Heidelberger Druckmaschinen: 175 Jahre – und noch immer auf der Suche nach der Zukunft

Ende der 1990er-Jahre war Heidelberger Druckmaschinen auf dem Höhepunkt. Der Umsatz lag bei rund sechs bis sieben Milliarden Euro, die Mitarbeiterzahl bei bis zu 30.000. Mehr als 40 Prozent hochwertiger Druckprodukte weltweit liefen über Maschinen aus Wiesloch-Walldorf. Heidelberg war profitabel, technologisch stark und eines der bedeutendsten Industrieunternehmen Deutschlands.

Dann begann der große Umbau. Unter Hartmut Mehdorn ging Heidelberg an die Börse und kaufte massiv zu: Linotype-Hell, Stork Contiweb, Sheridan Systems, Rollenoffset, Buchbindesysteme, Weiterverarbeitung. Aus dem Spezialisten sollte ein Vollsortimenter werden.

Doch die Expansion kam zur falschen Zeit. Das Internet begann, den Printmarkt strukturell zu verändern. Zeitungsauflagen sanken, Werbung wanderte ins Digitale. Heidelberg investierte ausgerechnet in Bereiche, deren Geschäftsgrundlage bereits zu bröckeln begann. Anfang der 2000er mussten viele Zukäufe mit hohen Verlusten wieder abgestoßen werden.

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Die verpasste Digitaldruck-Chance

Noch schwerer wog der Rückzug aus dem Digitaldruck. Ende der 1990er-Jahre zählte Heidelberg in diesem Feld zu den Vorreitern. Die eigenen Ingenieure hatten früh erkannt, dass digitale Drucktechnologien den klassischen Offsetdruck in vielen Anwendungen ergänzen oder verdrängen würden.

Trotzdem stieg Heidelberg 2004 aus. Der damalige CEO Bernhard Schreier gab das Geschäft auf, weil das Geschäftsmodell noch nicht ausgereift war. Wenige Jahre später startete der Digitaldruck seinen Siegeszug – ohne Heidelberg. Erst 2011 kehrte das Unternehmen zurück, allerdings nur als Juniorpartner des japanischen Herstellers Ricoh. Sieben entscheidende Jahre waren verloren.

Schrumpfen statt Erneuern

Was folgte, war kein klarer Neustart, sondern eine lange Schrumpfkur. Sparten wurden verkauft, Mitarbeiter abgebaut, Strukturen verkleinert. 2015 war Heidelberg im Kern wieder das, was es immer gewesen war: ein führender Hersteller von Bogendruckmaschinen – nur mit deutlich schwächeren Finanzen und in einem enger gewordenen Markt.

Die Dimension des Abstiegs ist erheblich. Seit 2000 haben sich Umsatz, Marge und Mitarbeiterzahl teils mehr als halbiert. Das Eigenkapital schrumpfte von 2,45 Milliarden Euro im Jahr 2001 auf 183 Millionen Euro. Der Aktienkurs fiel von über 44 Euro auf zeitweise kaum mehr als einen Euro. 2009 konnte Heidelberg nur mit Staatshilfe stabilisiert werden. Die letzte Dividende floss 2008.

Wettbewerber wie Koenig & Bauer zeigten, dass Spezialisierung funktionieren kann. Die Würzburger zogen sich konsequenter aus dem schwächelnden Werbedruck zurück und bauten Nischen wie Banknotendruck, Blech- und Glasdruck aus. Heidelberg blieb dagegen lange am alten Kern hängen.

Strategie im Kreis

Das Grundproblem liegt weniger in einzelnen Fehlentscheidungen als in einem wiederkehrenden Muster: Heidelberg beginnt neue Ideen, verfolgt sie aber selten konsequent.

Beim Großformatdruck etwa sah die Strategie zunächst logisch aus. Riesige Verpackungen, technisch anspruchsvoll, potenziell lukrativ. Doch die Nachfrage blieb hinter den Erwartungen zurück, Verluste häuften sich. 2020 stieg Heidelberg aus. Fünf Jahre später folgte der Wiedereinstieg – gemeinsam mit Manroland.

Ähnlich beim Digitaldruck: erst Pionier, dann Ausstieg, dann verspätete Rückkehr. Auch neue Felder wie Wallboxen, Wasserstoff oder Leistungselektronik wurden angestoßen, ohne dass daraus bisher ein belastbares Zukunftsgeschäft entstanden wäre.

Jürgen Otto und die letzte Patrone

Seit 2024 führt Jürgen Otto das Unternehmen. Der frühere Brose-Chef gilt als pragmatischer Sanierer. Sein Programm ist klassisch: Kosten senken, Effizienz steigern, Strukturen verschlanken. Rund 450 Stellen sollen wegfallen, ein Großteil davon ist bereits abgebaut. Mittelfristig sollen die Kosten um mindestens 100 Millionen Euro sinken.

Doch Sparen allein ersetzt kein Geschäftsmodell. Deshalb sucht Heidelberg neue Wachstumsfelder – nun auch im Rüstungsbereich. Im April 2026 gründete das Unternehmen mit Ondas Autonomous Systems das Joint Venture ONBERG Autonomous Systems. In Brandenburg an der Havel sollen Drohnenabwehrsysteme entwickelt und produziert werden. Für 2027 werden 80 bis 150 Millionen Euro Umsatz in Aussicht gestellt, für 2028 mehr als 200 Millionen.

Die Börse reagierte zunächst euphorisch, dann vorsichtiger. Denn echte Umsätze werden frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2026 erwartet.

175 Jahre – und jetzt?

Heidelberger Druckmaschinen steht für eine große Industriegeschichte: Präzision, Mechanik, Elektronik, Weltmarktführerschaft. Doch das Unternehmen hat auch gezeigt, wie schwer es einem Technologieführer fallen kann, den richtigen Zeitpunkt für Veränderung zu erkennen.

Jürgen Otto kann Kosten senken. Das hat er bewiesen. Aber Heidelberg braucht mehr als Effizienz. Es braucht ein neues, glaubwürdiges Geschäftsmodell.

Ob Drohnenabwehr, Wasserstoff oder andere Zukunftsfelder diese Rolle übernehmen können, ist offen. Klar ist nur: Heidelberg hat viele Krisen überlebt. Was der Konzern noch beweisen muss, ist, dass er sich rechtzeitig neu erfinden kann.

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