Rüstung Ukraine Russland : Politologin Puglierin: "Ich bin davon überzeugt, dass Russland abschreckbar ist"
Politologin Jana Puglierin: "Für Europa ist es ein Marathon im Sprinttempo“
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INDUSTRIEMAGAZIND DEFENCE: Frau Puglierin, welches Fazit ziehen Sie aus der Münchner Sicherheitskonferenz von Mitte Februar?
Jana Puglierin: Die Konferenz lässt sich sehr unterschiedlich lesen. Es gab Standing Ovations im Saal, viel demonstrative Einigkeit und zahlreiche symbolische Gesten. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass sich die transatlantischen Beziehungen in einer Phase grundlegender Neujustierung befinden. Ich würde sagen: Es gibt tatsächlich ein stärkeres Zusammenrücken der Europäer untereinander und mehr Übereinstimmung in der Wahrnehmung der Vereinigten Staaten als noch vor einem Jahr. Viele Teilnehmer haben die Rede des US-Außenministers Rubio nicht als neues strategisches Angebot verstanden, sondern als Fortsetzung einer Linie, die bereits zuvor deutlich geworden war.
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Die Richtung, in die sich die USA politisch und ideologisch bewegen, hat sich nicht grundlegend verändert. Neu war eher die Verpackung. Während frühere Wortmeldungen aus Washington stärker als Kritik an Europa formuliert waren, wurde diesmal ein Ton gewählt, der als Angebot präsentiert wurde – inhaltlich jedoch mit ähnlichen Botschaften. Besonders auffällig war das Verständnis von „westlicher Zivilisation“, das dabei vertreten wurde. Dieses Konzept wurde nicht primär über universelle Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder individuelle Freiheit definiert, sondern stärker über Tradition, Herkunft und religiöse Wurzeln. Das ist eine andere Akzentsetzung als jene, die viele europäische Staaten gewohnt sind.
Wie reagierten die europäischen Teilnehmer darauf?
Puglierin: Zu Beginn wurde das Positive betont. Man wollte offensichtlich demonstrieren, dass die Partnerschaft weiterhin funktioniert. Doch im Verlauf der Konferenz setzte eine deutlich nüchternere Bewertung ein. Viele Europäer sind sich bewusst, dass sie sicherheitspolitisch kurz- und mittelfristig nicht ohne die USA auskommen. Diese Abhängigkeit ist real und prägt das Verhalten. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die emotionale Dimension der transatlantischen Beziehungen zurückgegangen ist. Früher war häufig von Enttäuschung oder Verletztheit die Rede, wenn Washington eine andere Linie verfolgte. Heute dominiert Pragmatismus. Man nimmt die Unterschiede zur Kenntnis und versucht, mit ihnen umzugehen. Es gab aber auch Stimmen, insbesondere aus NATO-nahen Kreisen, die betonten, dass die Allianz von den globalen Verwerfungen kaum betroffen sei. Teilweise wurde sehr aktiv vermittelt, dass es keinen Grund zur Sorge gebe. Gleichzeitig konnte man beobachten, dass die USA selbst in einem intensiven innenpolitischen Richtungsstreit stecken, der sich unmittelbar auf ihre Außenpolitik auswirkt.
Welche Rolle spielte der Ukraine-Krieg bei der Konferenz?
Puglierin: Die Ukraine war weiterhin ein zentrales Thema, aber weniger dominant als in den Jahren zuvor. Präsident Selenskyj erhielt viel Aufmerksamkeit und starken Applaus, und die meisten europäischen Reden griffen den Krieg auf. Dennoch hatte man das Gefühl, dass die Dringlichkeit der Lage nicht mehr im selben Ausmaß empfunden wird wie zu Beginn der Invasion.
