Extremwetter und Logistik : Europas Lieferketten vor dem nächsten Extrem
Die Voestalpine verlagert Transporte von der Donau auf die Schiene, andere Unternehmen weichen auf Lkw aus, Schiffe können nur noch einen Teil ihrer üblichen Ladung aufnehmen. Das Niedrigwasser auf Europas Flüssen ist inzwischen zu einem Problem für Industrie und Logistik geworden. Auf Rhein und Donau schränkt der niedrige Wasserstand die Transportkapazitäten ein, gleichzeitig belasten Hitze und Trockenheit Landwirtschaft, Energieversorgung und Kühlketten.
Wie außergewöhnlich die Situation ist, zeigen Daten, die Jon Davis, Chief Meteorologist bei Everstream Analytics, und Mark Russo, Chief Science Officer bei Everstream Analytics, in einem aktuellen Webinar zu den Auswirkungen der europäischen Hitzewelle auf die Lieferketten präsentierten.
Vor allem West- und Mitteleuropa sind betroffen. Für Frankreich hat Everstream 47 Jahre an Wetter-, Ertrags-, Bodenfeuchte- und Temperaturdaten ausgewertet. Bei Temperatur, Niederschlag, Bodenfeuchte und Hitzestress liegt das laufende Jahr jeweils am schlechtesten Ende dieser Datenreihe. Davis spricht von den schlechtesten Wachstumsbedingungen seit 47 Jahren. Die Auswirkungen reichen allerdings weit über die Landwirtschaft hinaus.
Rhein und Donau werden zum Nadelöhr
Besonders deutlich zeigt sich das in der Binnenschifffahrt. Everstream verweist auf historisch niedrige Wasserstände auf Rhein und Donau. Auf dem Rhein fahren Schiffe nach Angaben Russos teilweise mit nur noch 20 Prozent ihrer normalen Ladekapazität. Ein Binnenschiff, das unter normalen Bedingungen etwa 500 Container transportieren kann, könnte unter solchen Bedingungen nur rund 100 laden.
Für dieselbe Gütermenge werden damit mehr Schiffe benötigt. Gleichzeitig steigen die Frachtkosten. Betroffen sind unter anderem Getreide und Energieträger wie Kohle.
Auch der Zeitpunkt ist ungewöhnlich. Derartige Niedrigwasserstände würden normalerweise erst im späteren Sommer beziehungsweise Herbst erreicht, erklärte Russo. Eine nachhaltige Verbesserung erwartete Everstream zum Zeitpunkt des Webinars auch für September noch nicht.
Österreichs Industrie weicht aus
Auf der österreichischen Donau ist die Situation ebenfalls angespannt. Die niedrigen Wasserstände zwingen Frachtschiffe dazu, ihre Beladung zu reduzieren; teilweise wurden Transporte auf andere Verkehrsträger verlagert.
Bei Voestalpine wurden Transporte von der Donau vorerst auf die Bahn verlegt. Vorstandsvorsitzender Herbert Eibensteiner sprach von einer „schwierigen logistischen Herausforderung“, weil derzeit viele Unternehmen gleichzeitig versuchen, Transporte vom Wasser auf die Schiene zu verlagern. Mehrkosten seien für das Unternehmen aber bislang nicht entstanden.
Auch OMV und Raiffeisen Ware Austria (RWA) reagieren mit alternativen Transportwegen. Bei der RWA werden unter anderem Transporte von Sojaschrot vorübergehend über Bahn und Lkw abgewickelt.
Nicht überall ist das möglich. Felbermayr kann bestimmte Schwergüter wie Transformatoren, Kräne und große Industrieanlagen nicht ohne Weiteres auf Straße oder Schiene verlagern. In solchen Fällen müssen Transporte warten, bis die Wasserstände eine Verschiffung wieder zulassen.
Der Hafen Wien kann aufgrund seiner trimodalen Anbindung Transporte zwischen Schiff, Schiene und Straße verlagern. Weniger Verkehr auf der Donau bedeute damit nicht automatisch, dass Güter nicht mehr abgewickelt werden können; sie können auf andere Verkehrsträger ausweichen, heißt es vom Hafen Wien.
Die Folgen reichen die Donau hinunter
Die Auswirkungen beschränken sich nicht auf den österreichischen Abschnitt der Donau. Eine Blitzumfrage der Außenwirtschaft Austria der WKO unter ihren AußenwirtschaftsCentern zeigt unterschiedliche Folgen für österreichische Unternehmen entlang des weiteren Flussverlaufs.
In Serbien können Treibstofftransporte auf der Donau derzeit teilweise nur noch 30 bis 40 Prozent der üblichen Ladung aufnehmen. Dadurch sind mehr Fahrten notwendig, Lieferzeiten verlängern sich und die Transportkosten steigen. Bahn und Straße können einen Teil der Transporte übernehmen, sind laut WKO allerdings ebenfalls teurer und nur begrenzt verfügbar. In Serbien sind mehr als 870 Unternehmen mit österreichischem Hintergrund tätig, darunter rund 70 Produktionsunternehmen.
