Resilienz Lieferkette Open Source : Digitale Resilienz in Gefahr: Warum Europas Logistik auf Open Source setzen muss

Logistik 4.0 - was bedeutet die Digitalisierung der Logistik?
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Der Zustand der Logistik ist ein direkter Indikator für die Gesundheit der modernen Wirtschaft. Von der Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten bis zum globalen Handel: Die Zuverlässigkeit von Lieferketten beeinflusst gesellschaftliches Wohl und Marktstabilität. Doch rein physische Resilienz (also die Belastbarkeit von Straße, Schiene, Luft- oder Seetransport, Lagern und Umschlagzentren) genügt nicht mehr allein.

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Lieferketten sind untrennbar mit den digitalen Systemen verbunden, die sie unterstützen. In der Logistik bedeutet das häufig eine Abhängigkeit von proprietären Plattformen, mit hohen Kosten, geringer Interoperabilität und eingeschränkter Kontrolle über Prozesse und Betriebsdaten. Diese Abhängigkeit stellt ein strategisches Risiko dar: Über 80 Prozent der digitalen Technologien und Infrastrukturen Europas werden importiert, hauptsächlich aus den USA und China; seit 2017 stammen 85 Prozent der KI-Modelle aus den USA und China; und nur sieben Prozent der weltweiten F&E-Ausgaben in Software- und Internettechnologien stammen von europäischen Firmen (Quellen: Draghi Report 2024EuroStack 2025). Ohne Veränderung droht die Logistik in Europa die technologische Souveränität und damit die digitale Resilienz zu verlieren. Eine zukunftsfähige Lieferkette erfordert sowohl physische als auch digitale Transformation – beispielsweise Lkw und Lager, aber auch souveräne, interoperable und anpassungsfähige IT-Infrastrukturen.

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Digitale Souveränität statt Abhängigkeit: Europas Cloud-Defizit wird zum Risiko

Digitale Resilienz heißt: IT-Systeme funktionieren ohne strikte Abhängigkeiten, können mit Störungen umgehen und erlauben eine souveräne Datenkontrolle. Logistik-Operationen sind abhängig von Cloud-Computing, IoT-Tracking, Navigations- und Koordinationsplattformen. In einer Umfrage von 604 deutschen Unternehmen halten 78 Prozent die Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern für zu hoch; 82 Prozent wünschen sich eine wettbewerbsfähige europäische Alternative. Zudem hat Europas Innovationslücke – verursacht durch fragmentierte F&E, Unterinvestition und Wegzug von Talenten – bereits dazu geführt, dass zwischen 2008 und 2021 etwa 30 Prozent der europäischen Tech-Unicorns in die USA abgewandert sind (Draghi Report 2024).

Die Kommentatorin, Carina Tüllmann, ist CCO der Open Logistics Foundation.

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Technologische Resilienz neu gedacht: Warum Europa nicht völlig unabhängig sein muss

Die Covid-19-Pandemie sowie geopolitische Ereignisse wie der Krieg in der Ukraine zeigen, wie physische Störungen schnell globale Lieferketten betreffen. Gleichzeitig beschleunigt die Digitalisierung: KI-gestützte Nachfragevorhersage, IoT-gestütztes Bestandsmanagement, autonome Fahrzeuge und Lagerautomation gewinnen an Bedeutung. Zudem ist der Logistiksektor in Europa ist zunehmend von globalen Hyperscalern abhängig. Selbst wenn europäische oder offene Lösungen entstehen, basieren diese oft noch auf nicht-europäischen Infrastrukturen. Vollständige Autarkie ist kurzfristig unrealistisch. Und ist diese überhaupt das Ziel? Digitale Souveränität heißt daher nicht Isolation, sondern kontrollierte Abhängigkeit: die Fähigkeit zu entscheiden, wie und wo welche Technologien eingesetzt (und ggf. ersetzt) werden, wer auf die Daten zugreift und welche Abhängigkeiten akzeptabel sind.

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Open Source als Schlüssel für mehr digitale Souveränität in der Logistik

Open-Source-Software bietet eine Lösung, ohne aus globalen Technologie-Ökosystemen auszusteigen. Sie erlaubt Unternehmen, digitale Systeme auf ihren eigenen Bedingungen zu gestalten und zu betreiben. Im Gegensatz zu proprietären Lösungen können Open-Source-Angebote Transparenz, Anpassungsfähigkeit und eine von der Community getriebene Entwicklung ermöglichen. Dies gilt z. B. für die Open Logistics Foundation und ihre Lösungen. Organisationen können den Code frei inspizieren und verbessern, wodurch Vendor-Lock-in und Lieferantenausfälle reduziert werden. 

