Lenzing Stellenabbau bis 2027 : Lenzing vor der Zerreißprobe: Tausende Jobs fallen, während der Konzern neu startet
Lenzing steht vor einem tiefen Konzernumbau: Bis Ende 2027 sollen rund 2.000 Jobs wegfallen, während der Faserhersteller stärker auf Vliesstoffe und Spezialfasern setzt.
- © FRANZ NEUMAYRDer Faserhersteller Lenzing steht vor einem der größten Umbauprogramme seiner jüngeren Unternehmensgeschichte. Bis Ende 2027 sollen weltweit rund 2.000 Arbeitsplätze wegfallen. Diese Größenordnung bestätigte Vorstandschef Georg Kasperkovitz gegenüber der APA. Ende 2025 beschäftigte der Konzern rund 8.100 Menschen beziehungsweise etwa 7.700 Vollzeitäquivalente. Betroffen sind sowohl Produktionsstandorte als auch administrative Bereiche innerhalb des internationalen Konzerns.
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Ein zentraler Bestandteil der Neuordnung ist die Verkleinerung des Produktionsnetzwerks. Am Standort Heiligenkreuz im Burgenland soll die Faserproduktion nach den offiziellen Plänen bis Ende 2026 auslaufen. Im englischen Grimsby ist das Produktionsende für Ende 2027 vorgesehen. Parallel dazu läuft bereits der Verkaufsprozess für den indonesischen Viskosestandort PT South Pacific Viscose in Purwakarta. Für alle betroffenen Werke prüft Lenzing einen Verkauf oder andere Lösungen, mit denen zumindest ein Teil der bestehenden Strukturen erhalten werden könnte. Sollte keine tragfähige Lösung gefunden werden, ist eine geordnete Stilllegung vorgesehen.
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Heiligenkreuz wackelt: Was aus dem Lenzing-Werk im Burgenland werden kann
Besonders angespannt ist die Situation in Heiligenkreuz, wo derzeit rund 285 Menschen beschäftigt sind. Für die Belegschaft gilt ein bestehender Sozialplan. Lenzing will sich aus dem Werk zurückziehen, sucht jedoch nach einem neuen Eigentümer, der den Standort weiterführen und möglichst viele Arbeitsplätze übernehmen könnte. Die Produktion soll jedenfalls bis Ende 2026 gesichert bleiben. Nach Angaben des Landes Burgenland könnte sie vorübergehend auch darüber hinaus fortgesetzt werden, falls dies einen geordneten Übergang an einen neuen Betreiber erleichtert.
Landeshauptmann Hans Peter Doskozil bezeichnete die Entscheidung als schmerzhafte Weichenstellung für das Südburgenland. Das Land wolle gemeinsam mit dem lokalen Management an einer Zukunftslösung arbeiten. Nach Darstellung des Landes wurden in Heiligenkreuz zuletzt eine neue Produktlinie aufgebaut und Investitionen in das Heizkraftwerk getätigt. Zudem seien das operative Ergebnis und der Free Cashflow des Werks im ersten Halbjahr 2026 wieder ins Positive gedreht worden. Eine Garantie für eine Fortführung ergibt sich daraus allerdings nicht: Entscheidend wird sein, ob ein Investor ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für das Werk vorlegen kann.
Lenzing setzt auf Vliesstoffe: Das neue Geschäft hinter dem Stellenabbau
Der Stellenabbau ist Teil einer neuen Konzernstrategie unter dem Titel „Grow Nonwovens, Reset Textiles“. Lenzing will das Geschäft mit Fasern für Vliesstoffe bis 2030 deutlich ausbauen. Solche Fasern werden unter anderem in Hygieneprodukten, Filtern und weiteren technischen Anwendungen eingesetzt. Im klassischen Textilgeschäft soll der Konzern dagegen stärker auf hochwertige Spezial- und Premiumfasern setzen und den Anteil standardisierter Produkte wie gewöhnlicher Viskosefasern schrittweise reduzieren.
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Für den Ausbau des Vliesstoffgeschäfts wurden am Hauptstandort Lenzing im November 2025 Investitionen von 15 Millionen Euro und im Juni 2026 weitere acht Millionen Euro beschlossen. Gleichzeitig soll das Werk im US-amerikanischen Mobile stärker auf Spezialfasern für Vliesstoffanwendungen ausgerichtet werden. Im Textilbereich setzt Lenzing auf neue Technologien wie TreeToTextile, auf weiterentwickelte Flammschutzfasern und auf Anwendungen, bei denen sich das Unternehmen durch Innovation und besondere Produkteigenschaften von günstigeren Massenprodukten unterscheiden kann.
Hinter der Neuausrichtung steht ein schwieriges Marktumfeld. Im Geschäftsjahr 2025 belasteten schwache Nachfrage, sinkende Preise für Fasern und Zellstoff sowie weiterhin hohe Kosten für Rohstoffe, Energie und Logistik die Entwicklung. Der Umsatz ging um 2,3 Prozent auf rund 2,60 Milliarden Euro zurück. Besonders bemerkenswert ist die starke Abhängigkeit von internationalen Märkten: 61 Prozent des Außenumsatzes wurden 2025 in Asien erzielt, während auf Europa einschließlich der Türkei 29 Prozent entfielen.
