Carlos Ghosn Flucht aus Japan : Nissan-Legende in der Kiste: Die spektakuläre Flucht, die Japan blamierte

Carlos Ghosn vor einem Renault Nissan Logo

Carlos Ghosn war einst der gefeierte Retter von Nissan. Ende 2019 floh der frühere Automanager aus Japan – versteckt in einer schwarzen Kiste und außer Reichweite der Justiz.

- © Nissan Lateinamerika

Am Nachmittag des 29. Dezember 2019 verlässt Carlos Ghosn sein Haus in Tokio. Der frühere Spitzenmanager von Nissan und Renault steht zu diesem Zeitpunkt unter strengen Kautionsauflagen. Japan darf er nicht verlassen. Kameras überwachen den Eingang seines Hauses. Gegen ihn laufen Strafverfahren wegen mutmaßlicher Finanzdelikte. Doch an diesem Sonntag beginnt eine sorgfältig vorbereitete Operation, die ihn innerhalb weniger Stunden außer Reichweite der japanischen Justiz bringen wird.

Die später von amerikanischen Gerichten ausgewerteten Ermittlungsunterlagen zeichnen den Ablauf ungewöhnlich detailliert nach. Bereits am Vortag hatte sich Ghosn im Grand Hyatt in Tokio mit Peter Taylor getroffen. Dessen Vater Michael Taylor, ein ehemaliger Angehöriger der US-Spezialkräfte, flog am 29. Dezember gemeinsam mit George-Antoine Zayek aus Dubai zum Kansai International Airport bei Osaka. Die Männer führten große schwarze Behälter mit sich, die wie Kisten für Audioausrüstung aussahen, und gaben sich gegenüber Flughafenmitarbeitern als Musiker aus.

Ghosn verließ sein Haus gegen 14.30 Uhr ohne Gepäck und ging zum Grand Hyatt. Dort wechselte er offenbar die Kleidung. Anschließend reiste er gemeinsam mit Michael Taylor und Zayek in Richtung Osaka. Gegen 20.15 Uhr erreichte die Gruppe das Star Gate Hotel in der Nähe des Flughafens Kansai. Was danach geschah, machte die Flucht weltweit berühmt: Auf den Überwachungskameras war nicht zu sehen, wie Ghosn das Hotel wieder verließ. Michael Taylor und Zayek dagegen wurden gegen 22 Uhr mit ihrem Gepäck und den großen Kisten beim Verlassen des Hotels erfasst.

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Schwarze Kiste und Privatjet: Wie die Flucht aus Japan gelang

Ghosn befand sich in einer dieser Transportkisten. Die Fluchthelfer brachten sie zum Flughafen, wo das Gepäck nach den späteren Ermittlungen ohne Kontrolle in einen Privatjet geladen wurde. Kurz vor 23 Uhr hob die Maschine in Richtung Türkei ab. In späteren Gerichtsverfahren wurde bestätigt, dass Ghosn in einer Kiste für Musikausrüstung aus Japan geschmuggelt worden war. Michael Taylor und sein Sohn bekannten sich in Japan schließlich schuldig, an der Flucht beteiligt gewesen zu sein.

Das Ziel der ersten Etappe war Istanbul. Von dort führte die Reise mit einem weiteren Privatflugzeug nach Beirut. Die türkische Charterfirma MNG Jet erklärte später, zwei ihrer Maschinen seien für die Route Osaka–Istanbul und anschließend Istanbul–Beirut eingesetzt worden; Ghosns Name sei dabei nicht ordnungsgemäß in den Unterlagen aufgetaucht.

Michael und Peter Taylor halfen Carlos Ghosn bei seiner Flucht aus Japan. Für Vater und Sohn endete die spektakuläre Operation später vor Gericht – und im Gefängnis.

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Japan blamiert, Ghosn im Libanon: Der Moment, der die Justiz vorführte

Als Ghosn am 31. Dezember öffentlich bekanntgab, dass er sich im Libanon befinde, war die Überraschung in Japan vollkommen. Ein Angeklagter, der unter Kaution auf seinen Prozess wartete und dessen Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt war, hatte das Land unbemerkt verlassen. Für japanische Ermittler war es eine schwere Blamage.

Für Ghosn dagegen war die Flucht nach eigener Darstellung der einzige Ausweg aus einem Justizsystem, dem er nicht vertraute. Er hat sämtliche wesentlichen Vorwürfe gegen sich bestritten und wiederholt behauptet, Opfer einer Verschwörung innerhalb von Nissan geworden zu sein.

Vom Nissan-Retter zum Angeklagten: Der tiefe Fall eines Auto-Stars

Der Absturz war besonders spektakulär, weil Ghosn zwei Jahrzehnte zuvor als Retter Nissans gefeiert worden war. Renault und Nissan hatten 1999 ihre Allianz geschlossen. Im Oktober desselben Jahres präsentierte Ghosn den „Nissan Revival Plan“, mit dem der hochverschuldete japanische Hersteller wieder profitabel werden sollte. Bereits 2001 wurde er zum Präsidenten und CEO von Nissan ernannt.

