MV Agusta KTM Trennung : MV Agusta: Wie die kurze KTM-Ära zum schwierigen Erbe wird
MV Agusta steht nach der Trennung von KTM erneut vor einer schwierigen Phase. Im Stammwerk bei Varese ruht Berichten zufolge die reguläre Motorradproduktion, während die Eigentümer nach einer finanziellen Lösung suchen.
- © MV AgustaLange waren es vor allem Berichte aus dem Umfeld von Händlern, Zulieferern und Gewerkschaften, die auf erhebliche Schwierigkeiten bei MV Agusta hindeuteten. Inzwischen hat sich der italienische Motorradhersteller selbst zur Lage geäußert. Nach der Trennung von KTM befinde sich das Unternehmen in einem umfassenden Prozess, um sein operatives, industrielles und finanzielles Gleichgewicht wiederherzustellen. Gleichzeitig bestätigt MV Agusta Gespräche über mögliche Veränderungen der Eigentümerstruktur und den Eintritt in die sogenannte „Composizione Negoziata della Crisi“, kurz CNC.
Damit ist erstmals offiziell klar, dass es nicht nur um eine gewöhnliche Übergangsphase nach einem Eigentümerwechsel geht. MV Agusta räumt selbst ein, dass die gegenwärtige Situation mit erheblichen operativen und finanziellen Herausforderungen verbunden ist. Wie groß der zusätzliche Kapitalbedarf tatsächlich ist, nennt das Unternehmen allerdings nicht.
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KTM und MV Agusta: Vom Einstieg bis zur vollständigen Trennung
Die aktuelle Situation lässt sich ohne den Blick auf die wechselnden Eigentumsverhältnisse kaum verstehen. KTM war im November 2022 zunächst mit 25,1 Prozent bei MV Agusta eingestiegen. Im Frühjahr 2024 stockte das österreichische Unternehmen seinen Anteil auf 50,1 Prozent auf und übernahm damit die Kontrolle. Laut dem damaligen Halbjahresbericht der Pierer Mobility Group belief sich der vereinbarte Kaufpreis für die Aufstockung auf 45 Millionen Euro sowie eine mögliche spätere zusätzliche Zahlung.
Doch die Verbindung hielt nicht lange. Im Zuge der schweren finanziellen Krise der KTM-Mutter Pierer Mobility wurde bereits am 31. Januar 2025 der Verkauf sämtlicher KTM-Anteile an Art of Mobility, die Gesellschaft der Familie Sardarov, angekündigt. Der Unternehmenswert der Transaktion wurde damals im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich angegeben.
Anders als teilweise dargestellt, wechselte MV Agusta jedoch nicht bereits im Januar 2025 vollständig zurück zu den Sardarovs. Der Abschluss verzögerte sich unter anderem wegen notwendiger Genehmigungen. Erst am 9. Juli 2025 ging die Kontrolle offiziell wieder vollständig auf Art of Mobility über.
MV Agusta nach KTM: Der schwierige Weg zurück in die Eigenständigkeit
Die Trennung erwies sich offenbar als komplexer als zunächst erwartet. Noch im Juni 2025 hatte MV Agusta erklärt, IT-Systeme und bestehende Prozesse würden während der Übergangszeit weiter funktionieren. Auch die Ersatzteillogistik lief damals noch über das KTM-Netzwerk. Für Ende 2025 war eine vollständig unabhängige Ersatzteilversorgung angekündigt worden.
Heute bezeichnet MV Agusta selbst den Grad der zuvor erreichten Integration mit KTM als einen wesentlichen Grund dafür, dass die Wiederherstellung der vollständigen Eigenständigkeit eine erhebliche Übergangsphase erfordert.
Produktionsstopp bei MV Agusta: Werk in Varese seit Monaten weitgehend still
Besonders kritisch ist die Lage im Stammwerk in Schiranna bei Varese. Nach übereinstimmenden Berichten italienischer Medien und Gewerkschaftsvertreter steht die reguläre Motorradproduktion dort seit April 2026 weitgehend still. MV Agusta selbst hat dieses konkrete Datum bislang nicht ausdrücklich bestätigt.
Die italienische Zeitung „Il Giorno“ berichtet unter Berufung auf Gewerkschaftsvertreter, dass die 184 Beschäftigten des Unternehmens bis Ende des Jahres unter einem sogenannten Solidaritätsvertrag arbeiten. Dabei handelt es sich um ein Instrument zur Reduzierung der Arbeitszeit, mit dem Arbeitsplätze in wirtschaftlich schwierigen Situationen erhalten werden sollen. Im September werde teilweise lediglich an vier oder fünf Tagen im gesamten Monat gearbeitet.
Gewerkschaftsvertreter führen die Probleme insbesondere auf fehlende Liquidität und offene Forderungen von Zulieferern zurück. Diese Angaben stammen allerdings nicht aus der offiziellen Mitteilung von MV Agusta und sind deshalb als Aussagen der Arbeitnehmervertreter einzuordnen.
Auch die vielfach genannte Kapitalerhöhung von 35 Millionen Euro, die bis Ende Juni erfolgen sollte, geht auf entsprechende Berichte aus dem Gewerkschaftsumfeld zurück. Sie soll bislang nicht umgesetzt worden sein.
MV Agusta startet Sanierungsverfahren: Gerichtstermin am 25. November
MV Agusta hat inzwischen die „Composizione Negoziata della Crisi“ beantragt. Das Verfahren ist nicht mit einer Insolvenz oder Liquidation gleichzusetzen. Nach Angaben der italienischen Handelskammern handelt es sich um ein freiwilliges Instrument für Unternehmen, die sich in einem wirtschaftlichen oder finanziellen Ungleichgewicht befinden, bei denen eine Sanierung aber noch als realistisch erscheint.
