KTM Nachrichten : KTM-Insolvenz zieht Tochterunternehmen in die Pleite

Unternehmer und KTM-Eigner Stefan Pierer im Interview

Die Insolvenz der KTM-Töchter Avocodo GmbH und Pierer E-Commerce GmbH zeigt die weitreichenden Folgen der finanziellen Probleme innerhalb eines Konzerns.

- © Gilbert Novy / KURIER / picturedesk.com

Pierer-Tocherfirmen ebenfalls pleite

Die Insolvenz der KTM AG zieht immer weitere Kreise. Nachdem das Traditionsunternehmen im Bereich Motorräder und Mobilität bereits selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, sind nun auch zwei ihrer Tochtergesellschaften betroffen: Die Avocodo GmbH und die Pierer E-Commerce GmbH mussten Insolvenz anmelden. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der beiden Unternehmen wirken sich direkt auf rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie über 120 Gläubiger aus.

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Am Dienstag wurden laut Mitteilungen des Alpenländischen Kreditorenverbands (AKV), der Creditreform und des KSV1870 für beide Unternehmen Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eingeleitet. Diese Verfahren wurden am Landesgericht Linz und am Landesgericht Ried eröffnet. Ziel ist es, den Betrieb der beiden Unternehmen durch Restrukturierungsmaßnahmen fortzuführen.

Die Avocodo GmbH, ein IT-Dienstleister mit Fokus auf den Betrieb und die Wartung von Händlerplattformen, Websites und Kundenportalen, generiert über 80 Prozent ihres Umsatzes durch Dienstleistungen für die KTM AG und die KTM Forschungs- & Entwicklungs GmbH. Die Pierer E-Commerce GmbH, die für den Online-Vertrieb und die digitale Vermarktung innerhalb der Pierer-Gruppe verantwortlich ist, erwirtschaftete 96 Prozent ihres Umsatzes über die KTM AG.

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- © Industriemagazin

Avocodo GmbH: IT-Dienstleister in Schwierigkeiten

Die im Jahr 2000 gegründete Avocodo GmbH ist ein auf IT-Dienstleistungen spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in Oberösterreich. Ihr Hauptgeschäft liegt in der Entwicklung, Wartung und dem Betrieb von Händlerplattformen, Websites und Kundenportalen, die speziell auf die Anforderungen von Unternehmen der Automobil- und Motorradbranche zugeschnitten sind. Als langjähriger Partner der KTM AG und der KTM Forschungs- & Entwicklungs GmbH erwirtschaftete Avocodo über 80 Prozent ihres Umsatzes aus Dienstleistungen für diese Konzerngesellschaften.

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Zu den Dienstleistungen gehören unter anderem die Bereitstellung von maßgeschneiderten IT-Lösungen, die Integration und Wartung komplexer Händlernetzwerke sowie die Entwicklung von Kundenportalen, die Endverbrauchern und Geschäftspartnern gleichermaßen eine effiziente Kommunikation und Abwicklung ermöglichen. Diese enge Spezialisierung und Bindung an KTM, die sich über zwei Jahrzehnte etabliert hatte, machte Avocodo zu einem unverzichtbaren Akteur innerhalb der digitalen Infrastruktur der Pierer Mobility AG. Gleichzeitig führte diese starke Abhängigkeit dazu, dass die wirtschaftlichen Probleme der KTM AG auch Avocodo in finanzielle Schwierigkeiten stürzten.

Avocodo GmbH Stefan Pierer
Die Avocodo GmbH ist ein IT-Dienstleister, der sich auf den Betrieb und die Wartung von Händlerplattformen, Websites und Kundenportalen spezialisiert hat. - © Avocodo GmbH

Mit insgesamt 125 Mitarbeitenden ist Avocodo nicht nur ein bedeutender Arbeitgeber in der Region, sondern auch ein zentraler Teil der IT- und Digitalisierungsstrategie des Konzerns. Die Insolvenz betrifft darüber hinaus über 75 Gläubiger, die mit Verbindlichkeiten von insgesamt 3,3 Millionen Euro konfrontiert sind. Davon entfallen 1,1 Millionen Euro auf Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen innerhalb der Pierer-Gruppe.

Im Vergleich dazu wird das Vermögen der Avocodo GmbH mit einem geschätzten Zerschlagungswert von rund 1 Million Euro angegeben. Diese deutliche Diskrepanz zwischen den Passiva und den Aktiva unterstreicht die wirtschaftliche Schieflage des Unternehmens. Trotz dieser herausfordernden finanziellen Situation wird die Fortführung des Betriebs angestrebt. Im Zuge der Insolvenz haben potenzielle Investoren bereits Interesse an einer Beteiligung gezeigt. Ziel ist es, die Dienstleistungen von Avocodo weiterhin anzubieten und die Arbeitsplätze langfristig zu sichern.

Pierer E-Commerce: Digitale Plattformen in der Krise

Die Pierer E-Commerce GmbH, gegründet 2001, ist für den Online-Vertrieb und die digitale Vermarktung der Produkte und Dienstleistungen der Pierer-Gruppe zuständig. Als Generalunternehmer der KTM AG erzielte das Unternehmen 96 Prozent seines Umsatzes durch Geschäfte mit der Muttergesellschaft, was eine starke Abhängigkeit von deren finanzieller Stabilität offenlegt.