Im November 2018 änderte sich seine Karriere abrupt. Ghosn und sein enger Mitarbeiter Greg Kelly wurden in Tokio festgenommen. Nissan erklärte nach einer internen Untersuchung, Ghosns Vergütung sei in Wertpapierberichten zu niedrig angegeben worden. Im Dezember 2018 wurden Ghosn, Kelly und Nissan deshalb angeklagt. Gegen Ghosn kamen außerdem Vorwürfe wegen schweren Vertrauensbruchs hinzu. Ghosn wies die Anschuldigungen zurück.

Carlos Ghosn war einst der gefeierte Retter von Nissan. Ende 2019 floh der frühere Automanager aus Japan – versteckt in einer schwarzen Kiste und außer Reichweite der Justiz.

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Japans Justizsystem unter Druck: Warum Ghosn von „Geiseljustiz“ spricht

Nach langer Untersuchungshaft kam er gegen Kaution frei. Doch seine Erfahrungen mit dem japanischen Strafrecht wurden zu einem zentralen Bestandteil seiner Verteidigung. Ghosn sprach von einem System der „Geiseljustiz“, das Beschuldigte durch lange Haft und intensive Verhöre unter Druck setze.

Diese Kritik stammt nicht allein von ihm. Human Rights Watch dokumentierte später gravierende Bedenken gegen die japanische Untersuchungshaft, darunter Verhöre ohne Anwesenheit eines Verteidigers und lange Haftzeiten. Eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen bewertete 2020 auch Aspekte von Ghosns eigener Festnahme und Haft als grundsätzlich unfair.

Die japanische Regierung weist allerdings den Eindruck zurück, die extrem hohe Verurteilungsquote von mehr als 99 Prozent belege ein unfaires Verfahren. Das Justizministerium argumentiert, Staatsanwälte erhöben nur in Fällen Anklage, in denen sie aufgrund der vorhandenen Beweise eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung sähen.

Ghosn entkam, andere zahlten: Fluchthelfer, Greg Kelly und Nissan vor Gericht

Ghosn gelang es zwar, sich dem japanischen Verfahren zu entziehen. Für Michael und Peter Taylor endete die Geschichte dagegen im Gefängnis. Die beiden wurden 2020 in den Vereinigten Staaten festgenommen. Japan verlangte ihre Auslieferung, amerikanische Gerichte machten schließlich den Weg dafür frei. Im März 2021 wurden Vater und Sohn nach Japan überstellt.

Im Juli 2021 verurteilte ein Gericht Michael Taylor zu zwei Jahren und Peter Taylor zu einem Jahr und acht Monaten Haft. Beide hatten ihre Beteiligung eingeräumt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft erhielten die Taylors rund 1,3 Millionen Dollar für ihre Dienste; zusätzlich sollen weitere Mittel für Rechtskosten geflossen sein.

Auch Greg Kellys Geschichte ging anders weiter, als es zum Zeitpunkt des ursprünglichen Berichts absehbar war. Sein Prozess begann im September 2020. Im März 2022 sprach ihn das Bezirksgericht Tokio bei einem Teil der Vorwürfe schuldig, sah seine Verantwortung allerdings lediglich für eines der acht angeklagten Jahre als erwiesen an. Kelly erhielt eine sechsmonatige Haftstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Nissan selbst wurde im selben Verfahren zu einer Geldstrafe von 200 Millionen Yen verurteilt.

Libanon statt Prozess: Warum Japan Carlos Ghosn bis heute nicht zurückholen kann

Carlos Ghosn lebt dagegen weiterhin im Libanon. Er besitzt die französische, libanesische und brasilianische Staatsangehörigkeit. Japan kann ihn dort nicht auf Grundlage eines bilateralen Auslieferungsvertrags zurückholen, da ein entsprechendes Abkommen zwischen beiden Ländern fehlt. Eine Interpol-Fahndung schränkt seinen internationalen Bewegungsspielraum zusätzlich ein. Noch im Juni 2026 gab Ghosn Reuters in Beirut ein Interview – mehr als sechs Jahre nach seiner spektakulären Flucht.

Damit bleibt die Affäre in einem ungewöhnlichen Schwebezustand. Die japanischen Vorwürfe gegen Ghosn wurden nie in einem Hauptverfahren gegen ihn entschieden. Sein früherer Vertrauter wurde teilweise verurteilt, Nissan selbst ebenfalls. Seine wichtigsten amerikanischen Fluchthelfer verbüßten Haftstrafen. Ghosn aber erreichte mit der Operation Ende 2019 genau das, was sie bezweckte: Er verließ Japan, bevor ein Gericht über seine Schuld oder Unschuld urteilen konnte.

Was am 29. Dezember mit einem scheinbar gewöhnlichen Spaziergang durch Tokio begann, endete Tausende Kilometer entfernt in Beirut. Dazwischen lagen Hotels, Bahnfahrten, eine schwarze Kiste und zwei Privatjets. Für Carlos Ghosn war es die Flucht aus einem Verfahren, das er für ungerecht hielt. Für Japan war es eine spektakuläre Niederlage seiner Strafverfolgung. Und für die Öffentlichkeit wurde der Fall zu einer der außergewöhnlichsten Managergeschichten der vergangenen Jahrzehnte.

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