Logistik Konjunktur Infrastruktur Wettbewerbsfähigkeit : „Wir brauchen ein Mindset, dass es wieder vorangeht“: BVL-Obmann Kubesch zur Lage der Logistik

BVL-Obmann Wolfgang Kubesch
© Monika FELLNER

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage der Logistikbranche in Österreich?

Wolfgang Kubesch Ich denke, dass der Logistiksektor in Summe sehr robust unterwegs ist, aber natürlich ist er nicht völlig losgelöst von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Das heißt beispielsweise die Konsumzurückhaltung kann sich natürlich auch auf den E-Commerce auswirken. Die Läger sind etwas zu voll, es dreht sich weniger, wenn man an den E-Commerce denkt. Die globalen Zollwirrnisse sind für einen Wirtschaftsbereich wie die Logistik auch nicht besonders hilfreich. Aber letztlich würde ich doch sagen, der Logistiksektor, speziell in Österreich, ist ziemlich stark aufgestellt. Da dürfen wir nicht unzufrieden sein. Was aber fehlt, sind klare Rahmenbedingungen und vor allem eine gesamtwirtschaftliche Erholung. Diese zukunftsfitten Rahmenbedingungen ist die Politik weiter durchaus schuldig, einen Move nach vorne kann man nirgendwo wirklich sehen oder spüren. Wir brauchen ein Mindset, dass es wieder vorangeht. Es passiert fast alles nur reaktiv, es gibt kaum proaktives Agieren. Alles schaut nach Amerika oder Asien, was wir selbst gut können, darauf besinnen wir uns in Europa und in Österreich viel zu wenig. So hätte beispielsweise niemand jemals daran gedacht, dass ein europäischer Flugzeughersteller global eine Nummer eins werden kann, trotz gewaltiger amerikanischer Dominanz. Europa kann schon viel, muss sich aber auch einfach trauen.

Welche konkreten Forderungen haben Sie?

Die Systeme sind irgendwie träge geworden, der Output wird summa summarum schwächer und das wirkt sich besonders auf die Wirtschaft aus. Wir haben in Europa zu wenig Kultur des Ausprobierens, des qualifizierten Misserfolgs, aus dem man lernen kann, um einen Restart hinzulegen. Wir sind mit viel zu vielen Nebendingen beschäftigt, etwa zu diskutieren, wie groß die Preisauszeichnung von Produkten im Regal ist, anstatt die hausgemachte Inflation zu bekämpfen, ist schlicht der falsche Ansatz.

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Wo sehen Sie die größten Risiken und wo konkrete Chancen für die österreichische Logistik?

Die Risiken sind keine neuen, aber wir wissen nicht, wie ausgeprägt sie sein werden, etwa beim Thema Zölle, oder dass sehr viel aus Asien auf den europäischen Markt drängt. Diese bekannten Risiken verlangen jedenfalls ein strukturiertes und vorausschauendes Handling. Ein wirkliches Risiko gibt es speziell, was kritische Infrastrukturen betrifft. Wir haben in Österreich etwa nur eine einzige Raffinerie. Wenn wir keinen Sprit produzieren können, wird die Versorgung relativ rasch kollabieren. Auch die Stromversorgung zähle ich hier dazu. Da sind wir auf nahezu nichts Ernsthaftes vorbereitet, und würden wohl sehr schwerfällig reagieren.

Infrastruktur zwischen Anspruch und Realität

Wie sieht es im Bereich Digitalisierung und Automatisierung aus, auch was Investitionen betrifft?

In der Logistik ist dieses Thema ja weiterhin ein Gebot der Stunde. Digitalisierung und Automatisierung helfen klar zunehmend, personelle Engpässe – besonders in der Produktion – zu reduzieren. Das scheint bis auf weiteres alternativlos. Österreichische Unternehmen gerade aus der Intralogistiksparte sind international äußerst stark aufgestellt und durchaus Champions.

