Zölle : "Langfristig bleibt Freihandel das effizienteste Modell"

Deloitte-Berater Astrid Isopp und Christian Bürgler

Deloitte-Berater Astrid Isopp und Christian Bürgler: "Zoll ist zum strategischen Faktor geworden"

- © Johannes Zinner

INDUSTRIEMAGAZIN: Frau Isopp, Herr Bürgler, die Rahmenbedingungen im Außenhandel ändern sich gefühlt minütlich. Was ist aktuell die größte Herausforderung für Unternehmen?

Astrid Isopp: Die größte Herausforderung ist die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen. Die Volatilität im Welthandel ist deutlich gestiegen und längst strukturell. Covid war nur der Anfang, danach folgten geopolitische Konflikte und nun verstärkt protektionistische Maßnahmen, insbesondere aus den USA, aber auch Gegenreaktionen aus anderen Ländern.


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Christian Bürgler: Oft unterschätzt wird, dass es nicht nur um Zölle geht. Alle Dimensionen des Handels sind betroffen: Dienstleistungen, Kapitalflüsse, Zahlungsströme. Unternehmen müssen daher ein System verstehen, das sich laufend verändert.

Haben Unternehmen darauf nicht längst Antworten gefunden? Stichwort Resilienz.

Isopp: Resilienz hilft, wird aber - wenn nicht richtig mit Bedeutung aufgeladen - überschätzt. Lieferketten lassen sich nicht kurzfristig neu aufsetzen. Neue Lieferanten brauchen Zeit, Kapital und Zertifizierungen. Gerade in Branchen wie Automotive verhindern langfristige Verträge schnelle Anpassungen. Unternehmen können reagieren, aber nicht beliebig flexibel sein.

Wie gehen Unternehmen also mit dieser Unsicherheit um?

Bürgler: Information ist der kritische Punkt. Entscheidungen basieren oft auf Daten mit kurzer Halbwertszeit. Gerade in den USA wird vieles angekündigt, aber erst später rechtlich konkret. Unternehmen müssen unterscheiden, was einerseits politisch kommuniziert wird und was andererseits dann wirklich gilt. Der Aufbau von Taskforces, die Informationen bündeln und bewerten, ist ein sinnvoller Schritt.

"Das Thema Exportkontrolle ist Querschnittsaufgabe: Einkauf, Vertrieb, Logistik und Compliance müssen zusammenarbeiten."
Astrid Isopp, Senior Managerin in der Steuerberatung, Deloitte Österreich

- © Johannes Zinner

Wie handhaben Unternehmen die immer neuen Zoll-Implikationen?

Bürgler: Zoll ist vom Logistikthema zum strategischen Faktor geworden. Er beeinflusst Lieferketten, Einkauf, Vertrieb sowie Pricing und wirkt direkt auf die Marge. Entsprechend sind Zölle heute klar einManagementthema.

Wo liegen die größten Hebel?

Isopp: Zunächst beim Produkt selbst. Die Zolltarifnummer bestimmt den Zollsatz. Fehler wirken sich unmittelbar finanziell aus. Ebenso entscheidend ist der Ursprung der Ware – also wo die letzte wesentliche Verarbeitung stattgefunden hat. In globalen Lieferketten ist das hochkomplex und verändert direkt den Zollsatz. Der dritte Hebel ist der Zollwert als Bemessungsgrundlage. Unternehmen prüfen genau, welche Bestandteile in den Zollwert tatsächlich einfließen müssen. Früher war das aufgrund der damals weltweit eher niedrigen Importzollsätze weniger relevant, heute ist es ein zentrales Steuerungsinstrument. Werden etwa Dienstleistungen oder Software nicht einbezogen, kann sich die Bemessungsgrundlage reduzieren. Das ist rechtlich zulässig, aber analytisch anspruchsvoll, da es vom jeweiligen Zollwertrecht abhängt, welche Kostenbestandteile in die Bemessungsgrundlage für den Zollwert zu inkludieren sind. Bei großen Volumina ergeben sich daraus erhebliche Kosteneffekte.

Bürgler: Hinzu kommt das US-Konzept „First Sale“. Unter bestimmten Bedingungen kann ein frühererVerkaufspreis als Zollbasis für den Import in den USA verwendet. Das reduziert die Zollbelastung, steht aber politisch zur Diskussion. Eine Abschaffung würde Kosten unmittelbar erhöhen und zeigt, wie stark politische Entscheidungen in Kalkulationen eingreifen.

Kommen wir zu CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism). Wie geht es Unternehmen mit der Ausgestaltung dieses Instruments?

Isopp: CBAM ist ein Gamechanger. Ziel ist, CO₂-intensive Importe ähnlich zu bepreisen wie europäische Produktion. Die Idee ist sinnvoll, die Umsetzung komplex. In der Übergangsphase mussten Unternehmen berichten. Ab 2027 müssen Zertifikate gekauft werden – für Importe aus 2026. Das Problem ist die Planbarkeit: Unternehmen kalkulieren heute, kennen aber die künftigen Kosten nur näherungsweise. Die EU wird erst Anfang April einen offiziellen Preis für CBAM-Zertifikate für das erste Quartal von 2026 veröffentlichen, doch die Unsicherheit zur weiteren Ausgestaltung von CBAM bleibt. Kurzfristig ist CBAM ein erheblicher zusätzlicher Aufwand.

Bürgler: Die Herausforderung liegt in der Kombination aus Kosten und Komplexität. Zertifikate verursachen direkte Mehrkosten, die früh in die Kalkulation müssen. Gleichzeitig steigt der administrative Aufwand durch Datenerhebung und Reporting. Strategisch zwingt CBAM dazu, Lieferketten neu zu bewerten – unter Einbeziehung von CO₂-Kosten, Zöllen und Risiken.

"Der Aufbau von Zoll-Taskforces, die Informationen bündeln und bewerten, ist ein sinnvoller Schritt."
Christian Bürgler, Partner in der Steuerberatung, Deloitte Österreich

- © Johannes Zinner

Stichwort Exportkontrolle und Dual-Use. Wo liegen da die Herausforderungen im Alltag?

Isopp: Das Thema wird oft unterschätzt. Unternehmen müssen sicherstellen, dass sie nicht gegen Sanktionen verstoßen. Auch indirekte Lieferungen an sanktionierte Personen bzw. Unternehmen sind nicht erlaubt. Es geht vor allem darum zu wissen, ob die Exportware selbst unter die Dual-Use-Verordnung der EU fällt bzw. sanktionsgelistet ist, wer der Endverwender ist und ob der Geschäftspartner auf Sanktionslisten stehen. Das ist eine Querschnittsaufgabe: Einkauf, Vertrieb, Logistik und Compliance müssen zusammenarbeiten. Ein typischer Konflikt entsteht zwischen Verkaufsdruck und Risikovermeidung. Deshalb braucht es klare Prozesse und Rückendeckung durch die Geschäftsführung.

Abschließend: Wohin entwickelt sich in Anbetracht all der Krisen der Welthandel?

Bürgler: Kurzfristig sehen wir mehr Regulierung, mehr Komplexität und mehr Unsicherheit. Langfristig bleibt Freihandel das effizienteste Modell. Für Unternehmen heißt das: Sie müssen mit Unsicherheit umgehen und ihre Strukturen so aufstellen, dass sie schnell reagieren können.

 

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