Autozulieferer : Polytec-CEO Huemer: "Das ist kaufmännischer Selbstmord“
Polytec-Chef Markus Huemer: Erprobung und Feintuning neuer Geschäftsmodelle
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Der Hörschinger Autozulieferer Polytec zieht Konsequenzen aus der anhaltenden Krise der europäischen Automobilindustrie. Das UK-Geschäft wurde abgegeben, der Bereich Painted Exterior in Weierbach in Deutschland wird mit Ende April 2026 geschlossen. Für CEO Markus Huemer war das ein „schwerer Schritt“, aber „mit Sicherheit die richtige Entscheidung“, sagt er. Der Markt habe sich dramatisch verändert, der Wettbewerbs- und Preisdruck sei in der Nische zuletzt massiv gestiegen.
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Unter den aktuellen Marktbedingungen waren Kapazitätsanpassungen notwendig. Ausgewählte Projekte im Nischenmarkt bleiben allerdings weiterhin Bestandteil des Produktportfolios. Huemer beschreibt den Konzern insgesamt als Unternehmen im permanenten Anpassungsmodus: „Wir haben restrukturiert, wir haben diverse Werke geschlossen, wir haben neue gegründet, wir haben Übernahmen getätigt".
Laufzeitverlängerungen bei Verbrennern
Trotz der Einschnitte will sich Huemer vom Automotive-Geschäft nicht verabschieden. Polytec ist und bleibt Automobilzulieferer“, sagt er. Wachstum erwartet er in Europa allerdings nicht. Chancen sieht er eher in der Konsolidierung und bei neuen Ausschreibungen. Positiv bewertet Huemer vor allem die Laufzeitverlängerungen bei Verbrennern. Sie bringen zusätzliche Aufträge ohne neue Investitionen, erhöhen aber gleichzeitig den Vertriebsdruck. Vieles müsse neu angeboten, neu kalkuliert und neu abgesichert werden. „Das ist durchaus anspruchsvoll und durchaus auch unberechenbar“, sagt Huemer.
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Planbar sei allenfalls noch das Umsatzniveau in einem gewissen Korridor. Nicht planbar sei dagegen, welches Modell, welche Plattform und welcher Antrieb tatsächlich funktioniere. „Ein Golf ist nicht mehr ein Golf“, sagt Huemer. Seit 2017 sei das Automotive-Geschäft im Grunde unvorhersehbar. Besonders dramatisch seien 2021 und 2022 gewesen, als Mengenplanungen regelmäßig weit über den realen Abrufen gelegen seien.
Ausbau des Non-Automotive-Geschäfts
Entscheidend seien heute Cashflow, Resilienz und Bilanzstärke. Der operative Horizont liege bei etwa drei Jahren. Alles darüber hinaus verliere in einer Branche mit derart hoher Unsicherheit rasch an Aussagekraft.
Parallel dazu baut Polytec seit 2017 systematisch das Non-Automotive-Geschäft aus. Zunächst in mobilitätsnahen Bereichen, inzwischen deutlich breiter. Im Fokus stehen Mehrwegumlaufverpackungen, neue Kunststoffanwendungen und Projekte mit Partnern, die zwar einen Marktzugang oder ein Produkt mitbringen, aber keine Erfahrung in der Industrialisierung haben. Genau dort will Polytec ansetzen: als Fertigungs- und Skalierungspartner.
Huemer sieht in Mehrweg- und Umlaufverpackungen einen neuen Wachstumsmarkt. Dazu kommen neue Speziallösungen wie ein Dual-Use-Boxensystem, dessen Entwicklung derzeit stark vom Defence-Bereich getrieben wird. Der erste Markttest ist für Herbst geplant, zunächst mit einigen hundert Stück. Noch gehe es um Erprobung und Feintuning, sagt Huemer. Entscheidend sei, ob daraus ein skalierbares Geschäft entstehe.
Innovationsmöglichkeiten der Zuliefererindustrie
Auch geografisch verschiebt sich der Blick. Im Automotive-Geschäft bleibt Huemer strikt investitionsschonend. Neue Werke kommen nur infrage, wenn Kunden das Risiko mittragen. Im Non-Automotive-Bereich sei dagegen auch Amerika ein interessanter Markt.
Noch ist offen, wie stark dieser Umbau tragen wird. Klar ist für Huemer nur: Das Non-Automotive-Geschäft muss margenstärker sein als das heutige Automotive-Geschäft, sonst ergibt es keinen Sinn. Dafür hat Polytec mit „Smart Plastic Applications“ bereits eine eigene Organisationseeinheit aufgebaut, die separat arbeitet, aber auf die Kunststoff- und Industrialisierungskompetenz des Konzerns zurückgreift.
Die schärfste Diagnose zur Lage der Branche formuliert Huemer mit einem Satz: „Die deutsche Automobilindustrie vernichtet die Innovationsmöglichkeiten der Zuliefererindustrie.“ Vorleistungen in echte Entwicklungsprojekte seien kaum noch darstellbar, breite Vorentwicklung für deutsche OEMs sei „kaufmännischer Selbstmord“, sagt er. Innovation finde nur noch punktuell und in ausgewählten Produktgruppen statt.
Polytec reagiert darauf mit Portfoliobereinigung, Bilanzdisziplin und vorsichtiger Diversifizierung. Der Konzern bleibt im Auto, sucht aber neue Geschäfte jenseits davon.