Für Herbert Ritter, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Steiermark, ist die Leistungsfähigkeit der Lieferketten deshalb ein Wettbewerbsfaktor. „In der Wirtschaft haben jene Unternehmen die Nase vorn, die die schnellsten und zuverlässigsten Lieferketten anbieten“, sagte er bei einer Diskussion mit Vertretern aus Politik und Industrie, darunter Gerald Hofer von Knapp und Markus Tomaschitz von AVL.
Neben der Versorgungssicherheit ging es auch um die Infrastruktur, die für einen Umbau der Logistik erforderlich ist. Besonders deutlich wurde das beim Thema elektrischer Straßengüterverkehr.
E-Lkw: Anbieter rechnet mit 35 Cent Kostenvorteil pro Kilometer
Heimo Aichmaier, Geschäftsführer von E.ON Drive Austria, stellte in Graz ein Modell vor, mit dem Transportunternehmen elektrische Lkw nutzen können, ohne Fahrzeuge und Ladeinfrastruktur vollständig selbst finanzieren zu müssen. Bei dem gemeinsam mit NEoT angebotenen Modell DepotOne werden E-Lkw, Ladeinfrastruktur und Energieversorgung kombiniert und nutzungsabhängig abgerechnet. Das soll vor allem die hohen Anfangsinvestitionen beim Umstieg reduzieren.
In einem LinkedIn-Beitrag zum ILS Main Event veröffentlichte E.ON Drive dazu eine Beispielrechnung für einen 40-Tonner. Demnach liegen die Kosten bei 0,98 Euro pro Kilometer für den elektrischen Betrieb gegenüber 1,33 Euro für einen vergleichbaren Dieselbetrieb. Der rechnerische Vorteil beträgt damit 35 Cent pro Kilometer.
Die Zahlen stammen vom Anbieter. Welche Annahmen zu Fahrleistung, Energiepreisen und Einsatzbedingungen zugrunde liegen, müsste für einen belastbaren Vergleich im Detail geprüft werden. Sie lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jede Transportflotte übertragen.
Automatisierung soll mehr können als Abläufe beschleunigen
Bei der Lager- und Produktionsautomatisierung ging es vor allem um die Frage, wie Unternehmen vorhandene Daten besser nutzen können. Vertreter von SSI Schäfer, Siemens und Sick diskutierten darüber, wie industrielle Systeme Informationen zunehmend selbst auswerten und auf Veränderungen reagieren können. Dahinter steht das Ziel, Prozesse nicht nur schneller, sondern auch besser planbar zu machen.
Udo Traussnigg von der FH CAMPUS 02 beschäftigte sich mit der Automatisierung von Routineaufgaben. Dabei ging es auch darum, betriebliches Wissen im Unternehmen zu halten, statt es mit einzelnen Beschäftigten zu verlieren.
Dass Automatisierung im Alltag funktionieren muss, zeigte auch eine Diskussion über Logistikprozesse im Lebensmittelhandel. Franz Zagler, Bereichsleiter Logistik und Warenfluss bei Spar Österreich, verwies auf die Verbindung von Kreislaufwirtschaft, Automatisierung und der Entlastung der Beschäftigten. „Nachhaltige Logistik gelingt nur, wenn wir ökologische Kreisläufe, Automatisierung und die Entlastung unserer Teams im Lager nahtlos miteinander verzahnen“, sagte Zagler.
Fachkräftemangel: Mehr Aufmerksamkeit für die Lehre
Neben der Technik spielte die Ausbildung eine wichtige Rolle. Vertreter aus Industrie und Logistik diskutierten darüber, wie Betriebe genügend qualifizierte Mitarbeiter gewinnen können.
Walter Bostelmann, CEO von Kellner & Kunz, forderte eine stärkere Anerkennung der beruflichen Ausbildung. „Wir müssen der beruflichen Bildung endlich wieder den Stellenwert geben, den sie verdient“, sagte er.
Wie wichtig Vorbilder für den Nachwuchs sein können, zeigte der Auftritt des österreichischen Speditionskaufmanns Paul Zadravec. Er berichtete von seiner Teilnahme an den WorldSkills in Shanghai und den Anforderungen des internationalen Berufswettbewerbs.
Auch Norbert Adler, Obmann der Fachgruppe Spedition und Logistik in der Wirtschaftskammer Steiermark, griff das Thema nach der Veranstaltung auf LinkedIn auf. Gerade angesichts des Fachkräftemangels müssten junge Menschen stärker für Berufe in Logistik und Transport begeistert werden.
Kreislaufwirtschaft braucht funktionierende Logistik
Am zweiten Veranstaltungstag stand unter anderem die industrielle Verwertung von Reststoffen auf dem Programm.
Laurenz Hoffmann von Alimentastic stellte das Anlagenkonzept ReFarmUnit der Reploid Group vor. Eine solche Anlage kann nach Unternehmensangaben jährlich rund 9.500 Tonnen organische Reststoffe aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie verarbeiten. Die Beschaffung erfolgt in einem Umkreis von etwa 50 Kilometern. Aus den Reststoffen sollen unter anderem Tierprotein und organischer Dünger entstehen.
Das Beispiel zeigt, wie stark die Wirtschaftlichkeit solcher Modelle von der Logistik abhängt. Die Reststoffe müssen in ausreichender Menge verfügbar sein, gesammelt und zur Anlage transportiert werden. Anschließend brauchen auch die gewonnenen Produkte Abnehmer.
Mit diesen Fragen beschäftigten sich in Graz unter anderem Vertreter der Montanuniversität Leoben, der Energie AG und von Mayr-Melnhof Holz.