Smart Glasses mit Sensoren von ams-Osram : ams-Osram: Nach schwerem Rückschlag setzt der Konzern auf einen Zukunftsmarkt

ams Osram Smarte Brille

ams-Osram richtet seine Strategie nach schweren Rückschlägen stärker auf optische Halbleiter, AR-Brillen und digitale Photonik aus.

- © ams Osram

Der steirisch-deutsche Halbleiter- und Lichtkonzern ams-Osram richtet seine Strategie stärker auf optische Halbleiter, digitale Photonik und neue Anwendungen rund um Augmented-Reality-Brillen aus. Vorstandschef Aldo Kamper sieht in AR-Brillen einen künftigen Massenmarkt. „Die Funktionen von AR-Brillen sind vielfältig. Wir denken, dass sie in der Zukunft für viele Menschen zum täglichen Begleiter werden“, sagte Kamper vor Journalistinnen und Journalisten in Wien.

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Schon heute liefert ams-Osram Sensorelemente an Hersteller von AR-Brillen, wenn auch noch in überschaubarem Umfang. Mittelfristig rechnet der Konzern aber mit deutlich steigender Nachfrage. Kamper hält es für denkbar, dass Anfang der 2030er-Jahre weltweit 50 bis 100 Millionen Stück pro Jahr verkauft werden. Ab Mitte des Jahrzehnts könnten die Stückzahlen aus seiner Sicht noch höher liegen.

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AR-Brillen: Diese Funktionen könnten den Alltag verändern

AR-Brillen sollen die reale Umgebung digital erweitern. Informationen werden dabei direkt ins Sichtfeld der Nutzerinnen und Nutzer eingeblendet. Mögliche Anwendungen reichen von Navigation über Kamerafunktionen bis zur Erfassung von Vitalparametern. Auch Gesichtserkennung sei technisch denkbar, sagte Kamper. Wie sich die Geräte im Alltag durchsetzen werden, sei noch offen: „Jeder wird diese Brillen unterschiedlich nutzen, den Möglichkeiten sind hier wenig Grenzen gesetzt.“

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Für ams-Osram ist das Thema nicht nur ein Zukunftsversprechen, sondern Teil einer umfassenderen Neuausrichtung. Das Unternehmen positioniert sich zunehmend als Anbieter digitaler Photonik. Darunter versteht der Konzern die Verbindung von Lichtemission, optischer Sensorik und Halbleitertechnologie. In einer Strategieaktualisierung nannte ams-Osram neben AR-Brillen auch Biosensing, Robotik und KI-Datenzentren als wichtige Wachstumsfelder. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 3,323 Mrd. Euro und eine bereinigte EBITDA-Marge von 18,3 Prozent. Das Halbleiter-Kerngeschäft wuchs auf vergleichbarer Basis und bei konstanten Wechselkursen um sieben Prozent.

Smarte Brillen gelten für ams-Osram als wichtiger Zukunftsmarkt: Sensoren und optische Halbleiter sollen digitale Informationen direkt ins Sichtfeld bringen.

- © ams Osram

Intelligente LEDs: ams-Osram sieht starkes Wachstumspotenzial

Ein weiteres Wachstumsfeld sieht Kamper bei hochauflösenden und „intelligenten“ LED-Technologien. Solche Systeme kommen unter anderem in der Unterhaltungsbranche und in Fahrzeugen zum Einsatz. Im Automobilbereich sollen sie etwa dazu beitragen, die Fahrbahnausleuchtung präziser zu steuern und damit die Sicherheit zu erhöhen. Derzeit erzielt ams-Osram mit diesen intelligenten Scheinwerfertechnologien Erlöse im zweistelligen Millionenbereich. Bis 2028 peilt Kamper mehr als 100 Mio. Euro Umsatz an.

Auch Lasersysteme für den Verteidigungssektor nennt der Konzern als mögliches Wachstumsfeld. Die Umsätze in der Sparte „Defense“ seien derzeit allerdings noch ausbaufähig. Konkrete Zahlen zu diesem Bereich nannte Kamper nicht.

Premstätten: 600-Millionen-Investition trotz Konzernumbau

Der Standort Premstätten in der Steiermark soll bei dieser Neuausrichtung weiter eine tragende Rolle spielen. Kamper betonte, die Zukunft des Standorts stehe „nicht zur Debatte“. Bis 2030 investiert ams-Osram 600 Mio. Euro in den Ausbau des dortigen Halbleiterwerks. Mehr als die Hälfte dieser Summe ist nach Unternehmensangaben bereits geflossen.

