ams OSRAM Milliardenverlust : ams Osram: Vom Börsenstar in die Milliardenkrise
Nach dem Einbruch beim Großkunden Apple kämpft ams OSRAM mit Schulden, Stellenabbau und einer neuen Digital-Photonics-Strategie um die Zukunft.
- © ams OsramDie Präsentation des iPhone X im September 2017 war mehr als nur die Vorstellung eines neuen Smartphones. Es war das zehnte iPhone – und es brachte eine kleine Revolution mit sich. Zum ersten Mal genügte ein Blick auf das Gerät, und es entsperrte sich. Face ID ersetzte den Fingerabdrucksensor. Touch ID hatte ausgedient.
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Was viele damals nicht wussten: Hinter dieser scheinbar mühelosen Magie steckte ein hochkomplexer Multispektralsensor – entwickelt und produziert vom österreichischen Chip- und Sensorhersteller ams. Unsichtbar für die Nutzerinnen und Nutzer, technologisch jedoch unverzichtbar. „Ohne uns würde es das iPhone X überhaupt nicht geben“, sagte der damalige ams-CEO Alexander Everke. Eine selbstbewusste Aussage – aber keine Übertreibung.
Der technologische Ritterschlag hatte jedoch seinen Preis. In Spitzenzeiten stammten rund 50 Prozent des Umsatzes von einem einzigen Kunden: Apple. Ein Traumkunde. Aber auch ein erhebliches Klumpenrisiko.
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Silicon Styria: Der spektakuläre Aufstieg von ams
ams ist kein Start-up aus einer Garage. 1983 begann alles als Austria Microsystems, eine Tochter der verstaatlichten Voest. Im Schloss Unterpremstätten bei Graz entstand eine der ersten modernen Halbleiterfertigungen Österreichs – nicht Silicon Valley, sondern „Silicon Styria“. In den 1990er-Jahren wuchs das Unternehmen rasant, in den 2000ern zählte es zu den wenigen ernstzunehmenden europäischen Speicherchip-Herstellern. 2010 folgte die strategische Neuausrichtung: Lichtsensorik. Ein Nischenmarkt, der sich als Goldgrube entpuppte.
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Mit der Face-ID-Technologie gelang ams der Durchbruch. Der Umsatz stieg von 500 Millionen Euro im Jahr 2016 auf 3,5 Milliarden Euro im Jahr 2021 – ein Plus von 600 Prozent in fünf Jahren. Mit dem Erfolg wuchsen die Ambitionen. Aus dem steirischen Spezialisten sollte ein globaler Technologiekonzern werden – weniger abhängig vom Smartphone-Geschäft, stärker in Automotive, Industrie und Photonik. Nicht nur Sensoren liefern, sondern komplette optoelektronische Systeme.
2020 folgte der große Schritt: ams übernahm den deutlich größeren deutschen Lichtkonzern OSRAM. Ein 4,6-Milliarden-Euro-Deal, strategisch sinnvoll, finanziell riskant und fremdfinanziert. Erst im zweiten Anlauf gelang die Übernahme. Schon beim Closing war klar: Das war kein gemütlicher Wachstumsschritt, sondern ein Sprung.
1,6 Milliarden Verlust: Die bittere Kehrtwende
Ausgerechnet in dieser Phase begann der wichtigste Kunde, der zeitweise für die Hälfte des Umsatzes stand, seine Bestellungen zu reduzieren. Erst unmerklich, dann spürbar. 2021 wurde deutlich: Die exklusive Schlüsselrolle aus der iPhone-X-Ära war Geschichte. Ein „Großkunde“ fuhr das Volumen signifikant zurück. Der Umsatzanteil sank stark – doch die Schulden aus der OSRAM-Übernahme blieben.
Der frühere Segen wurde zur Belastung. Zwei Rückzieher aus Cupertino später stand 2023 ein Verlust von über 1,6 Milliarden Euro in den Büchern. Plötzlich ging es nicht mehr um Wachstum, sondern ums Überleben.
Werksschließungen und Stellenabbau als Befreiungsschlag
Seit April 2023 steht Aldo Kamper an der Spitze des Konzerns. Der Niederländer mit OSRAM-Vergangenheit bringt einen anderen Ton mit: weniger Silicon-Valley-Euphorie, mehr Industrie-Nüchternheit. Die neue Vision lautet „Digital Photonics“ – optische Halbleiter kombiniert mit intelligenter Elektronik. Anwendungen wie Augmented-Reality-Brillen stehen im Fokus. Zukunft ja, aber kontrollierter.
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Doch der Umbau gleicht einer Operation am offenen Herzen. In Malaysia steht eine schlüsselfertige LED-Fabrik, für über eine Milliarde Euro errichtet. Gebaut, aber nie wirklich gestartet. Trotz jahrelanger Käufersuche ist sie weiterhin im Portfolio.
Parallel dazu wird gespart. 1000 Jobs sollten bereits 2025 wegfallen. Weitere 2000 der insgesamt 7500 europäischen Arbeitsplätze sollen in den nächsten drei Jahren gestrichen werden. Betroffen sind unter anderem das Werk in Regensburg, wo eine mittlere dreistellige Zahl an Jobs wegfallen soll, sowie der Standort Herbrechtingen in Baden-Württemberg. Dort müssen rund 200 Mitarbeitende gehen – fast die Hälfte der Belegschaft. Der kleinere Standort Schwabmünchen bei Augsburg wird bis Ende 2027 vollständig geschlossen.
Premstätten im Fokus: 230 Millionen und bange Fragen
Und dann rückt jener Ort ins Zentrum, an dem alles begann: Premstätten bei Graz. Mehr als 1300 Menschen arbeiten dort. Es ist das historische Herz des Konzerns. Im vergangenen Jahr erhielt das Werk im Rahmen des European Chips Act eine EU-Förderung von 230 Millionen Euro – inklusive einer Standortgarantie bis 2037. Geplant ist der Aufbau einer neuen Fertigungsanlage für optoelektronische Sensoren in Medizin- und Automotive-Anwendungen.
Nun wird jedoch ein Teil des Geschäfts verkauft – ausgerechnet das margenträchtigste: das nicht-optische Sensorikgeschäft. Dazu zählen Positions- und Berührungssensoren für Industrie und Medizin. Die Sparte erzielte zuletzt bei einem Umsatz von 220 Millionen Euro ein Ergebnis von rund 60 Millionen Euro. Rund 230 Mitarbeitende wechseln im Zuge des Deals zu Infineon. Das Werk selbst bleibt jedoch: Die Fertigung von 200-Millimeter-Wafern, die Foundry-Produktion sowie die Herstellung optoelektronischer Sensoren bleiben erhalten.
Der Schuldenberg bleibt die größte Hypothek
Seit drei Jahren versucht Aldo Kamper, das Steuer herumzureißen. Sparten werden verkauft, Kosten gesenkt, Strukturen vereinfacht. Erste Zahlen zeigen eine Stabilisierung: Der Umsatz liegt bei rund 3,3 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis verbessert sich, die Marge steigt auf über 18 Prozent. Der Verlust schrumpft deutlich – von fast 800 Millionen auf rund 129 Millionen Euro.
Das klingt nach Fortschritt. Doch es ist ein Fortschritt auf dünnem Eis. Noch immer drückt eine Schuldenlast von rund zwei Milliarden Euro. Gleichzeitig produziert die Konkurrenz, insbesondere in Asien, günstiger.
Der Konzern hat sich Zeit gekauft. Doch die eigentliche Frage bleibt: Reicht das – oder war der einstige Griff nach Größe am Ende größer als das eigene Fundament?