Die europäische Rüstungsindustrie soll eine neue Kapazitätendrehscheibe bekommen. Zu den treibenden Kräften gehört Herbert Decker, der vor kurzem aus der Geschäftsführung der Maschinenfabrik Liezen und Gießerei (MFL) ausgeschieden ist. Gemeinsam mit Vertretern der Verteidigungsindustrie arbeitet er an einer eigenständigen Organisation, die industrielle Fertigungskapazitäten rascher für Rüstungsaufträge verfügbar machen soll. Die Initiative befindet sich in der Konzeptionsphase. Angestrebt wird eine europaweite Lösung unter Beteiligung großer Rüstungskonzerne, Zulieferunternehmen und weiterer institutioneller Partner.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass bisherige Initiativen zur Mobilisierung industrieller Kapazitäten nicht schnell genug greifen. Dazu zählt auch die NATO-Initiative ENGINE, die Unternehmen und potenzielle Auftraggeber zusammenführen soll. „Eine notwendige und wichtige Initiative“, sagt Decker. Allerdings sei sie im Kern „nur eine weitere Matchmaking-Plattform“. Allein in der Pilotphase hätten sich laut veröffentlichten Angaben rund 1.100 Unternehmen registriert. Die Vermittlung von Kontakten löse jedoch die eigentlichen Produktionsprobleme nicht. „Eine Kapazität hat noch kein Produkt hervorgebracht“, sagt Decker. Zwischen der Identifikation eines Lieferanten und der tatsächlichen Produktion lägen technische Anforderungen, Zulassungsverfahren, regulatorische Hürden und die Anpassung industrieller Prozesse an den Verteidigungsmarkt. Genau hier soll die neue Initiative ansetzen.
Geplant ist eine schlanke Accelerator-Organisation, die konkrete Bedarfe großer Rüstungskonzerne identifiziert, geeignete Zulieferunternehmen auswählt und deren Einstieg in die Lieferketten begleitet. Statt Hunderte potenzielle Partner zu erfassen, soll sie jene Unternehmen zusammenbringen, deren Fähigkeiten tatsächlich benötigt werden. „Nicht die 1.100 mit den 200 verbinden, sondern die zehn, 20 Richtigen mit den fünf, die das brauchen“, beschreibt Decker den Ansatz.
Ein Schwerpunkt liegt auf industriell bereits weit entwickelten Mittelständlern. Unternehmen mit etwa 100 bis 2.000 Beschäftigten könnten nach Einschätzung der Initiatoren geeignete Kandidaten sein. Der Eintritt in den Verteidigungsmarkt dauert bislang häufig mehrere Jahre. Mit gezielter Unterstützung soll sich dieser Zeitraum auf 12 bis 18 Monate verkürzen lassen. Die Organisation würde damit Aufgaben übernehmen, für die den Einkaufs- und Technologieabteilungen großer Rüstungskonzerne vielfach die Ressourcen fehlen.
Konkrete Funktionen und Beteiligungsverhältnisse hält Decker noch offen, „die gesellschaftsrechtliche Konstruktion wird mit den potentiellen Stakeholdern diskutiert“. Große Rüstungskonzerne und Zulieferer könnten über Aufsichtsgremien oder vertragliche Vereinbarungen eingebunden werden. Alternativ steht eine europäische Gesellschaftsstruktur zur Diskussion, an der unterschiedliche industrielle und institutionelle Akteure beteiligt wären. Entschieden ist darüber noch nicht. Als zentrale Anforderung gilt die Unabhängigkeit der Organisation. Zugleich sollen internationale Verteidigungsorganisationen, Regierungsstellen und regierungsnahe Institutionen einbezogen werden. Auch Gespräche mit Akteuren aus dem NATO-Umfeld sind Teil der Vorbereitungen.
Decker begründet den Handlungsdruck auch mit wirtschaftlichen Risiken für Zulieferer. Unternehmen hätten bereits in zusätzliche Kapazitäten investiert, ohne anschließend rechtzeitig Aufträge zu erhalten. Erste Insolvenzen seien die Folge. Eine breite Einbindung zusätzlicher Unternehmen, etwa aus der angeschlagenen Automobilindustrie, hält er deshalb zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. Zunächst müssten bereits verfügbare und ausreichend qualifizierte Zulieferer konkrete Projekte erfolgreich umsetzen.
Die Initiative sei das Ergebnis von Gesprächen der vergangenen Wochen und Monate mit Rüstungskonzernen, militärischen Bedarfsträgern und Regierungsstellen. Deren gemeinsame Erkenntnis beschreibt Decker mit einem Satz: „Es ist Zeit zu handeln.“