Rittal neuer CEO Nachfolge : Rittal ohne Friedhelm Loh: Der schwierigste Umbau im Lebenswerk des Industriepatriarchen
Der Schaltschrank-Riese vor der Machtfrage: Rittal profitiert vom Boom bei Rechenzentren, doch die Nachfolge von Friedhelm Loh bleibt die größte Baustelle.
- © Valéry Kloubert/ RittalMit 80 Jahren steht Friedhelm Loh noch immer an der Spitze eines der bemerkenswertesten deutschen Industrieunternehmen. Offiziell ist er Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group. Auf der aktuellen Führungsliste der Gruppe stehen neben ihm nur noch Vorstand Ralph Lindackers. 12.900 Menschen arbeiten für die Unternehmensgruppe, 5.500 davon in Deutschland. Sie erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro, unterhält 94 Tochtergesellschaften und 13 Produktionsstätten weltweit.
Das Herz dieses Imperiums ist Rittal. Das Unternehmen aus Herborn baut Schaltschränke, Stromverteilungssysteme, Kühltechnik und Infrastruktur für Rechenzentren. Es beschäftigt rund 9.600 Menschen und ist mit 65 Tochtergesellschaften international präsent. Zusammen mit dem Softwarehersteller Eplan hat Loh rund um den klassischen Schaltschrank ein System aus Hardware, Software und Automatisierung aufgebaut, das inzwischen weit über das ursprüngliche Geschäft hinausreicht.
Rittal ist damit zugleich das eindrucksvollste Ergebnis von Lohs Lebenswerk – und der Grund, weshalb seine Nachfolge so schwierig ist. Denn Friedhelm Loh sucht nicht einfach einen neuen Geschäftsführer. Er muss eine Antwort auf eine kompliziertere Frage finden: Wie ersetzt man einen Unternehmer, der ein Unternehmen mehr als ein halbes Jahrhundert lang persönlich geprägt hat?
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Aus 200 Beschäftigten zum Weltmarktführer: Der Aufstieg von Rittal
Als Loh 1974 in die Geschäftsführung von Rittal eintrat, waren die Dimensionen noch andere. Sein Vater Rudolf Loh war drei Jahre zuvor überraschend gestorben. Rund 200 Menschen arbeiteten damals bei Rittal. Das Unternehmen hatte begonnen, Schaltschränke nicht mehr als individuelle Einzelanfertigungen zu verstehen, sondern standardisiert in Serie herzustellen. Friedhelm Loh machte aus dieser Idee ein internationales Geschäftsmodell.
Über die folgenden fünf Jahrzehnte trieb er die Serienfertigung, die Internationalisierung und den Ausbau des Produktportfolios voran. Aus einem mittelhessischen Industriebetrieb entstand ein weltweit tätiger Systemanbieter. Rittal bezeichnet Loh anlässlich seines 80. Geburtstags selbst als den Unternehmer, der aus dem damaligen Unternehmen mit rund 200 Beschäftigten einen globalen Marktführer geformt habe. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die bloße Größe als die Konsequenz, mit der Loh das Unternehmen immer wieder erweitert hat.
Rittal, Eplan und KI: Der Schaltschrank wird zum digitalen Systemgeschäft
Der Schaltschrank blieb zwar das Zentrum. Doch darum entstanden Stromverteilung, Klimatisierung, IT-Infrastruktur, Maschinen zur Automatisierung des Schaltschrankbaus und mit Eplan eine leistungsfähige Softwaredimension. Konstruktion, Fertigung und Betrieb sollten zunehmend als durchgängiger Prozess gedacht werden.
Genau darin steckt ein wesentlicher Teil von Lohs unternehmerischer Leistung: Er hat Rittal nicht einfach größer gemacht. Er hat das Geschäft immer wieder neu definiert. Noch heute ist diese Logik sichtbar. Das hochautomatisierte Rittal-Werk in Haiger wurde als „Fabrik des Jahres 2025“ ausgezeichnet. Dort verbindet das Unternehmen digitalisierte Produktionsprozesse und Automatisierung in großem Maßstab.
