OeKB : OeKB-Vorstand Bernkopf: "Europa ist und bleibt das Fundament des österreichischen Außenhandels"
OeKB-Vorstand Helmut Bernkopf: "Das österreichische Exportfördersystem ist nahezu einzigartig."
- © [email protected]INDUSTRIEMAGAZIN: Österreichs Warenexporte sind im ersten Halbjahr 2026 um 5,4 Prozent gestiegen. Gleichzeitig gingen die Ausfuhren in die USA und nach China zurück. Wie nachhaltig ist diese Exporterholung aus Ihrer Sicht?
Helmut Bernkopf: Die Zahlen für das erste Halbjahr sind zweifellos erfreulich und zeigen, dass sich die Konjunktur in Europa allmählich stabilisiert und besonders Deutschland wieder Wachstumsimpulse liefert. Wie nachhaltig diese positive Entwicklung ist, wird sehr stark von der Entwicklung im Nahen Osten abhängen.
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Hier sehe ich dementsprechend auch das größte Risiko: gestörte Lieferketten und erhöhte Energie- und Rohstoffpreise können den Inflationsdruck weiter verstärken, was wiederum Auswirkungen auf Zinsen, Investitionen und Wachstum hätte.
Mehr als ein Drittel der von der OeKB befragten Exporteure gab im Frühjahr an, stark von den US-Zöllen betroffen zu sein, zwei Drittel wollten ihre Absatzmärkte stärker diversifizieren. Sehen Sie diese Diversifizierung bereits tatsächlich in den Finanzierungs- und Garantieanträgen der OeKB?
Bernkopf: Das lässt sich aus unseren aktuellen Antragszahlen nur eingeschränkt ablesen. Viele Exportprojekte haben lange Vorlaufzeiten, Entscheidungen über neue Märkte, Investitionen und die entsprechende Finanzierung und Absicherung werden oft Jahre im Voraus getroffen. Wir beobachten aber ein zunehmendes Interesse an Wachstumsmärkten außerhalb der traditionellen Absatzregionen, was auf eine breitere geografische Aufstellung der österreichischen Exportwirtschaft hindeutet. Diese Entwicklung begleiten wir aktiv, indem wir Unternehmen durch eine gezielte Marktaufbereitung und Finanzierungslösungen in dynamischen Wachstumsregionen auf allen Kontinenten unterstützen.
Europa ist für österreichische Unternehmen wieder stärker zum Hoffnungsmarkt geworden. Ist das aus Ihrer Sicht eine Stärke oder zeigt es auch, dass sich österreichische Exporteure angesichts der Risiken in den USA, China und anderen Märkten wieder in vermeintlich sichere Märkte zurückziehen?
Bernkopf: Europa ist und bleibt das Fundament des österreichischen Außenhandels und es ist eine Stärke, dass unsere Unternehmen dort gut positioniert sind. Gleichzeitig sehe ich keinen generellen Rückzug aus den USA, auch wenn die handelspolitischen Unsicherheiten Spuren hinterlassen haben und sich Unternehmen derzeit vorsichtiger engagieren. Anspruchsvoller ist die Situation in China, wo der Wettbewerbsdruck durch technologisch immer stärkere lokale Anbieter zunimmt. Die richtige Antwort auf diese Entwicklungen ist jedenfalls nicht der Rückzug in vermeintlich sichere Märkte, sondern eine konsequente Diversifizierung in dynamische Wachstumsregionen weltweit.
Welche Länder außerhalb Europas halten Sie derzeit für besonders aussichtsreich für österreichische Industrieunternehmen?
Bernkopf: Hervorzuheben sind die ASEAN-Staaten, allen voran Indonesien und Vietnam. In Amerika sind besonders Brasilien und Mexiko attraktive Wachstumsmärkte, in Afrika einzelne Länder wie Marokko und Namibia. Und selbstverständlich ist Indien zu nennen, wo ich zugleich die größte Diskrepanz sehe: Das Land investiert massiv in Infrastruktur, Industrie und Energie, spielt für österreichische Exporte aber noch eine verhältnismäßig geringe Rolle. Das Freihandelsabkommen sollte hier zusätzliche Dynamik schaffen. Wir unterstützen diese Entwicklung unter anderem durch Veranstaltungen vor Ort, bei denen wir österreichische Unternehmen mit indischen Firmen und Banken vernetzen.
Mit dem im Juli gestarteten „Team Austria“ sollen österreichische Unternehmen stärker an Global Gateway, der Investitions- und Partnerschaftsstrategie der Europäischen Union, partizipieren. Wo sehen Sie konkrete Chancen für die heimische Industrie?
Bernkopf: Global Gateway ist die richtige Antwort auf den zunehmenden internationalen Wettbewerb um Infrastrukturprojekte. Und Österreich verfügt gerade in den Bereichen erneuerbare Energien und nachhaltige Verkehrsinfrastruktur über international führende Unternehmen. Mit dem Team Austria verfolgen wir einen Bottom-up-Ansatz: Je früher es gelingt, über die Exporthaftungen des Bundes eine Finanzierung zu ermöglichen und diese an eine europäische Finanzierungsarchitektur anzubinden, desto größer sind die Chancen für heimische Unternehmen und ihre Zulieferer, bei diesen Projekten zum Zug zu kommen. Für mich lautet die Frage daher nicht „mehr oder weniger Europa“, sondern wie viel österreichische Wertschöpfung in einem starken europäischen Angebot steckt.
Das Ausfuhrförderungsgesetz und das Ausfuhrfinanzierungsförderungsgesetz laufen Ende 2028 aus und müssen davor politisch neu aufgesetzt beziehungsweise verlängert werden. Wenn Sie das österreichische Exportfördersystem für die kommenden Jahre neu gestalten könnten: Wo braucht es höhere Haftungsrahmen, schnellere Verfahren oder völlig neue Instrumente?
Bernkopf: Das österreichische Exportfördersystem ist nahezu einzigartig: Wir zählen zu den wenigen Export Credit Agencies weltweit, die Absicherungen und Finanzierungen aus einer Hand anbieten. Das umfasst auch Working Capital sowie Inlandsinvestitionen. Der Haftungsrahmen ist derzeit ausreichend dimensioniert, auch bei den Verfahrenszeiten bewegen wir uns auf einem sehr hohen Niveau. In Bezug auf neue Instrumente setzen wir gemeinsam mit dem BMF kontinuierlich wichtige Schritte. So haben wir heuer die Exportinvest EVU für großvolumige Investitionen in den Netzausbau sowie Produktions- und Speicherkapazitäten vorgestellt. Vor kurzem haben wird unsere Finanzierungsmöglichkeiten auf kleinere Investitionen ausgeweitet. Das Einzige, wo wir im internationalen Vergleich teilweise als relativ streng gesehen werden, ist der Bereich Wertschöpfung. Hier könnte ein National-Interest-Ansatz zusätzliche Flexibilität schaffen.