Autozulieferer : Miba-Chef Mitterbauer: Nicht sudern, sondern wachsen
BU: F. Peter Mitterbauer, CEO Miba: "Mein Motto: Don’t ask for permission, ask for forgiveness."
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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Mitterbauer, Industrien wie Automotive und Metall stehen mit dem Rücken zur Wand. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?
F. Peter Mitterbauer: Uns geht es Gott sei Dank gut. Wir sind im vergangenen Jahr wieder gewachsen und liegen bei rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz, also Rekordniveau. Entscheidend ist unsere breite Aufstellung: über vier Geschäftsbereiche, über viele Anwendungsmärkte von Autoindustrie und Baumaschinen bis Energie, Flugzeuge und Windturbinen sowie regional über Europa, Asien, die USA und Südamerika.
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Wenn es in einer Industrie schlechter läuft, kann eine andere ausgleichen. Dieses De-Risking funktioniert gut.
Wie wichtig ist Automotive noch?
Mitterbauer: Die Autoindustrie macht rund 38 Prozent unseres Umsatzes aus und bleibt wichtig. In absoluten Eurobeträgen liegen wir dort über die vergangenen drei, vier Jahre ungefähr gleich. Wir schrumpfen also nicht einfach aus Automotive heraus. Gleichzeitig entwickeln wir Anwendungen möglichst unabhängig von der Antriebsform, ob Verbrenner, Hybrid oder Elektroauto.
Wo wächst Miba außerhalb des klassischen Autogeschäfts?
Mitterbauer: Ein Feld ist die Energieversorgung, etwa für Anwendungen rund um künstliche Intelligenz. Das können Gasturbinen oder Gasmotoren sein. INNIO ist ein Beispiel für einen großen international aktiven Kunden, in Amerika gibt es weitere Player. Wenn eine Industrie boomt, entstehen technische Herausforderungen, und wir versuchen dafür Lösungen zu entwickeln. Das passt zu „Technologies for a Cleaner Planet“: Forschung und Technologie für weniger CO2. Ein anderes Beispiel ist die Schifffahrt. Große Containerschiffe verwenden heute andere Kraftstoffe, etwa Methanol oder Ammoniak, es gibt auch Wasserstoffmotoren. Ein Containerschiff wird aus meiner Sicht weiter Verbrennungstechnologie brauchen. Wir liefern Komponenten und Gleitlager für diese Großmotoren. Hier wächst das Geschäft stabil.
Welche Rolle spielt Defence?
Mitterbauer: Eine sehr kleine. Aber Produkte von uns können dort eingesetzt werden. Wir liefern etwa Lager für Großmotoren. Ein solcher Motor kann in einem Datencenter, in einem Schiff oder auch in einem Panzer verwendet werden.
Wie viel der Transformation war schon angelegt, wie viel kam in Ihrer Zeit dazu?
Mitterbauer: Es ist eine Kombination. Die Basis war da: Internationalisierung, Technologieorientierung und der Innovationsgeist, den schon mein Großvater vor 99 Jahren geprägt hat. Wir haben diese Basis im Sinn einer dynamischen Evolution weiterentwickelt. In den vergangenen zehn Jahren haben wir uns umsatzmäßig ungefähr verdoppelt. Über längere Zeiträume sind wir im Durchschnitt etwa doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft gewachsen. Das wollen wir weiterführen.
Gibt es Märkte, die dauerhaft weggebrochen sind?
Mitterbauer: In großem Stil fällt mir keiner ein. Manche Märkte liefen flacher als erwartet. Bei Baumaschinen sehen wir bereits einen Aufschwung, bei landwirtschaftlichen Maschinen dauert es wohl noch länger.
Produkte für die Energieversorgung sind inzwischen ein großer Teil des Geschäfts.
Mitterbauer: Miba Technologien für die Energiegewinnung und Energieübertragung machen mittlerweile rund 20 Prozent unseres Umsatzes aus. Das reicht von Lösungen für Windturbinen und Wasserkraftwerke bis zu Komponenten für große Umspannwerke und für die Hochspannungs-Gleichstromübertragung. Wenn Strom etwa von der Nordsee mit möglichst geringen Verlusten Richtung München übertragen wird, sind in solchen Systemen auch Miba-Teile enthalten.
Sie investieren 13 Millionen Euro in „Base 27“. Was entsteht dort?
Mitterbauer: Wir eröffnen im September in Laakirchen ein neues Aus- und Weiterbildungszentrum. Es ist nicht nur ein Lehrlingszentrum, sondern auch für die Weiterbildung unserer Fachkräfte in der Produktion gedacht. Dort bündeln wir die Aus- und Weiterbildung für unsere oberösterreichischen Standorte. Der Name kommt nicht von ungefähr: mein Großvater war Lehrling, bevor er im Jahr 1927 die Werkstatt seines Lehrherren übernahm und damit die Basis für die Miba legte.
Er war also unser „Lehrling Nummer eins“: Im nächsten Jahr – 2027 - feiern wir 100 Jahre Miba. „Base 27“ steht daher auch für ein Basislager für unseren Weg in das zweite Jahrhundert der Miba, für einen Ort, an dem man Wissen und Energie auftankt. Der Untertitel lautet „Deine Zukunftswerkstatt“. Wer sich weiterentwickeln will, soll dafür Möglichkeiten bekommen. Lebenslanges Lernen ist bei uns seit Jahrzehnten wichtig.