In Ungarn wirkt sich der niedrige Donaupegel auch auf die Energieversorgung aus. Beim Kernkraftwerk Paks war die Versorgung mit Kühlwasser zeitweise eingeschränkt. Anfang August waren laut AußenwirtschaftsCenter Budapest nur noch rund 240 Megawatt Leistung verfügbar. Unternehmen – darunter auch österreichische Niederlassungen – sagten freiwillige Stromeinsparungen von insgesamt mehr als 600 Megawatt zu. Auch der Schienengüterverkehr wurde zwischen 17 und 22 Uhr zeitweise eingeschränkt, um den Stromverbrauch in den besonders kritischen Abendstunden zu reduzieren.
Betroffen sein können damit auch Unternehmen, die selbst keine Güter auf der Donau transportieren. Werden Transporte vom Schiff auf Straße und Schiene verlagert, steigt dort die Nachfrage nach Kapazitäten. Das kann laut WKO zu längeren Lieferzeiten und höheren Kosten entlang der Lieferkette führen.
Schon vor dem aktuellen Niedrigwasser auf Rekordtief
Das aktuelle Niedrigwasser trifft die österreichische Binnenschifffahrt nach einem deutlichen Rückgang des Transportaufkommens. 2025 wurden auf der österreichischen Donau 5,81 Millionen Tonnen Güter transportiert – 11,6 Prozent weniger als im Jahr davor und ein historischer Tiefstand. Die Transportleistung sank um 20 Prozent auf 5,2 Milliarden Tonnenkilometer. 2021 waren noch 8,3 Millionen Tonnen auf der österreichischen Donau transportiert worden. Schon dieser Wert war damals der drittniedrigste seit 1995.
Alexander Klacska, Obmann der Bundessparte Transport und Verkehr der Wirtschaftskammer Österreich, hatte bereits 2022 gegenüber dispo auf Probleme bei der Nutzung der Wasserstraße hingewiesen.
„Die Donau hätte großes Potenzial für die ökologische Bilanz, es fehlt aber politisches Commitment“, sagte Klacska damals. Es brauche klare Rahmenbedingungen und eindeutige Verantwortlichkeiten. Wenn die Donau Niedrigwasser führe und ausgebaggert werden müsse, dauere dies mitunter Wochen. Bei einer klaren Zuständigkeit könne das laut Klacska wesentlich schneller geschehen. Er forderte deshalb eine übernationale Zuständigkeit für die Wasserstraße, einen „Mister oder Miss Donau“. Auch eine stärkere Kombination von Schiff und Schiene hielt Klacska für möglich.
Nicht nur die Schifffahrt ist betroffen
Die Everstream-Analyse zeigt allerdings, dass die niedrigen Flusspegel nur eine der Auswirkungen der europäischen Hitze- und Dürreperiode sind. Russo berichtet von Verzögerungen und Ausfällen im Bahnverkehr, Beeinträchtigungen im Straßentransport sowie Störungen an Flughäfen. Hinzu kommt eine stärkere Belastung temperaturgeführter Lieferketten. Lebensmittel, verderbliche Güter und pharmazeutische Produkte müssen bei hohen Außentemperaturen stärker vor Wärme geschützt werden.
Auch Waldbrände beeinträchtigen den Güterverkehr. Besonders Frankreich und Spanien waren zum Zeitpunkt der Analyse betroffen. Feuer und Rauch führten laut Everstream unter anderem zu Straßen- und Bahnsperren und machten Umleitungen von Fracht notwendig. Die Schäden durch die Brände in Frankreich und Spanien bezifferte Everstream zum Zeitpunkt des Webinars auf mehr als drei Milliarden Euro.
Auf die Dürre könnte das nächste Extrem folgen
Für die kommenden Monate erwartet Davis allerdings nicht, dass die derzeitige Trockenheit einfach bis zum Jahresende anhält. Auf die Frage, ob die Dürre in Europa im Herbst weitergehen werde, verwies der Meteorologe auf die außergewöhnlich hohen Wassertemperaturen im Mittelmeer und in Teilen des Atlantiks vor der europäischen Westküste.
Die warmen Meere bringen zusätzliche Feuchtigkeit in die Atmosphäre. In vergangenen europäischen Dürrejahren habe sich deshalb im Herbst beziehungsweise frühen Winter häufig ein deutlich feuchteres Wettermuster entwickelt.
Davis erwartet eine solche Entwicklung auch diesmal. Ab Ende September sowie im Oktober und November könnten viele Teile Europas deutlich mehr Niederschlag bekommen. In vergleichbaren Jahren sei damit auch ein erhöhtes Risiko von Hochwasser und sehr nassen Bedingungen verbunden gewesen.
Seine Antwort auf die Frage, ob die Dürre bis in den Herbst anhalten werde, fiel deshalb eindeutig aus: Danach sehe es nicht aus. Stattdessen könnten Probleme durch zu viel Wasser die derzeitigen Supply-Chain-Probleme durch Trockenheit ablösen.