Das ist insofern paradox, als sich der Krieg gerade in einer entscheidenden Phase befindet. Die Front verläuft weitgehend stabil, gleichzeitig steigen die Verluste, und die strategische Zukunft des Landes bleibt ungewiss. Trotz dieser Situation war die Ukraine nicht mehr das alleinige Zentrum der Diskussionen. Hinzu kommt, dass in wichtigen amerikanischen Wortmeldungen Russland kaum thematisiert wurde. Auch zentrale Sicherheitsgarantien wie der NATO-Beistandsartikel wurden nicht ausdrücklich hervorgehoben. Stattdessen stand die Erwartung im Raum, dass Verbündete stärker selbst für ihre Sicherheit sorgen sollen.
Wie beurteilen Sie die globale strategische Lage, insbesondere im Verhältnis zu China und Russland?
Puglierin: In den letzten Jahren wurde häufig von einer engen Kooperation zwischen China, Russland, Iran und Nordkorea gesprochen. Tatsächlich zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenarbeit nicht immer so stabil ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Russland war beispielsweise nicht in der Lage, wichtige Partner wie Iran oder Syrien entscheidend zu stützen. Auch in seiner unmittelbaren Nachbarschaft hat Moskau an Einfluss verloren.
Gleichzeitig eröffnet die amerikanische Politik China neue Möglichkeiten. Wenn die USA die regelbasierte internationale Ordnung infrage stellen oder multilaterale Institutionen relativieren, kann sich China als Verteidiger eben dieser Ordnung präsentieren. Das wurde auf der Konferenz sehr deutlich: Während Washington Skepsis gegenüber internationalen Organisationen äußerte, betonte Peking deren Bedeutung und sprach von globaler Zusammenarbeit. Für viele Staaten im globalen Süden kann diese Position attraktiv erscheinen, unabhängig davon, wie China tatsächlich handelt. Die strategische Wirkung ist jedenfalls spürbar.
Wie ist die militärische Lage in der Ukraine derzeit einzuschätzen?
Puglierin: Ein klares Bild zu zeichnen, ist schwierig. Russland hat seine ursprünglichen Kriegsziele nicht erreicht und musste enorme Verluste hinnehmen – militärisch, wirtschaftlich und demografisch. Gleichzeitig ist es der Ukraine nicht gelungen, die besetzten Gebiete zurückzuerobern oder den Krieg zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die humanitären Kosten sind immens. Große Teile der Infrastruktur sind zerstört, Millionen Menschen sind vertrieben, und die wirtschaftliche Basis des Landes ist schwer beschädigt.
In der Bevölkerung wächst daher der Wunsch nach einer Pause der Kampfhandlungen, allerdings nicht um den Preis eines erzwungenen Friedens, der die staatliche Souveränität untergraben würde. Auf westlicher Seite ist die Unterstützung weiterhin vorhanden, aber sie konzentriert sich auf einige wenige Länder. Staaten wie Deutschland, die nordischen Länder oder die Niederlande tragen einen großen Teil der materiellen Hilfe, während andere europäische Länder deutlich zurückhaltender sind. Letztlich wird entscheidend sein, welche Seite länger durchhält – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Eine zentrale Unbekannte bleibt Russland. Moskau hält offiziell an seinen ursprünglichen Zielen fest und spricht weiterhin von den „Grundursachen“ des Konflikts. Ob sich daran etwas ändert, hängt stark davon ab, wie sich die Kosten des Krieges im Inneren entwickeln.
Kann Abschreckung gegenüber Russland funktionieren?
Puglierin: Ich bin überzeugt, dass Russland abschreckbar ist. Der Krieg zeigt, dass Moskau zwar bereit ist, große Risiken einzugehen, aber gleichzeitig die Grenzen der NATO respektiert hat. Ein direkter Angriff auf Bündnisgebiet ist ausgeblieben. Russlands strategisches Ziel geht über die Ukraine hinaus. Es geht darum, die europäische Sicherheitsordnung so zu verändern, dass Moskau größeren Einfluss erhält. Dazu gehört auch die Forderung nach einer Art Vetorecht über sicherheitspolitische Entscheidungen in Europa. Deshalb wird Abschreckung – sowohl nuklear als auch konventionell – ein zentraler Bestandteil der europäischen Sicherheitsstrategie bleiben müssen. Europa muss glaubwürdig zeigen, dass ein Angriff auf NATO-Gebiet extrem hohe Kosten verursachen würde.