Dabei unterstützt ein unabhängiger Experte das Unternehmen bei Verhandlungen mit Gläubigern und anderen Beteiligten. Ziel ist eine außergerichtliche Lösung, die eine nachhaltige Sanierung ermöglicht.
Im Zusammenhang mit dem Verfahren kann ein Unternehmen außerdem gerichtlichen Schutz vor bestimmten Maßnahmen seiner Gläubiger beantragen. Nach Berichten aus Varese soll das zuständige Gericht am 25. November 2026 darüber entscheiden, ob die für MV Agusta geltenden Schutzmaßnahmen bestätigt, verändert oder aufgehoben werden. Dabei handelt es sich präziserweise um eine Entscheidung über diese Schutzmaßnahmen – nicht automatisch um ein endgültiges Urteil über die Zukunft des gesamten Unternehmens.
MV Agusta sucht Investor: Gerüchte um CFMoto halten an
Parallel läuft die Suche nach zusätzlichem Kapital. Eigentümer Art of Mobility bestätigt, dass in den vergangenen Monaten verschiedene Optionen für eine Veränderung der Eigentümer- und Industriestruktur geprüft wurden. Einige Möglichkeiten seien nach genauerer Untersuchung verworfen worden, andere hätten nicht die notwendige Verlässlichkeit geboten. Weitere Gespräche liefen weiterhin.
In Branchenmedien wird seit Monaten über einen möglichen Einstieg des chinesischen Herstellers CFMoto spekuliert. Berichten zufolge soll sogar eine Beteiligung von 49 Prozent Gegenstand von Verhandlungen gewesen sein. Eine entsprechende Transaktion wurde jedoch weder von MV Agusta noch von CFMoto offiziell bestätigt. MV Agusta erklärte ausdrücklich, einzelne Gerüchte über mögliche Investoren nicht kommentieren zu wollen.
Damit bleibt offen, wer dem Hersteller das für einen Neustart der Produktion benötigte Kapital zur Verfügung stellen könnte.
MV Agusta meldet steigende Zulassungen trotz Produktionsstopp in Varese
Trotz der finanziellen Schwierigkeiten kann MV Agusta zumindest auf stabile Endkundenzahlen verweisen. Nach Unternehmensangaben wurden im ersten Halbjahr 2026 weltweit 2.166 Motorräder neu registriert. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es 2.094 Fahrzeuge. Das entspricht einem Plus von 3,4 Prozent.
Deutlich stärker entwickelte sich der Heimatmarkt Italien: Dort stiegen die Registrierungen von 500 auf 644 Motorräder – ein Zuwachs von 28,8 Prozent. Für Frankreich meldet MV Agusta ein Plus von 42,3 Prozent, für die USA 24,2 Prozent.
Die Zahlen dürfen allerdings nicht mit der aktuellen Produktion verwechselt werden. Registrierungen erfassen Motorräder, die erstmals an Endkunden zugelassen werden. Diese Maschinen können bereits Monate zuvor produziert und an Händler ausgeliefert worden sein. Steigende Zulassungen schließen einen Stillstand der Produktionslinien daher nicht aus.
MV Agusta und Sardarov: 180 Millionen Euro und die nächste Bewährungsprobe
Für MV Agusta ist die gegenwärtige Situation ein weiteres schwieriges Kapitel einer bewegten Unternehmensgeschichte. Die Marke blickt auf eine Historie zurück, die bis 1945 reicht und eng mit großen Erfolgen im Motorradrennsport verbunden ist. Besonders die Ära mit Giacomo Agostini machte MV Agusta weltweit bekannt. Nach mehreren Eigentümerwechseln übernahm die Familie Sardarov ab 2017 schrittweise die Kontrolle und wurde 2019 alleiniger Eigentümer.
Dass eine Sanierung grundsätzlich möglich ist, zeigt auch die jüngere Geschichte: Erst Anfang 2023 hatte MV Agusta den Abschluss eines früheren gerichtlichen Restrukturierungsverfahrens bekannt gegeben. Nach Unternehmensangaben hatte die Familie Sardarov bis dahin mehr als 180 Millionen Euro in MV Agusta investiert, unter anderem zur Finanzierung des laufenden Geschäfts und zur Begleichung von Verbindlichkeiten.
Nun steht das Unternehmen erneut vor einer entscheidenden Phase. Die Marke besitzt weiterhin internationale Bekanntheit, eine aktive Händlerstruktur und offenbar Nachfrage nach ihren hochpreisigen Motorrädern. Gleichzeitig braucht es ausreichend Liquidität, eine funktionierende Lieferkette und eine Wiederaufnahme der regulären Produktion.
Investor und Finanzierung entscheiden über den Neustart von MV Agusta
Bislang gibt es keine offiziell bestätigte Vereinbarung mit einem neuen Investor. Deshalb dürfte neben den laufenden Finanzierungsgesprächen vor allem der 25. November 2026 zum wichtigen Termin werden. Dann wird sich zumindest entscheiden, welchen gerichtlichen Schutz MV Agusta während der weiteren Sanierungsverhandlungen erhält.
Ob daraus ein dauerhafter Neustart der traditionsreichen Marke entsteht, hängt letztlich davon ab, ob Eigentümer, Gläubiger und mögliche neue Kapitalgeber eine tragfähige Finanzierung und einen belastbaren Industrieplan zustande bringen.