Rote Zahlen trotz besserem EBITDA: Lenzings schwierige Rechnung
Operativ konnte Lenzing 2025 in einigen Bereichen Fortschritte erzielen. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, kurz EBITDA, stieg um 4,5 Prozent auf 413 Millionen Euro. Darin waren allerdings positive Einmaleffekte enthalten. Unter dem Strich blieb ein Konzernverlust von 135,2 Millionen Euro. Bereits seit 2022 weist Lenzing in jedem Geschäftsjahr einen negativen Jahresüberschuss aus. Auch das Betriebsergebnis fiel 2025 mit 17,6 Millionen Euro deutlich geringer aus als im Jahr davor. Belastend wirkte unter anderem eine Wertminderung von 82 Millionen Euro auf Vermögenswerte des indonesischen Werks.
Für 2026 rechnet das Unternehmen wegen der Standortkonsolidierung mit weiteren nicht zahlungswirksamen Wertminderungen von bis zu 150 Millionen Euro. Diese Abschreibungen sollen das Betriebsergebnis und das Konzernergebnis belasten, nicht aber das EBITDA. Zusätzlich könnten Rückstellungen für Personalmaßnahmen von bis zu 40 Millionen Euro das EBITDA des laufenden Geschäftsjahres verringern.
Das neue Sparprogramm soll gegenüber den tatsächlichen Kosten des Jahres 2025 insgesamt 120 Millionen Euro einsparen. Darin enthalten sind bereits früher angekündigte Einsparungen von 45 Millionen Euro, die vor allem durch den Abbau von ungefähr 600 Stellen in administrativen Bereichen erreicht werden sollen. Im ersten Halbjahr 2026 wurde der Personalstand im Rahmen dieser Maßnahmen bereits um 267 Beschäftigte reduziert. Die jährliche Einsparungswirkung daraus beziffert Lenzing mit 25 Millionen Euro. Das gesamte Programm soll bis Ende 2027 vollständig wirksam sein.
Kapitalerhöhung und neue Kredite: Wie Lenzing den Umbau finanzieren will
Parallel zum operativen Umbau will Lenzing seine Finanzstruktur stärken. Vorgesehen ist eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten von bis zu 300 Millionen Euro. Darüber soll voraussichtlich bei einer außerordentlichen Hauptversammlung rund um den 25. August 2026 entschieden werden. Ergänzend wurden neue Finanzierungen von bis zu 300 Millionen Euro vereinbart. Die Laufzeiten bestehender Verbindlichkeiten sollen bis 2030 verlängert werden.
Unterstützt wird das Vorhaben von den Großaktionären B&C-Gruppe und Suzano sowie von der Oberbank. B&C und Suzano halten gemeinsam indirekt rund 52,25 Prozent des Grundkapitals und haben sich verpflichtet, sich entsprechend ihrem Anteil mit bis zu 156,7 Millionen Euro an der Kapitalerhöhung zu beteiligen. Die Oberbank, die rund 3,86 Prozent hält, will bis zu 11,6 Millionen Euro beitragen. Nicht gezeichnete Aktien sollen unter bestimmten Bedingungen von einem internationalen Bankenkonsortium übernommen werden.
Industrie Österreich: Warum Lenzing zum Warnsignal für den Standort wird
Mittelfristig verfolgt Lenzing ehrgeizige Ziele: Das EBITDA soll um rund 150 Millionen Euro steigen, die EBITDA-Marge soll 20 bis 25 Prozent erreichen und der Verschuldungsgrad unter das 2,5-Fache des EBITDA sinken. Vorläufige Zahlen für das zweite Quartal 2026 zeigen zwar eine Verbesserung: Das EBITDA stieg gegenüber dem Vorjahresquartal von 112 auf 123 Millionen Euro, die EBITDA-Marge erreichte 19 Prozent. Ob daraus eine nachhaltige Trendwende entsteht, hängt jedoch wesentlich davon ab, ob die Kostensenkungen umgesetzt, die Standorte geordnet neu aufgestellt und die margenstärkeren Produkte erfolgreich ausgebaut werden können.
Der Fall Lenzing steht damit beispielhaft für die strukturellen Herausforderungen der österreichischen Industrie. Zwar stieg die heimische Produktion im Mai 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat um 0,7 Prozent. Diese leichte Erholung folgt jedoch auf eine längere Schwächephase: Zwischen 2022 und 2024 sank die Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Österreich nach Angaben der Europäischen Kommission um fast neun Prozent. Hohe Kosten, internationaler Preisdruck und notwendige Investitionen in neue Technologien zwingen Unternehmen dazu, ihre Produktionsstrukturen grundlegend zu überprüfen.
Für Lenzing bedeutet das einen schwierigen Balanceakt. Der Konzern muss Kosten senken und Standorte abgeben, gleichzeitig aber ausreichend investieren, um bei Spezialfasern, Vliesstoffen und neuen Technologien wettbewerbsfähig zu bleiben. Ob der Umbau gelingt, wird nicht nur für Aktionäre und Kreditgeber entscheidend sein. In Oberösterreich, im Burgenland und an den internationalen Standorten geht es ebenso um Tausende Beschäftigte, industrielle Wertschöpfung und die Frage, welche Rolle europäische Produktionsstandorte künftig in einem zunehmend globalen Fasermarkt spielen können.