Warum finden russische Positionen bei manchen politischen Strömungen in Europa so stark Zustimmung?
Puglierin: Ein Faktor sind ideologische Überschneidungen. Teile der europäischen Rechten teilen konservative gesellschaftspolitische Vorstellungen, die mit den vom Kreml propagierten traditionellen Werten kompatibel sind. Auch die Skepsis gegenüber der Europäischen Union als supranationaler Institution verbindet diese Akteure. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen, insbesondere im Energiebereich. Wenn Klimapolitik abgelehnt wird, erscheint der Import fossiler Energieträger aus Russland als pragmatische Option.
Wie könnten die Beziehungen zwischen Europa und Russland langfristig aussehen?
Puglierin: Selbst wenn der Krieg eingefroren würde, bliebe die Frage bestehen, wie Europa künftig mit Russland umgehen soll. Bereits vor der Invasion hatte Moskau eine neue Sicherheitsordnung gefordert, einschließlich Einflusszonen und eines Rückzugs der NATO aus Teilen Osteuropas. Diese Forderungen bestehen weiterhin. Gleichzeitig hat der Krieg sowohl Russland als auch den Westen militarisiert und das gegenseitige Misstrauen verstärkt. Ein rascher Übergang zu kooperativen Beziehungen erscheint daher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine langfristige Phase der Konfrontation, in der Abschreckung und Risikomanagement im Vordergrund stehen.
Ist Europa darauf vorbereitet, diese Rolle zu übernehmen?
Puglierin: Derzeit ist Europa nicht vollständig dazu bereit. Europa ist in zentralen militärischen Bereichen weiterhin stark von den USA abhängig – etwa bei Aufklärung, strategischem Transport, Luftbetankung, nuklearer Abschreckung oder der Führung großer militärischer Operationen. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht kurzfristig aufbauen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass Europa mehr Verantwortung übernehmen muss. Viele Staaten versuchen, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen und gemeinsame Projekte voranzutreiben.
Die Europäische Union könnte dabei eine stärkere Rolle spielen, auch wenn dies nicht von allen Mitgliedstaaten gleichermaßen unterstützt wird. Wahrscheinlich werden künftig verstärkt flexible Kooperationen einzelner Staaten entstehen, sogenannte Koalitionen der Willigen. Beispiele für erfolgreiche Zusammenarbeit gibt es bereits, etwa bei multinationalen Beschaffungsprojekten. Dennoch bleiben strukturelle Probleme bestehen: unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen, nationale Interessen und innenpolitischer Druck durch Parteien, die europäische Integration skeptisch sehen.
Welches übergeordnete Bild ergibt sich für Sie aus diesen Entwicklungen?
Puglierin: Europa steht vor einer außergewöhnlich schwierigen Phase. Die politischen Systeme müssen gleichzeitig aufrüsten, wirtschaftliche Herausforderungen bewältigen und gesellschaftliche Spannungen managen. Die nächsten Jahre werden einer Dauerbelastung gleichen – man könnte sagen, ein Marathon, der im Sprinttempo gelaufen werden muss. Ob Europa diese Herausforderung erfolgreich meistert, hängt davon ab, ob es gelingt, militärische Fähigkeiten auszubauen, politische Geschlossenheit zu bewahren und eine stabile strategische Beziehung zu den USA aufrechtzuerhalten, selbst wenn sich deren Rolle verändert.
ZUR PERSON
Jana Puglierin, 47,
ist Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten deutsche, europäische und globale Sicherheitsthemen und Verteidigung. Sie ist seit 2020 Senior Policy Fellow am Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) und leitet das Berliner Büro. Zuletzt erschien ihr Buch "Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen." (Rowohlt, 2026)