Loh selbst beschreibt seinen Antrieb bemerkenswert einfach. Erfolg, sagt er in einem Interview, sei „immer noch der beste Motivator für alle Beteiligten“. Deshalb müsse man gezielt daran arbeiten, immer wieder neue Erfolge zu produzieren. Das erklärt viel über Rittal. Und möglicherweise auch über das Nachfolgeproblem.
Friedhelm Loh Group: Ein Industriekonzern nach den Werten seines Eigentümers
Denn Loh ist nicht bloß Eigentümer eines erfolgreichen Industriekonzerns. Er hat dessen Selbstverständnis geprägt. Dazu gehört eine starke Bindung an Mittelhessen. Die Friedhelm Loh Group sitzt in Haiger, Rittal im benachbarten Herborn. Trotz der weltweiten Expansion ist die Region für Loh Unternehmensstandort, Heimat und gesellschaftlicher Bezugspunkt geblieben. Dazu gehört aber auch sein christlicher Glaube.
Loh spricht darüber ungewöhnlich offen. Seine Eltern seien für ihn Vorbilder „im Leben des christlichen Glaubens, in der Übernahme von Verantwortung und im unternehmerischen Handeln“ gewesen. Die Friedhelm Loh Group selbst nennt ihr „christlich geprägtes Wertegerüst“ einen Teil der unternehmerischen Geschichte.
In den für die Recherche vorliegenden Interviews beschreibt Loh seinen wirtschaftlichen Erfolg deshalb nicht allein als Ergebnis eigener Leistung. Viele Menschen arbeiteten hart und seien trotzdem nicht erfolgreich, sagt er. Ihm sei vieles „geschenkt worden“. Sein Glaube habe seinen gesamten Werdegang geprägt.
Leistungsorientierung und Demut, Ehrgeiz und Glauben, technische Begeisterung und regionale Verwurzelung: Bei Loh gehören diese Dinge zusammen. Für einen externen Manager macht genau das die Aufgabe schwierig. Wer Rittal führt, übernimmt nicht einfach ein Portfolio von Produkten und Fabriken. Er tritt in ein System ein, dessen Kultur über Jahrzehnte vom Eigentümer definiert wurde. Je erfolgreicher ein solches System ist, desto schwieriger wird es, es von seiner zentralen Figur zu lösen.
Rittal und Karl-Ulrich Köhler: Warum der erste große Nachfolgeplan offen blieb
Dass Loh dieses Problem kennt, zeigt seine inzwischen fast zehnjährige Suche nach starken Führungskräften. 2016 holte er Karl-Ulrich Köhler zu Rittal. Auf dem Papier war Köhler nahezu ideal. Er hatte große internationale Industriekonzerne geführt, war CEO von Tata Steel Europe gewesen und hatte zuvor bei ThyssenKrupp gearbeitet. Noch wichtiger: Rittal war für ihn kein unbekanntes Unternehmen. Zehn Jahre hatte Köhler zuvor im Beirat der Friedhelm Loh Group gesessen.
Loh ernannte ihn zum CEO von Rittal International und Vorsitzenden der Rittal-Geschäftsführung. Köhler sollte die Verantwortung für das größte Unternehmen der Gruppe übernehmen. Loh lobte ausdrücklich dessen Führungserfahrung, internationale Marktkenntnis und langjährige Kenntnis des Unternehmens. Vier Jahre später war Köhler wieder weg. Damit war die Nachfolgefrage nicht beantwortet.
Rittal und Markus Asch: Der zweite Anlauf mit einem Familienunternehmens-Profi
2021 folgte Markus Asch. Auch seine Berufung wirkte schlüssig. Asch hatte 25 Jahre beim Familienunternehmen Kärcher gearbeitet und war dort zuletzt stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Technikvorstand gewesen. Er kannte also genau jene besondere Konstellation, in der professionelle Manager mit einer starken Eigentümerfamilie zusammenarbeiten müssen.
