Volkswagen: Porsche und Piëch erhöhen den Druck auf Oliver Blume : VW, Porsche und die nervösen Erben
Oliver Blume und Druck
- © FM Forum IndustriemedienSeit dem Rückzug des jahrzehntelang übermächtigen Ferdinand Piëch hielt sich die österreichische Eigentümerfamilie von Volkswagen weitgehend im Hintergrund. Sie murrte, intervenierte punktuell – und überließ das Steuer ihren Vertrauensmanagern.
Das ändert sich jetzt. Aus Sorge um ihr Milliardenvermögen erhöhen die bislang diskreten Grantler aus Salzburg den Druck: auf Betriebsrat und Niedersachsen, vor allem aber auf Konzernchef Oliver Blume. Er soll Volkswagen radikal umbauen und möglichst wenig nachgeben.
Bei Volkswagen folgen die schlechten Nachrichten derzeit in Serie. Neun Betriebsversammlungen in sieben Tagen führen Blume durch jene Werke, die von seinem Umbau besonders betroffen sind: Wolfsburg, Braunschweig, Emden, Zwickau – und zum Schluss Hannover, einen der Standorte mit besonders unsicherer Zukunft.
Blume muss erklären, warum aus Europas größtem Autobauer ein kleinerer, einfacherer und profitablerer Konzern werden soll. Im Raum stehen bis zu 120.000 Arbeitsplätze, vier Werke und eine womöglich halbierte Modellpalette.
Oliver Blumes Sanierung stößt im Aufsichtsrat auf Widerstand
Nur vier Tage nach der letzten Betriebsversammlung beginnt seine eigentliche Machtprobe. Am 4. September legt Blume sein „Konzern-Zielbild 2030“ erneut dem Aufsichtsrat vor. Beim ersten Anlauf am 9. Juli fiel der Plan mit sieben zu zwölf Stimmen durch. Die zehn Arbeitnehmervertreter und die beiden Vertreter des Landes Niedersachsen stimmten geschlossen dagegen. Dafür stimmten die Vertreter der österreichischen Eigentümerfamilien Porsche und Piëch.
Seitdem wurde der Plan politisch entschärft, ohne seine wirtschaftliche Stoßrichtung aufzugeben. Aus angekündigten Werksschließungen sollen Szenarien mit Nachnutzungsoptionen werden. Die zusätzlich genannten 50.000 Stellen gelten nicht mehr als festes Abbauziel, sondern als rechnerische Größenordnung. Und statt über den gesamten Umbau noch einmal abzustimmen, dürfte Blume ihn in einzelne, leichter verhandelbare Beschlüsse zerlegen.
Sein Argument: Der wirtschaftliche Einschnitt ist unvermeidlich – über die soziale und industrielle Umsetzung kann verhandelt werden.
Doch zwischen Blumes Sanierungsplänen und ihrer Durchsetzung im Aufsichtsrat klafft eine entscheidende Lücke: Mitten in der größten Krise der Firmengeschichte von Volkswagen fehlt dem Management ein Verbündeter mit Gravitas auf der Eigentümerseite. Eine Persönlichkeit aus der Eigentümerfamilie mit operativer Erfahrung, industrieller Vision und der Autorität, die widerstreitenden Machtblöcke im Notfall auch zusammenzuzwingen.
Hans Dieter Pötsch bündelt die Macht der Eigentümer
Als Aufsichtsratschef kontrolliert er den Vorstand rund um Oliver Blume. Als Vorstandschef der Porsche Automobil Holding SE vertritt er zugleich die Familien Porsche und Piëch. Über diese Holding kontrollieren sie 53,3 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen.
Und als früherer VW-Finanzvorstand kennt Pötsch die Zahlen, Abhängigkeiten und verborgenen Schwachstellen des Konzerns wie kaum ein anderer. Er ist Eigentümervertreter, oberster Kontrolleur und Konzerninsider in einer Person.
Was Pötsch am 7. August als Vorstandschef der Familienholding zu sagen hatte, war bemerkenswert: Volkswagen stehe an einem „historischen Scheideweg“. Überkapazitäten müssten abgebaut, Kosten deutlich gesenkt und jede Option geprüft werden. Alles andere habe hinter dem wirtschaftlich Notwendigen zurückzutreten.
