Papierindustrie Österreich : Österreichs Papierindustrie in der Energie-Falle: Milliarden-Investitionen können Standort nicht schützen
Die österreichische Papier- und Zellstoffindustrie investiert weiter in Modernisierung und Klimaschutz, sieht ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten aber zunehmend gefährdet.
- © nordroden - stock.adobe.comHohe Energiekosten, unzureichende Ausgleichsmechanismen und ein weiterhin schwieriges Marktumfeld setzen die österreichische Papier- und Zellstoffindustrie unter Druck. Der Branchenverband Austropapier sieht dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Betriebe zunehmend gefährdet. Bei der Jahrespressekonferenz in Wien erneuerte Austropapier-Präsident Martin Zahlbruckner daher die Forderung nach besseren und verlässlicheren Rahmenbedingungen für die Industrie.
Der wirtschaftliche Rückgang fiel 2025 deutlich aus. Der Umsatz der österreichischen Papier- und Zellstoffindustrie sank im Vorjahr um 5,7 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Besonders stark betroffen war die Papierproduktion, die um 19,2 Prozent zurückging. Die Zellstoffproduktion entwickelte sich dagegen stabiler und konnte um 2,5 Prozent gesteigert werden. Austropapier sieht darin ein Zeichen für die schwierige Lage der Branche, aber auch für strukturelle Veränderungen innerhalb der Industrie.
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Papierindustrie im Wandel: Verpackungen werden zum überraschenden Hoffnungsträger
Die Papierindustrie befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Während grafische Papiere durch Digitalisierung und verändertes Konsumverhalten unter Druck stehen, gewinnen Verpackungspapiere und Spezialpapiere an Bedeutung. Laut Austropapier entfielen 2025 rund 2,7 Millionen Tonnen auf Verpackungspapiere, während die Menge grafischer Papiere auf rund 1,2 Millionen Tonnen zurückging. Spezialpapiere, etwa für Medizin- oder Hygieneanwendungen, machten rund 0,3 Millionen Tonnen aus.
Der Trend in Richtung Verpackung gilt als einer der zentralen Zukunftsbereiche der Branche. Industrieökonom Ronald Scheucher verwies bei der Konferenz auf weiteres Wachstumspotenzial. Zwar dominiere Kunststoff derzeit noch viele Verpackungsanwendungen, doch Substitutionsprozesse zugunsten faserbasierter Lösungen hätten bereits deutlich eingesetzt. Damit steht die Papierindustrie an einer Schnittstelle zwischen klassischer Industrieproduktion, Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie.
Energie-Falle für Papierindustrie: Hohe Stromkosten bedrohen Milliarden-Investitionen
Ein entscheidender Belastungsfaktor bleibt aus Sicht von Austropapier der Energiepreis. Die Papier- und Zellstoffindustrie zählt zu den energieintensiven Branchen, weil die Produktion große Mengen an Wärme und Strom benötigt. Laut Austropapier verschärfen hohe Energiekosten und unzureichende Ausgleichsmechanismen den Wettbewerbsdruck im europäischen Binnenmarkt. Harald Ganster, Vorstandsmitglied von Austropapier, verwies darauf, dass österreichische Betriebe im Vergleich zu deutschen Standorten deutlich höhere Energiekosten tragen müssten.
Zahlbruckner betonte, dass die Industrie Planbarkeit brauche. Investitionen in Papiermaschinen, Energieanlagen und Dekarbonisierung seien langfristige Entscheidungen, weil sich große Industrieanlagen erst über viele Jahre amortisieren. Die Branche investiert dennoch weiter in den Standort Österreich. In den vergangenen fünf Jahren flossen laut Austropapier rund 1,3 Milliarden Euro in heimische Betriebe. Allein 2025 wurden rund 190 Millionen Euro in Modernisierung, Dekarbonisierung und Versorgungssicherheit investiert.