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Der Mitarbeiterstand in Premstätten soll trotz des Verkaufs eines Teils des Sensorgeschäfts steigen. Aktuell beschäftigt ams-Osram dort rund 1.450 Personen, bis 2030 sollen es etwa 1.550 sein. Das gilt auch unter Berücksichtigung jener Beschäftigten, die im Zuge der Transaktion zu Infineon wechseln werden.

ams-Osram hatte Anfang Februar vereinbart, sein nichtoptisches Automotive-, Industrie- und Medizinsensorgeschäft an Infineon zu verkaufen. Der Kaufpreis beträgt 570 Mio. Euro auf schulden- und bargeldfreier Basis. Der Abschluss der Transaktion ist für das zweite Quartal 2026 vorgesehen.

Der Standort Premstätten bleibt für ams-Osram ein strategischer Kern: Bis 2030 investiert der Konzern dort 600 Millionen Euro in den Ausbau des Halbleiterwerks.

- © Austriamicrosystems

Infineon-Deal: Warum ams-Osram sein Sensorgeschäft verkauft

Das verkaufte Geschäft erzielte 2025 nach Angaben von ams-Osram rund 220 Mio. Euro Jahresumsatz und etwa 60 Mio. Euro bereinigtes EBITDA. Infineon sprach von einem erwarteten zusätzlichen Jahresumsatz von rund 230 Mio. Euro. Produktionsstätten sind laut Infineon nicht Teil des Deals.

Für Infineon bedeutet die Übernahme eine Stärkung des Sensorgeschäfts in den Bereichen Automobil, Industrie und Medizin. Das Unternehmen verweist dabei unter anderem auf Anwendungen in der Fahrzeugtechnik, Robotik und Medizintechnik. Für ams-Osram wiederum ist der Verkauf ein Schritt zu einer stärkeren Fokussierung auf optische Halbleiter und lichtbasierte Technologien.

Schuldenabbau: Nach MicroLED-Rückschlag folgt der harte Sparkurs

Kamper bezeichnete den Verkauf an Infineon als „chirurgischen Eingriff“. Ziel sei es, die Gruppe stabiler aufzustellen und die Verschuldung schneller zu senken. ams-Osram sitzt nach mehreren Rückschlägen auf einer hohen Schuldenlast. Besonders schwer wog die Absage eines zentralen MicroLED-Projekts im Februar 2024. Das Unternehmen musste daraufhin seine MicroLED-Strategie neu bewerten und erwartete zunächst nicht zahlungswirksame Wertminderungen von 600 bis 900 Mio. Euro.

Im Geschäftsbericht 2025 bezifferte ams-Osram die Belastungen aus der Anpassung der MicroLED-Strategie im Geschäftsjahr 2024 später mit 576 Mio. Euro. Die Absage führte auch dazu, dass das Unternehmen seine Pläne rund um MicroLED-Anlagen und Entwicklungskapazitäten überprüfte.

Die geplante Veräußerung an Infineon soll die Bilanz nun deutlich entlasten. ams-Osram erwartet, dass der pro-forma-Verschuldungsgrad durch den Verkauf auf 2,5 sinkt. Teile des Verkaufserlöses sollen für den Rückkauf oder die Rückzahlung von Finanzinstrumenten verwendet werden, die mit Vermögenswerten des verkauften Geschäfts besichert sind.

Zusätzlich hat der Konzern ein Spar- und Transformationsprogramm angekündigt. Unter dem Namen „Simplify“ will ams-Osram laut Mitteilung vom Februar 2026 jährliche Verbesserungen von rund 200 Mio. Euro erreichen. Gleichzeitig meldete das Unternehmen für 2025 einen bereinigten freien Cashflow von 144 Mio. Euro.

Smartphone-Sensorik bleibt wichtig – doch das Wachstum liegt woanders

Trotz der stärkeren Ausrichtung auf AR-Brillen, digitale Photonik und intelligente Lichtsysteme bleiben etablierte Geschäftsbereiche wichtig. Dazu zählt insbesondere die Sensorik für Smartphones, die für ams-Osram weiterhin ein Grundpfeiler ist. Langfristig erwartet Kamper dort jedoch geringere Wachstumsraten als in den neuen Feldern.

Die strategische Botschaft des Konzerns ist damit klar: ams-Osram will sich nach Jahren hoher Investitionen, Projektabbrüche und Schulden stärker auf jene Bereiche konzentrieren, in denen Licht, Sensorik und Halbleitertechnik zusammenkommen. AR-Brillen sind dabei eines der sichtbarsten Zukunftsthemen. Ob sie tatsächlich zum Massenprodukt werden, hängt aber nicht allein von den Komponenten ab. Entscheidend wird sein, ob Gerätehersteller überzeugende Anwendungen, alltagstaugliches Design und akzeptable Preise liefern können. Für ams-Osram könnte schon die technische Grundlage dafür ein lukratives Geschäft werden.