Leica: Warum der neue Sensor-Deal mit China mehr ist als ein Lieferantenwechsel

Fast hundert Jahre lang stand Leica für eine einfache Formel: deutsche Kamera, deutsche Präzision, Weltgeltung. Hergestellt in Wetzlar, genutzt von Reportern, Künstlern und Reisenden. Mit Leica-Kameras entstanden Bilder, die das 20. Jahrhundert prägten – von Henri Cartier-Bressons „entscheidendem Moment“ bis zum berühmten Che-Guevara-Porträt von Alberto Korda.

Nun lässt Leica das Herzstück seiner Digitalkameras gemeinsam mit einem chinesischen Partner entwickeln. Gpixel, ein Bildsensor-Spezialist aus Changchun, wurde 2012 gegründet, ist weltweit einer der wichtigsten Anbieter industrieller Bildsensoren und hat Anfang April in Hongkong rund 300 Millionen Euro eingesammelt. Gemeinsam entwickeln Leica und Gpixel einen exklusiven Sensor – verteilt auf Wetzlar, Antwerpen und Changchun.

Damit löst sich Leica aus der Abhängigkeit vom bisherigen Sensorlieferanten Sony. Gleichzeitig kehrt das Unternehmen in ein technologisches Feld zurück, das es einst selbst geprägt hat.

Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!

Der Moment, in dem Fotografie klein wurde

Die Leica-Geschichte beginnt im Sommer 1924. Ernst Leitz II führt in Wetzlar ein Optikunternehmen, das vor allem Mikroskope baut. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, die Nachfrage schwach. Ein neues Standbein muss her.

Sein Mitarbeiter Oskar Barnack hat bereits seit Jahren an einer radikalen Idee gearbeitet: einer kleinen Kamera für 35-Millimeter-Film. Barnack, gesundheitlich angeschlagen, wollte keine schwere Plattenkamera mehr schleppen. Das von ihm gewählte Format von 24 mal 36 Millimetern wurde später zum Weltstandard der Kleinbildfotografie.

1924 entscheidet Leitz gegen viele interne Widerstände, das kleine Gerät in Serie zu bauen. 1925 wird es auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt: die Leica, kurz für „Leitz Camera“. Was zunächst als Spielzeug belächelt wird, verändert die Fotografie. Die Kamera ist klein, schnell, mobil. Fotografen können reagieren, statt zu inszenieren.

Vom Technologieführer zur Luxusmarke

Jahrzehntelang prägt Leica den Bildstil der Moderne. Doch ab den 1970er-Jahren verliert Wetzlar den technologischen Anschluss. Japanische Hersteller wie Canon, Nikon und Minolta bauen günstiger, schneller und mit neuen Funktionen. Ausgerechnet den Autofokus, dessen Grundlagen auch bei Leica lagen, nutzt das Unternehmen nicht konsequent. Der Markt zieht weiter.

In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren kommt die Digitalfotografie hinzu. Leica reagiert zu zögerlich. 2004 steht das Unternehmen knapp vor der Insolvenz.

Die Wende bringt der Salzburger Investor Andreas Kaufmann. Er steigt bei Leica ein, wird später Mehrheitseigner und investiert in neue Produkte. Unter Matthias Harsch, der Leica ab 2017 führt, positioniert sich die Marke endgültig neu: nicht als Massenhersteller, sondern als Luxusobjekt, Kulturgut und handwerkliches Präzisionsprodukt.

Die Strategie funktioniert. Leica meldet mehrere Rekordjahre, erzielt rund eine halbe Milliarde Euro Umsatz und verkauft nicht nur Kameras, sondern auch Markenwelt: Smartphone-Kooperationen, Brillengläser, Uhren, Heimkino.

Premstätten, Tokio, Changchun

Der neue Sensor-Deal erzählt zugleich eine industriepolitische Geschichte. Das Herz jeder Digitalkamera ist der Bildsensor. Er entscheidet, wie Licht in Daten übersetzt wird, wie viel Dynamik ein Bild hat und wie stark eine Kamera bei wenig Licht bleibt.

Bis etwa 2020 kamen wichtige Leica-Sensoren von AMS Osram mit Wurzeln in Premstätten bei Graz; gefertigt wurde in Frankreich. Danach wechselte Leica stärker zu Sony, dem global dominierenden Bildsensor-Hersteller. Technologisch war das naheliegend, strategisch aber eine Abhängigkeit.

Jetzt folgt die nächste Station: China. Gpixel soll mit Leica einen exklusiven Sensor entwickeln. Das ist keine klassische Auftragsfertigung, sondern gemeinsame Entwicklung. Leica gewinnt damit mehr Einfluss auf eine Schlüsselkomponente – aber eben mit einem Partner aus Asien.

Warum Leica diesen Schritt geht

Der Kameramarkt hat sich radikal verändert. Smartphones haben den Massenmarkt weitgehend verdrängt. Übrig bleibt vor allem das Premiumsegment. Dort reicht ein Standardchip kaum noch aus, um sich abzuheben. Wer Exklusivität verkauft, will auch Kontrolle über den Sensor.

Die unbequeme Wahrheit lautet: In Europa gibt es für Leica kaum noch Alternativen. Sensor-Know-how ist vorhanden, aber nicht mehr in jener fotografischen Breite, die Leica braucht. Gpixel wird damit zum ambitionierten Gegengewicht zu Sony – und Leica zum Premium-Referenzkunden.

Wetzlar trifft Changchun

Der Deal wirkt auf den ersten Blick wie ein Lieferantenwechsel. Tatsächlich ist er eine strategische Wette. Leica will nicht nur Luxusmarke bleiben, sondern wieder stärker Technologieunternehmen werden.

Dass diese technologische Souveränität ausgerechnet mit einem chinesischen Partner entstehen soll, sagt viel über Europas industrielle Lage. Was einst in Wetzlar begann, führt heute über Premstätten, Tokio und Changchun.

Ob Leicas Wette aufgeht, entscheidet sich nicht am Objektiv. Sondern am Chip.