Das war keine gewöhnliche Stellungnahme. Es war die bislang deutlichste öffentliche Positionierung der Eigentümerfamilien – und erhöhte den Druck auf Vorstand, Beschäftigte und Niedersachsen noch einmal massiv.
Die nervösen Erben von Ferdinand Porsche
Pötsch ist der Überbringer unangenehmer Nachrichten. Eine Rolle, die ihn schon früher zur Zielscheibe machte. Zum Beispiel von Torten, die eigentlich für jemand ganz anderes bestimmt waren.
Denn die berühmt gewordene Torte, die Aktivisten bei der Volkswagen-Hauptversammlung 2023 warfen, galt eigentlich nicht dem Aufsichtsratschef, sondern Wolfgang Porsche.
Wolfgang Porsche, 83, ist der Enkel des Firmengründers Ferdinand Porsche und der jüngste Sohn von Ferry Porsche, der nach dem Krieg den Sportwagenhersteller aufbaute. Heute repräsentiert er den Porsche-Zweig der Familie.
An seiner Seite steht sein 84-jähriger Cousin Hans Michel – gesprochen: Mi-SCHELL – Piëch. Dessen Mutter Louise war Ferry Porsches Schwester. Hans Michel vertritt damit den zweiten großen Familienstamm.
Er ist außerdem der jüngere Bruder des legendären Ferdinand Piëch, der Volkswagen von 1993 bis 2002 als Vorstandschef und anschließend bis 2015 als Aufsichtsratsvorsitzender prägte.
Ferdinand Piëchs Erbe prägt die Familienmacht
Unter Ferdinand Piëch war die Familie alles andere als passiv. Er bestimmte Modelle, Manager und Strategie, baute Volkswagen zum Markenimperium aus – und behandelte den Aufsichtsrat bisweilen wie die juristische Verpackung seines persönlichen Willens.
Mit seinem Rücktritt 2015 endete diese direkte Familienherrschaft. Seither führen die Familien nicht mehr operativ. Bei Konzernchefs, Beteiligungen und Grundsatzfragen greifen sie aber weiterhin ein – meist über Vertrauensmanager.
Die Macht der Eigentümerfamilien beruht auf einer Konstruktion, die selbst für Volkswagen-Verhältnisse bemerkenswert verschachtelt ist.
Die beiden Familienstämme halten ihre Anteile über Privatstiftungen und Beteiligungsgesellschaften. Gemeinsam kontrollieren sie sämtliche stimmberechtigten Stammaktien der Porsche Automobil Holding SE.
Porsche SE: Das Machtvehikel hinter Volkswagen
Diese Porsche SE ist nicht der Sportwagenbauer. Sie baut keine Autos und beschäftigt weniger als 50 Menschen. Sie ist das zentrale Machtvehikel der Familie.
Die börsengehandelten Vorzugsaktien der Holding liegen überwiegend bei externen Anlegern, haben im Normalfall aber kein Stimmrecht. Die stimmberechtigten Stammaktien gehören vollständig Porsche und Piëch.
So hält die Porsche SE 53,3 Prozent der VW-Stammaktien und damit die absolute Mehrheit der Stimmrechte. Vom gesamten Volkswagen-Kapital besitzt sie allerdings nur 31,9 Prozent.
Die Familien kontrollieren Volkswagen also nicht, weil ihnen der gesamte Konzern gehört. Sie kontrollieren ihn, weil ihnen die richtigen Aktien gehören.
Doch daneben hält Niedersachsen rund 20 Prozent der VW-Stimmrechte, Katar weitere rund 17 Prozent. Für grundlegende Entscheidungen benötigt Volkswagen wegen des VW-Gesetzes mehr als vier Fünftel der Stimmen. Niedersachsen besitzt deshalb eine Sperrminorität.
Niedersachsen und Arbeitnehmer begrenzen den Durchgriff
Im 20-köpfigen Aufsichtsrat stellt die Arbeitnehmerseite zudem zehn Mitglieder. Tiefgreifende Eingriffe in das Werksnetz lassen sich gegen sie kaum durchsetzen. Die Familien besitzen damit die Mehrheit – aber nicht die Durchgriffsmacht für die Sanierung.
Lange war Salzburg vor allem ein Resonanzraum für die Beschwerden der Eigentümerfamilien.
Vorstände, Aufsichtsräte und Betriebsräte reisten zu Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, um Bericht zu erstatten. Die „Salzburg-Tage“ galten als Seismograf für die Stimmung der Familie – aber nicht als operatives Befehlszentrum.