Zum 1. Februar 2021 berief Loh ihn zum CEO von Rittal International und Vorsitzenden der Geschäftsführung. Asch übernahm darüber hinaus Verantwortung für Eplan und Cideon. Rittal, Software und Engineering sollten damit noch stärker zusammengeführt werden. Doch auch Asch blieb nicht. Im Oktober 2024 teilte die Friedhelm Loh Group mit, dass er das Unternehmen Ende des Monats „planmäßig“ verlassen werde. Sein Nachfolger stand bereits fest. Wieder war es ein Manager mit einem beeindruckenden Profil.
Niko Mohr, McKinsey und Rittal: Warum der nächste Hoffnungsträger wieder ging
Niko Mohr kannte die Loh Group sogar noch besser. Mehr als 25 Jahre hatte er als Strategieberater gearbeitet, zuletzt als Senior Expert Partner bei McKinsey und Mitglied des Führungsteams von McKinsey Digital. Er hatte internationale Industrie-, Digitalisierungs-, IoT- und KI-Projekte betreut – und die Friedhelm Loh Group bereits vor seinem Wechsel als Berater begleitet.
Zum 1. November 2024 wurde Mohr Mitglied des Vorstands der Friedhelm Loh Group und zugleich CEO von Rittal International sowie Rittal Software Systems. Seine Berufung wurde ausdrücklich mit den tiefgreifenden Veränderungen in den Märkten und dem wachsenden Bedarf an integrierten Lösungen aus Hardware und Software begründet. Gerade einmal gut ein Jahr später kündigte auch Mohr seinen Rückzug an.
Seine öffentliche Erklärung war diplomatisch formuliert, aber auffällig. Verantwortliche Führung bedeute auch, unterschiedliche Auffassungen nicht eskalieren zu lassen, sondern strukturiert zu klären, schrieb er. Sein Ausscheiden sei das Ergebnis eines gemeinsamen und respektvollen Klärungsprozesses im Vorstand. Zugleich dankte er Loh ausdrücklich für dessen Vertrauen.
Mehr lässt sich daraus seriös nicht ableiten. Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass Loh Köhler, Asch oder Mohr wegen konkreter persönlicher Konflikte verdrängt hätte. Ebenso wäre es Spekulation, sämtliche Abgänge auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Die Abfolge selbst ist allerdings bemerkenswert.
Innerhalb von zehn Jahren wurden drei erfahrene externe Manager mit zentraler Verantwortung für Rittal betraut. Alle drei sind wieder gegangen. Heute nennt die Friedhelm Loh Group in ihrem Vorstand erneut nur Friedhelm Loh und Ralph Lindackers. Damit steht Loh mit 80 Jahren noch immer dort, wo er seit Jahrzehnten steht: im Machtzentrum seines Unternehmens.
Rittals Nachfolgeproblem: Wenn ein CEO nicht nur führen, sondern Loh ersetzen soll
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Friedhelm Loh überhaupt über seine Nachfolge nachdenkt. Das tut er offensichtlich. Er selbst spricht erstaunlich reflektiert über das Problem. Bei einer Übergabe, sagt er, versuche man zunächst, möglichst viel zu regeln. Die Gefahr liege jedoch darin, alles „aus der Brille des Jetzt“ zu betrachten. Die eigentliche Kunst bestehe darin, zu überlegen, welchen Einfluss heutige Regelungen auf die Zukunft hätten und ob sie diese Zukunft tatsächlich sicherten.
Das ist eine präzise Beschreibung seines eigenen Dilemmas. Loh muss etwas schaffen, das seinem bisherigen unternehmerischen Denken beinahe widerspricht. Über Jahrzehnte bestand seine Stärke darin, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und eine klare Vorstellung davon zu haben, wohin Rittal gehen sollte.
