Atomkraft

Hitzewelle wird bei Atomkraftwerken zum Sicherheitsrisiko

Wegen der anhaltenden Hitzewelle müssen erste Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln. Der Klimawandel erreicht Europa mit geballter Wucht - und wird besonders in der Energiewirtschaft zunehmend zum Sicherheitsrisiko.

Weil die Wassertemperaturen in den Flüssen wegen der Hitzewelle steigen, müssen die ersten Atomkraftwerke in Deutschland ihre Leistung herunterfahren.

In Österreich rechnet der Verbund, der größte Stromversorger des Landes, mit stark steigenden Strompreisen. Ein Einstieg sei bereits "wie erwartet eingetreten", so Konzernchef Wolfgang Anzengruber - aber das enorme Ausmaß sei überraschend.

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Atommeiler am Rhein fahren Produktion herunter

Am Oberrhein wurde der kritische Bereich erreicht und das Atomkraftwerk Philippsburg in Baden-Württemberg drosselte seine Leistung, wie der Betreiber EnBW mitteilte. Andere Kraftwerke in Deutschland und Europa könnten folgen.

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"Wenn die Wassertemperatur in den Flüssen einen bestimmten Punkt erreicht, dürfen die Kraftwerke kein Kühlwasser mehr entnehmen und müssen dementsprechend den Betrieb reduzieren oder ganz einstellen", sagte Dieter Majer, langjähriger Chef der Abteilung für Atomsicherheit im deutschen Umweltministerium, der Nachrichtenagentur AFP. Im Extremfall könnte die Hitze auch zum Sicherheitsrisiko bei den Atomkraftwerken werden.

Die Kraftwerke entnehmen ihr Kühlwasser in der Regel aus Flüssen. Damit die Wassertemperatur der Gewässer durch die Wiedereinspeisung genutzten Kühlwassers nicht zu sehr steigt, unterliegt die Entnahme strengen Vorgaben. Pauschale Regeln zu maximalen Wassertemperaturen gibt es jedoch nicht: "Die Vorgaben variieren wegen der unterschiedlichen Umweltbedingungen von Kraftwerk zu Kraftwerk", sagte Majer.

Wasser am Oberrhein erreicht kritische Temperatur

Am Oberrhein liegt der kritische Bereich je nach Flussabschnitt laut EnBW bei etwa 26 Grad. Im Atomkraftwerk Philippsburg wurde deshalb die Leistung von Block zwei um bis zu zehn Prozent reduziert. Ähnliches droht im Akw Neckarwestheim. Für den Fall, dass die Temperaturen in Rhein und Neckar weiter steigen, habe EnBW vorsorglich Ausnahmeanträge gestellt, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, teilte der Versorger mit.

Auch das Atomkraftwerk im schleswig-holsteinischen Brokdorf ist betroffen. Steigt die Wassertemperatur in der Elbe auf über 23 Grad, muss der wasserrechtlichen Einleiteerlaubnis zufolge eine schrittweise Lastabsenkung des Reaktors erfolgen. Nach Behördenangaben wurden in der Elbe bereits Wassertemperaturen von über 24 Grad Celsius gemessen.

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Besser stehen Kraftwerke da, die über zusätzliche Anlagen verfügen und so weniger abhängig von der Temperatur des Flusswassers sind. "Die belgischen Atomreaktoren Tihange und Doel etwa verfügen über Kühltürme", sagte Majer. Das Atomkraftwerk Emsland in Niedersachsen hat einen eigenen Kühlwassersee. Bisher traten deshalb keine Probleme auf, teilte der Betreiber RWE mit. Die maximale Temperatur des Emswassers von 28 Grad sei bisher nicht erreicht worden.

Ausfälle von Kraftwerken möglich

Dennoch könnte es bei anhaltender Hitze und Dürre nach Einschätzung Majers in Europa zu Kraftwerksausfällen kommen. Die Versorgungssicherheit sieht er aber nicht in Gefahr. Allerdings müssten dann zusätzliche Gaskraftwerke ans Netz gehen, um die Spannung aufrechtzuerhalten. "Die Gaskraftwerke sind teurer im Betrieb, und die Stromkosten könnten daher steigen".

Im Extremfall könnte die Hitzewelle Majer zufolge auch zum Sicherheitsproblem bei Atomkraftwerken werden. Denn selbst wenn die Reaktoren abgeschaltet sind, müssen sie weiter gekühlt werden: "Es entsteht weiterhin Wärme im Bereich von ein bis fünf Prozent der Nennleistung des Kraftwerks", sagte Majer. Ohne Kühlung reiche das aus, um eine Kernschmelze zu produzieren.

"Wenn die Temperatur des Kühlgewässers also extrem steigt oder der Pegel dramatisch sinkt, könnte das durchaus zum Problem werden", warnte der Experte. "Davon sind wir in Europa aber noch weit entfernt."

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