Ein Bitkom-Report zeigt: 61 Prozent der Unternehmen bewerten Open-Source mittlerweile positiv; wichtige Vorteile sind Kosteneinsparung (26  Prozent), Zugang zum Quellcode (19 Prozent) und Stärkung der digitalen Souveränität (8 %). Dennoch haben nur 37 Prozent der Unternehmen eine formale Open-Source-Strategie – es besteht also deutlicher Nachholbedarf. Open-Source wird geschätzt, aber nicht systematisch gesteuert. Für echte digitale Resilienz muss dieses passive Nutzen in aktive Teilnahme überführt werden. 

Hier geht es nicht um die Frage, ob Open Source Resilienz bieten kann (sie kann), sondern wie die europäische Industrie sie nachhaltig skalieren kann – und überhaupt Open-Source-ready werden kann. Open-Source ist damit nicht nur eine technische Frage, sondern eine institutionelle: Rechtliche, ökonomische und politische Aspekte kommen hinzu. Sie stärkt Vertrauen, verbessert die Cyber-Sicherheits-Reaktionsfähigkeit und ermöglicht Unternehmen, Kontrollschichten unabhängig von bestimmten Anbietern oder Rechtsräumen zu betreiben. So wird digitale Souveränität von politischem Ziel zur operativen Realität.

Carina Tüllmann (CCO) und Andreas Nettsträter (CEO) von der Open Logistics Foundation

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„Bewusstsein für Relevanz von Open-Source 2025 extrem gestiegen“

Im letzten Jahr wurde von der Open-Logistics-Community ein erster industriereifer Standard für den digitalen Frachtbrief (eCMR) sowie Realdatenpiloten zur Validierung und Implementierung eines Standards für den Austausch von Emissionsdaten geschaffen.

Dabei bilde die Working Group „Electronic Transport Documents“  mit ihrem zugehörigen Projekt „eCMR“ das Leuchtturmprojekt der Ende 2021 gegründeten Open Logistics Foundation, heißt es von der Vereinigung. Im Juni 2025 wurde die erste industriereife Open-Source-Software vorgestellt, die den digitalen Frachtbrief auf einen gemeinsamen Standard bringt. „Im Rahmen des Projekts haben 28 Unternehmen aus der Logistik gemeinschaftlich einen De-facto- oder Industriestandard entwickelt“, erklärt Andreas Nettsträter, CEO der Open Logistics Foundation. „Wir haben endlich die vielfach geforderte Grundlage zur digitalen und effizienten Gestaltung des internationalen Gütertransports – technisch und rechtlich abgesichert.

Die Working Group „Enabling Logistics Decarbonisation“ wurde 2024 gegründet und befasst sich mit einer Open-Source-Implementierung für den Austausch von Emissionsdaten. Im Projekt „Emissions Data Exchange“ geht es um die Validierung und Implementierung des vom Smart Freight Centre und der SINE Foundation entwickelten iLeap-Datenmodells für den Austausch von Nachhaltigkeitsdaten entlang der Lieferkette.

Zu diesem Thema liefen innerhalb der Open Logistics Foundation 2025 Realdatenpiloten an, die auch 2026 fortgeführt werden. Ziel ist es, mit echten Daten echte Transporte zu begleiten und Erkenntnisse seitens der Stiftung zu veröffentlichen.

„Das Bewusstsein für die Relevanz von Open-Source-Lösungen ist 2025 extrem gestiegen – nicht zuletzt im Zusammenhang mit Trendthemen wie digitaler Souveränität und Resilienz“, erklärt Carina Tüllmann. Zum Ende des Jahres sind 50 Mitglieder und sieben Netzwerkpartner aus zwölf verschiedenen Ländern an Bord. „2026 werden wir weiterhin die Zusammenarbeit mit großen europäischen Netzwerk- und Branchenpartnern forcieren, um auch die regionalen Märkte präsenter bespielen zu können. Wir wollen noch stärker und diverser werden“, so Tüllmann.