Wie zufrieden sind Sie mit der logistischen Infrastruktur in Österreich?

Österreich geht einen Weg, wo vor allem im Schienenbereich sehr viel allgemeine Infrastruktur geschaffen wird und woran primär die Politik fast schon unrealistisch hohe Erwartungen knüpft. Regelungsversuche, dass beispielsweise gewisse Frachten prinzipiell nur über eine Modalität abgewickelt werden sollen, sind jedoch kein Muster dafür, dass man Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig denkt. Das reine Verlagern von Modalität A auf B wird ohne massiven Ausbau von Infrastrukturen nicht zu stemmen sein. Mehr Infrastruktur kostet natürlich zusätzliches Geld, außerdem ist Bauen ein überaus hoher CO2-Emittent. Wir bewegen uns da in Summe in Halbwahrheiten.

Wo sehen Sie den dringenderen politischen Handlungsbedarf? Im Infrastrukturausbau oder bei Genehmigungsverfahren?

Wenn wir sehen, dass wir in Gebieten Wiens, jenseits der Donau, eine sehr hohe Anzahl an Menschen neu ansiedeln und die Infrastruktur nicht umfassend nachziehen, dann erscheint mir das nicht sehr smart., was problematisch ist. Der Lückenschluss im Straßennetz wurde seit Jahrzehnten verschleppt. Im Übrigen steigt generell der Druck von Endverbrauchern, klimaneutrale Lösungen, kurze Transportwege und lokale Wertschöpfung zu fördern. Verlader und der Logistiksektor waren hier aber immer schon sehr innovativ. Es ist ein gemeinsames Wollen und Müssen. Dabei passiert jede Menge – Beispiel Klimaneutralität in der Zustellung auf der letzten Meile. Der Logistiksektor ist eigentlich immer Vorreiter bei Trends, wird jedoch durch langwierige Verfahren und unzureichende Infrastrukturen so nicht beflügelt.

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KI zwischen Chance und Regulierung

Sehen Sie alternative Antriebe schon praktikabel genug für den flächendeckenden Einsatz?

Bei der Elektromobilität denke ich, dass es vorwiegend im urbanen Bereich schon beachtliche Fortschritte gibt. Man muss die Dinge anders, nämlich wirklich umfassend nachhaltig planen, denn hier gilt dasselbe wie beim Umstellen von Modalität A auf B. Wenn alle elektrisch fahren sollen oder wollen, woher kommt der Strom, wie wird er transportiert, wenn das Errichten von Hochspannungsleitungen in Österreich fast schon einer Herkulesaufgabe gleichkommt?

In welchen Bereichen ist der Fach- und Arbeitskräftemangel am stärksten? Betrifft es eher die Lagerlogistik oder den Transport? 

Der Fahrermangel ist ja evident, es ist auch ein sehr verantwortungsvoller Job, denn oft handelt es sich um sensible Ladung, es ist wichtig, dass Dinge sicher von A nach B befördert werden können. Was man aber unabhängig davon generell konstatieren muss: In Europa, in Österreich heißt es, dass Menschen fortgeschrittener Generationen dem Arbeitsprozess länger erhalten bleiben sollen. Lebensrealitäten dieser Generationen werden in der Arbeitswelt aber bei weitem nicht abgebildet. Man kann davon ausgehen, dass das Leistungsspektrum einer Person 60 plus etwas anders kalibriert ist als von einer Person mit 30 plus. Dem wird aber in der Starre der (Rechts-)Systeme überhaupt nicht annähernd Rechnung getragen. Wenn man alles beispielsweise mit Kollektivverträgen überreguliert, gibt es primär eine aufgehende Kostenschere, auf der anderen Seite fehlt zum Teil völlig die Flexibilität, um mit unterschiedlichen Leistungsspektren umzugehen. 

In der Logistik passiert viel Innovation – wie sieht es hierzulande mit Weiterbildungsmöglichkeiten aus?