Ein grantiges Kommentatorenduo, das von Insidern schon einmal mit den zwei alten Herren aus der Muppet Show verglichen wurde.
Aus den „Nörglern von Salzburg“ werden Antreiber
Doch zuletzt wurde aus dem Grummeln öffentlicher Druck. Ende März stellte Pötsch im Namen der Eigentümerfamilie infrage, ob all die Töchter und Beteiligungen von Volkswagen noch zum Kerngeschäft gehören – und brachte Verkäufe ins Spiel.
Nach einer Milliardenabschreibung auf Volkswagen erklärte Pötsch im Namen Salzburgs, die Geschäftsmodelle von Volkswagen und Porsche müssten grundlegend neu ausgerichtet werden.
Volkswagen soll kleiner, weniger komplex und schneller werden – auch wenn Modelle verschwinden, Standorte infrage gestellt oder Geschäfte verkauft werden.
Der neue Ton hat einen handfesten Grund: Mit Volkswagen und Porsche steht ein großer Teil des Familienvermögens im Feuer.
Die Volkswagen-Krise trifft das Familienvermögen
Die Porsche SE musste allein im ersten Halbjahr 2026 Milliarden auf ihre Beteiligungen abschreiben. Ihr Börsenwert liegt nur noch bei rund 8,4 Milliarden Euro; Ende des Vorjahres waren es 12,2 Milliarden. Gleichzeitig braucht die verschuldete Holding verlässliche Dividenden von Volkswagen und Porsche.
Der enorme Abschlag zeigt: Der Kapitalmarkt zweifelt nicht nur an den Autobauern, sondern auch daran, ob die Familie ihr Vermögen professionell genug steuert.
Die Familien kämpfen deshalb nicht nur um die Zukunft eines traditionsreichen Konzerns. Sie kämpfen auch um den Wert ihres eigenen Vermögens.
Teile der jüngeren Generation würden das Klumpenrisiko gern reduzieren und breiter investieren. Diskutiert wurde sogar, den VW-Anteil zu verkleinern.
Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch fühlen sich jedoch einem alten Familienauftrag verpflichtet: Sie wollen Unternehmer bleiben – nicht bloß Dividendenempfänger oder Fondsanleger.
Das Dilemma der Eigentümerfamilien
Der Anspruch ist ehrenwert, verschärft aber das Dilemma. Die Familie will Volkswagen langfristig prägen, verfügt nach Ferdinand Piëch jedoch über keinen operativ erfahrenen Kopf und keine gemeinsame Vision dafür, wie der Konzern nach der Sanierung aussehen soll.
Was bedeutet das für die große Sanierung von Volkswagen?
Niedersachsen weiß, was es schützen will: Standorte, Regionen und politische Stabilität. Die Arbeitnehmer wissen, was sie verteidigen: Werke, Beschäftigung und ihre Macht im Konzern. Beide Seiten sind institutionell abgesichert und bereit, tiefere Einschnitte zu blockieren.
Die Familien sagen dagegen bislang vor allem, was verschwinden soll: Kosten, Kapazitäten und Komplexität. Welcher Volkswagen-Konzern daraus entstehen soll, bleibt erstaunlich unklar.
Warum Kontrolle für den VW-Umbau nicht reicht
Damit fehlt der Sanierung ausgerechnet auf der Eigentümerseite jene Kraft, die sie gegen jahrelangen Widerstand durchsetzen müsste: strategische Klarheit, Geschlossenheit und Standfestigkeit.
Wer Werke infrage stellt, Zehntausende Stellen abbauen und alte Machtstrukturen aufbrechen will, muss nicht nur Druck erzeugen. Er muss ein Zielbild vorlegen und den Konflikt über Jahre aushalten.
Und Pötsch steht genau zwischen den Lagern. Als Chef der Porsche SE soll er den Willen der Familien durchsetzen. Als VW-Aufsichtsratschef muss er mit Arbeitnehmern und Niedersachsen den Kompromiss organisieren. Der Antreiber der Sanierung ist damit zugleich ihr wichtigster Vermittler.
Die Familien besitzen die Stimmenmehrheit. Aber in dieser Krise reicht Kontrolle nicht mehr. Noch ist nicht erkennbar, dass sie daraus auch Führung machen können.