88 Prozent Exportquote: Warum Österreichs Papierbranche jetzt vor einem Standortnachteil warnt
Die Exportorientierung der Branche ist hoch. Mit einer Exportquote von 88 Prozent ist die österreichische Papier- und Zellstoffindustrie stark vom internationalen Wettbewerb abhängig. Austropapier bezeichnet die Branche daher als wichtigen Exportmotor und zentralen Bestandteil der heimischen Industrie. Zugleich verweist der Verband auf die Bedeutung der gesamten Wertschöpfungskette Forst-Holz-Papier: Rund 440.000 Arbeitsplätze hängen demnach direkt oder indirekt an diesem Sektor. Das entspricht etwa jedem elften Arbeitsplatz in Österreich.
Vor diesem Hintergrund fordert Austropapier eine wirkungsvollere Strompreiskompensation. Der Verband argumentiert, dass Österreich im europäischen Vergleich nicht ausreichend entlaste und dadurch ein Standortnachteil entstehe. Bereits 2025 hatte Austropapier eine Verlängerung der Strompreiskompensation bis 2030 gefordert. Laut Verband war eine solche Maßnahme damals bereits in mehreren EU-Staaten beschlossen, wodurch sich für österreichische Betriebe ein Wettbewerbsnachteil ergeben habe.
Industriestrategie 2035: Papierbranche fordert jetzt konkrete Entlastung statt leerer Versprechen
Auch die österreichische Industriestrategie 2035 spielt in der Debatte eine Rolle. Austropapier sieht darin grundsätzlich einen richtigen Rahmen, fordert aber konkrete Maßnahmen, damit energieintensive Industrien tatsächlich wettbewerbsfähig bleiben. In der Industriestrategie wird unter anderem das Ziel genannt, wettbewerbsfähige Energiepreise für die Industrie zu sichern. Für Austropapier ist entscheidend, dass dieser Anspruch nicht nur strategisch formuliert, sondern auch praktisch umgesetzt wird.
Gleichzeitig betont die Branche ihre Fortschritte bei Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Laut Austropapier stammen rund 70 Prozent der eingesetzten Energieträger aus erneuerbaren Quellen. Die Industrie versorgt zudem mehr als 110.000 Haushalte mit Strom und Fernwärme und erreicht eine Altpapiereinsatzquote von 88 Prozent. Bereits 2024 lag die Recyclingquote laut Austropapier bei über 86,9 Prozent, der Anteil erneuerbarer Energien in der Produktion bei 69,2 Prozent.
Die Papier- und Zellstoffindustrie verfolgt zudem ein gemeinsames Klimaziel. Bis 2030 sollen die fossilen CO₂-Emissionen um 43,5 Prozent gegenüber 2021 sinken. Dieses Ziel umfasst laut Austropapier Scope-1- und Scope-2-Emissionen und soll durch eine Kombination aus Brennstoffwechsel, Elektrifizierung und Effizienzsteigerungen erreicht werden. Damit positioniert sich die Branche als Teil der industriellen Transformation hin zu klimafreundlicher Produktion.
Bioökonomie als Chance: Papierindustrie sieht neue Hoffnung trotz schwieriger Lage
Potenzial sieht Austropapier auch in neuen biobasierten Anwendungen. Neben nachhaltigen Verpackungs- und Spezialpapierlösungen geht es dabei um Zellstoff, Lignin und biogenes CO₂, das in Produktionsprozessen anfällt. Austropapier-Geschäftsführerin Sigrid Eckhardt verwies auf die Möglichkeit, biogenes CO₂ künftig für Biokraftstoffe oder E-Fuels zu nutzen. Damit könnte die Branche zusätzliche Beiträge zur Bioökonomie leisten und industrielle Restströme stärker verwerten.
Die Lage der österreichischen Papier- und Zellstoffindustrie bleibt damit widersprüchlich: Einerseits steht sie für hohe Exportleistung, Investitionen, Kreislaufwirtschaft und technologische Transformation. Andererseits belasten Energiepreise, internationale Standortunterschiede und schwache Absatzmärkte die Betriebe erheblich. Austropapier fordert daher nicht weniger Klimaschutz, sondern verlässlichere Bedingungen, damit Investitionen in Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und neue Produkte weiterhin in Österreich stattfinden können.