Ich glaube, es gibt insgesamt schon recht viele Angebote. Aber ich höre auch immer wieder, dass man versucht, die KI zu regulieren, zu zähmen. Das ist wieder so ein Ansatz, der per se wahrscheinlich nicht weiterhelfen wird. Wir müssen uns zuerst mit dem Ermöglichen von Chancen beschäftigen, und Auswüchsen muss natürlich entsprechend begegnet werden. Der Einsatz neuer Technologien hat, so wie alles, Licht- und Schattenseiten. Aber grundsätzlich muss man versuchen, die Lichtseiten nach vorne zu bringen und sich nicht nur vor den Schattenseiten zu fürchten.

Schweiz als Benchmark: Was Österreich besser machen könnte

Haben Sie das Gefühl, dass sich das Image der Logistik in den letzten Jahren gewandelt hat?

In den letzten fünf Jahren sicher. Das haben wir nicht nur bei Corona gesehen, die Logistik kommt auch im Sprachgebrauch häufiger vor. Das sehen wir als positiv, aber ich glaube politisch ist noch nicht überall angekommen, dass die Logistik ganz klar mehr ist als es scheint und wir ohne Logistik einfach nicht weit kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir wollen eine Logistikstrategie für Österreich. Das soll sich aber nicht darin erschöpfen, dass wir wieder viel Papier produzieren – ähnlich der lang angekündigten Industrieagenda, sondern wir müssen dann ganz konkret ins Tun kommen.

Insgesamt ist das Image positiver geworden, Luft nach oben gibt es aber auf alle Fälle. Wir haben auch Berufsbilder, die für viele Menschen in Österreich offensichtlich nur bedingt attraktiv scheinen, wie etwa im Lager oder LKW-Fahrer. Dagegen müssen alle arbeiten.

Was kann die österreichische Logistik von anderen Regionen lernen?

Lernen kann man durch einen gezielten Ideenaustausch immer, aber die Logistik Österreichs ist, auch laut Weltbank-Logistik Performance-Index, sehr gut aufgestellt, im letzten Ranking 2023 lag Österreich auf dem 7. Platz von 139 Staaten. Das ist aber primär der Kraft der Unternehmen geschuldet und nicht den staatlichen Rahmenbedingungen. Hier ist nämlich eine andere Studie aussagekräftig: Das International Institut für Management Development aus Lausanne hat sich die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit von 69 Ländern zwischen 2021 und 2025 angesehen – Österreich ist vom 19. auf den 26. Platz abgerutscht, und Deutschland im selben Zeitraum von 15 auf 19. Die Schweiz ist damals Erster gewesen, war dazwischen einmal Dritter und ist jetzt wieder Erster.

Gefragt hat man auch nach der Government Efficiency, das heißt wie zufrieden ist man im Umgang des öffentlichen Sektors mit Wirtschaft und Gesellschaft? Hier war für Österreich ein Wert von rund 50 Prozent ausgewiesen, in Deutschland 58 und in der Schweiz 95. In Sachen Business Efficiency – also wie erfolgversprechend ist es, ein Geschäft zu betreiben – gab es in Österreich 59, in Deutschland 58 und in der Schweiz 91 Prozent. Die Infrastruktur wird in Österreich mit 77 Prozent bewertet, in Deutschland mit 78 und in der Schweiz mit 95. Wir hören sehr oft, dass der Föderalismus allein an allem schuld sei. In der Schweiz gibt es viel stärkeren Föderalismus, sie steht aber trotzdem viel besser da.

Ich glaube der Unterschied liegt eher darin, dass die Schweiz diese unerfreulichen Mischkompetenzen zwischen Bund, Land und Gemeinde so nicht hat, sondern Verantwortlichkeiten ganz klar abgegrenzt sind. Und die Partizipation der Bevölkerung hat dieses Land auch nicht wirklich arm werden lassen, vielleicht sogar im Gegenteil…