Hat sich am Prinzip dezentraler Führung mit dem Wachstum etwas geändert?
Mitterbauer: Nein. Ich sage immer: Wenn unsere etwas mehr als 7.000 Leute unternehmerisch denken, als wäre es ihr eigenes Unternehmen, dann ist viel gewonnen. Wer an einer Produktionslinie steht, soll nicht immer warten, was der Chef oder die Chefin anschafft, sondern überlegen: Was kann ich verändern, was verbessern? Nach dem Motto: Don’t ask for permission, ask for forgiveness. Natürlich innerhalb klarer Grenzen. Jeder muss spüren, was ein zu großes Risiko wäre oder ethisch nicht passt. Wenn etwas vertretbar ist, soll man sich trauen zu entscheiden – und Entscheidungen auch revidieren. Diese Kultur gilt in Divisionen, Regionen und Standorten, ob in den USA, Mexiko, Europa, Indien oder China.
Was hält die sehr unterschiedlichen Geschäfte zusammen?
Mitterbauer: Technologisch anspruchsvolle Komponenten entlang der Energie-Wertschöpfungskette. Ob eine Komponente in Windturbine, Wasserkraftwerk, Auto, Flugzeug, Baumaschine, Energiespeicherung oder Leistungselektronik steckt, ist zweitrangig. Interessant wird es dort, wo Kunden ein nicht triviales Problem haben. Unsere Entwickler, Vertriebsleute und Anwendungstechniker müssen zuhören: Wie lassen sich Vibrationen oder Geräusch reduzieren? Wie kann Bauraum kleiner werden? Wie lässt sich CO2 senken? Dann entwickeln wir gemeinsam mit dem Kunden eine Lösung. Und produzieren sie.
Ein Beispiel dafür?
Mitterbauer: Ein zentraler Bereich ist Materialwissenschaft, speziell im Bereich von Oberflächen. Ein Beispiel dafür ist unsere Sputter-Technologie zur Beschichtung von Gleitlagern, Das ist ein High-Tech Verfahren, bei dem Atome aus einem festen Material herausgelöst und als hauchdünne, kompakte Schicht unter Vakuum auf die Lageroberfläche aufgebracht werden. Das Ergebnis: weniger Reibung und Verschleiß, hohe Temperaturbeständigkeit und hohe Belastbarkeit durch Vibrationen oder große Lasten.
Dieselbe Kompetenz führt bis in die Chipindustrie?
Mitterbauer: Bei der Wafer-Produktion gibt es EUV (Extreme Ultraviolet)-Lithografie. Ein niederländisches Unternehmen baut dafür Maschinen für die Chipindustrie weltweit. In diesen Anlagen sind Laserquellen und Spiegel hochkritische Komponenten. Wir beschichten Oberflächen dieser Spiegel, wieder mit Technologie aus derselben Kompetenzwelt. Der Punkt ist: Wir applizieren Technologien auf völlig unterschiedliche Anwendungen. Das ist für mich Miba: Technologieführerschaft in Nischen. Ob Chipindustrie, Flugzeuge, Großschiffe oder Energieversorgung für Rechenzentren.
Wie sehen Sie den Wettbewerb aus China und den USA?
Mitterbauer: Europa hat weiterhin eine starke innovative Grund-DNA. Aber wir müssen die Rahmenbedingungen wieder hinbekommen. Amerika und China sind sehr schnell, , mit viel Hunger und Innovationsgeschwindigkeit. Wir als Miba nutzen dort viele Chancen. Als Österreicher und Europäer hoffe ich aber, dass die Bedeutung unserer heimischen Industrie und damit jene der Industriestrategie richtig gesehen wird. Wohlstand muss finanziert werden. In Österreich sind in den vergangenen zwei Jahren 30.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen, während im öffentlichen Dienst 50.000 dazugekommen sind. Da muss man fragen, wie das in zehn oder 20 Jahren funktionieren soll.
Sie wirken dennoch gelassen. Woher kommt das?
Mitterbauer: Ich versuche optimistisch zu sein. Es gibt genug, worüber man sich aufregen könnte. Aber es hilft nichts, nur zu sudern. Ich halte viel von Selbstwirksamkeit: Was kann ich, was kann ein Unternehmen beeinflussen? Ob in den USA Trump, Biden, Harris oder jemand anderer politisch das Sagen hat – als europäischer Staatsbürger kann ich darüber lange diskutieren, aber beeinflussen kann ich es nur sehr eingeschränkt. Und bei aller Schwierigkeit sollten wir nicht vergessen, in welcher Zeit wir leben. Wir leben trotz allem in der besten Zeit, die es jemals gegeben hat.
Wo soll Miba in zehn Jahren stehen?
Mitterbauer: Wir wollen weiter wachsen, in technologischen Nischen. Weltweit und dort, wo unsere Lösungen gebraucht werden. Und weil sie mich auf Gelassenheit angesprochen haben: Es macht schon einen Unterschied, wenn man morgens sagen kann: Ich entwickle oder produziere etwas, das den Planeten sauberer macht oder Energie effizient bereitstellt.