Nachfolge verlangt das Gegenteil. Sie verlangt, einem anderen Verantwortung zu geben, obwohl dieser zwangsläufig anders entscheiden wird. Ein starker externer CEO wird nur dann wirklich führen können, wenn er Strategie, Organisation und möglicherweise sogar Unternehmenskultur verändern darf. Bleibt der Eigentümer gleichzeitig die entscheidende Instanz, entsteht dagegen ein schwieriges Zwischenmodell: Der neue Manager trägt die operative Verantwortung, während die höchste Autorität weiterhin beim Patriarchen liegt.
Vielleicht ist deshalb die falsche Frage, welcher Manager groß genug ist, um Friedhelm Loh zu ersetzen. Vielleicht muss Rittal zunächst entscheiden, welche Teile Friedhelm Lohs überhaupt ersetzt werden sollen.
KI-Boom im Rechenzentrum: Die große Chance für Rittal kommt zur falschen Zeit
Diese Frage ist nicht nur ein familienunternehmerisches Drama. Sie ist strategisch relevant. Denn Rittal befindet sich mitten in Märkten, die sich stark verändern. Das traditionelle Geschäft mit Maschinen- und Anlagenbau steht unter erheblichem Wettbewerbs- und Kostendruck. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Wachstumsfelder. Rittal liefert längst nicht mehr nur Metallschränke für Fabriken. Das Unternehmen bietet Infrastruktur für Rechenzentren, Stromverteilung und Kühlung und verbindet diese zunehmend mit Software und Automatisierung. Nach eigenen Angaben arbeiten rund 9.600 Menschen für Rittal; das Unternehmen ist weltweit präsent.
Besonders der Boom um künstliche Intelligenz verändert das Rechenzentrumsgeschäft. Leistungsfähigere Rechner stellen neue Anforderungen an Stromversorgung und Kühlung. Für einen Anbieter wie Rittal entsteht daraus eine erhebliche industrielle Chance. Gleichzeitig muss entschieden werden, wie stark das Unternehmen in solche Felder investieren soll, welche Technologien es selbst beherrschen will und wie eng Hardware, Software und Automatisierung künftig verzahnt werden. Das sind Entscheidungen, die nicht allein das bestehende Geschäft verwalten. Sie definieren das nächste Rittal. Und genau deshalb kann die Nachfolgefrage nicht beliebig lange offenbleiben.
Friedhelm Lohs letzte Transformation: Rittal muss sich vom Gründer lösen
Friedhelm Loh hat in seinem Leben bewiesen, dass er aus einer guten industriellen Idee ein Weltunternehmen machen kann. An seinem 80. Geburtstag formulierte er seine Haltung so: Das Erreichte sei für ihn kein Wert an sich, sondern die Grundlage für den Weg in die Zukunft, die er weiter gestalten wolle. Dieser Satz beschreibt den Unternehmer Loh ziemlich genau.
Stillstand scheint für ihn keine attraktive Option zu sein. Aber irgendwann besteht Zukunftsgestaltung nicht mehr darin, selbst die nächste Fabrik zu planen, das nächste Geschäftsfeld auszubauen oder den nächsten Manager auszuwählen. Sie besteht darin, Strukturen zu schaffen, die auch dann funktionieren, wenn der Mann, der sie aufgebaut hat, nicht mehr jeden Tag eingreifen kann.
Vielleicht ist genau das die schwierigste Transformation in der Geschichte von Rittal. Die technische Transformation hat Friedhelm Loh immer wieder geschafft. Nun muss ihm noch die organisatorische gelingen. Denn die entscheidende Frage für sein Lebenswerk lautet nicht mehr, ob Friedhelm Loh Rittal weiterführen kann. Sondern ob er Rittal so aufstellen kann, dass das Unternehmen ihn eines Tages nicht mehr braucht.