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Die Insolvenz betrifft 25 Mitarbeitende und etwa 45 Gläubiger. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf 4 Millionen Euro, während die Aktiva derzeit noch unklar sind. Dies stellt eine erhebliche Unsicherheit für die Gläubiger dar.

Konzernstruktur der Pierer Mobility AG
Konzernstruktur der Pierer Mobility AG - © Pierer Industrie AG

Besonders kritisch ist die Rolle der Pierer E-Commerce GmbH innerhalb der digitalen Transformation der Pierer-Gruppe. Durch den Fokus auf digitale Vertriebskanäle war die Firma ein wichtiger Bestandteil der strategischen Ausrichtung der Gruppe. Die finanziellen Schwierigkeiten könnten nun auch die digitale Reichweite und Vermarktung der KTM AG beeinträchtigen.

Sanierungsverfahren: Hoffnung auf Fortführung

Trotz der prekären Situation ist die Fortführung beider Unternehmen geplant. Im Eröffnungsantrag der Avocodo GmbH wird betont, dass der laufende Betrieb wirtschaftlich tragfähig sei. Externe Investoren haben bereits Interesse an einer Beteiligung signalisiert. Der vorgeschlagene Sanierungsplan sieht vor, dass den Gläubigern eine Quote von 20 Prozent ihrer Forderungen binnen 24 Monaten ab Annahme des Plans ausbezahlt wird. Die Auszahlung erfolgt jedoch erst nach rechtskräftiger Bestätigung des Sanierungsplans.

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Ein ähnliches Angebot wird den Gläubigern der Pierer E-Commerce GmbH gemacht. Auch hier soll die 20-Prozent-Quote durch eine Kombination aus fortgeführtem Betrieb und Zuschüssen von dritter Seite finanziert werden. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die wirtschaftliche Stabilität der Tochterfirmen langfristig zu sichern.

Die Rolle der Pierer Mobility AG

Die finanzielle Schieflage der Tochterunternehmen wirft auch ein Schlaglicht auf die Muttergesellschaft, die Pierer Mobility AG, zu der die KTM AG gehört. Die starke Vernetzung innerhalb des Konzerns führt dazu, dass die Probleme eines Unternehmens weitreichende Auswirkungen auf andere Teile der Gruppe haben können. Besonders kritisch ist die Tatsache, dass sowohl Avocodo als auch Pierer E-Commerce einen Großteil ihres Umsatzes mit der KTM AG erzielten.

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Die Insolvenz der KTM AG hat somit nicht nur direkte Auswirkungen auf deren Geschäft, sondern setzt auch die gesamte Konzernstruktur unter Druck. Dies könnte Investoren und strategische Partner verunsichern, die auf eine stabile Geschäftsgrundlage angewiesen sind.

Pierer Mobility AG Zentrale
Zentrale der Pierer Mobility AG - © Pierer Mobility AG

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Region

Die Insolvenz der beiden Tochterunternehmen betrifft nicht nur die direkt involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern hat auch Auswirkungen auf die Zulieferer und die regionale Wirtschaft. Besonders in der Region Oberösterreich, wo die Unternehmen ihren Sitz haben, sind Arbeitsplätze und wirtschaftliche Netzwerke eng mit der Pierer-Gruppe verknüpft.

Die Avocodo GmbH war mit ihrer Spezialisierung auf IT-Lösungen ein wichtiger Arbeitgeber für hochqualifizierte Fachkräfte in der Region. Die Unsicherheiten durch die Insolvenz könnten es für die betroffenen Mitarbeitenden schwierig machen, kurzfristig alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden. Ebenso ist die Insolvenz der Pierer E-Commerce GmbH ein Rückschlag für den wachsenden Bereich der digitalen Wirtschaft in Oberösterreich.

Externe Investoren als Rettungsanker

Die Möglichkeit, externe Investoren in die Sanierung einzubinden, könnte ein entscheidender Faktor für die Zukunft der beiden Unternehmen sein. Sowohl für die Avocodo GmbH als auch für die Pierer E-Commerce GmbH wurden bereits erste Interessenten gemeldet. Diese könnten nicht nur dringend benötigtes Kapital, sondern auch strategisches Know-how und neue Geschäftsmöglichkeiten einbringen.

Die Attraktivität der beiden Unternehmen liegt insbesondere in ihrer Spezialisierung: Avocodo bietet Expertise im Bereich IT und Digitalisierung, während Pierer E-Commerce eine etablierte Plattform für den Online-Vertrieb vorweisen kann. Dies könnte potenzielle Investoren anziehen, die Interesse an der Weiterentwicklung dieser Geschäftsbereiche haben.

Perspektiven und Herausforderungen

Die nächsten Wochen und Monate werden entscheidend für die Zukunft der Avocodo GmbH und der Pierer E-Commerce GmbH sein. Die Umsetzung der Sanierungspläne hängt nicht nur von der Zustimmung der Gläubiger, sondern auch von der erfolgreichen operativen Fortführung ab. Gleichzeitig wird es darauf ankommen, das Vertrauen der Belegschaft, der Geschäftspartner und potenzieller Investoren zu sichern.

Auch die Rolle der Pierer Mobility AG wird weiterhin im Fokus stehen. Die finanzielle Stabilisierung des Mutterkonzerns ist eine Voraussetzung dafür, dass die Tochterunternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren können. Ohne eine nachhaltige Lösung könnten weitere Insolvenzen innerhalb des Konzerns drohen, was die wirtschaftlichen Auswirkungen noch verschärfen würde.

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