Rheinmetall Defence : Im 45-Minuten-Takt: Wie Rheinmetall in Wien für Europas Aufrüstung hochfährt

Rheinmetall

RMMV-Produktion in Wien-Liesing: Aktuell liegt die Tagesproduktion bei 15 Lkw. 

- © RMMV

Alle 45 Minuten rückt in der Produktionshalle von Wien-Liesing ein Fahrerhaus eine Station weiter. Auf einer Linie geht es um Stückzahl, auf einer anderen um komplexere Fahrzeuge wie die schwere Sattelzugmaschine HX81. Am Ende kommt jener Moment, den Fahrzeugbauer seit Jahrzehnten familiär die Verheiratung nennen: Fahrerhaus und Chassis werden zu einem Fahrzeug zusammengefügt.

 

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An diesem Dienstagnachmittag stehen zwischen den Montagestationen nicht nur Werker und Ingenieure. Rheinmetall-Chef Armin Papperger führt Bundeskanzler Christian Stocker, Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und den designierten Generalstabschef Harald Vodosek durch das Werk. Werksrundgang, Ansprache an die Belegschaft Pressestatements: Für Rheinmetall ist der Besuch weit mehr als politische Begleitmusik: Wien ist das größte Produktionswerk der Rheinmetall MAN Military Vehicles, kurz RMMV, und ein zentraler Standort für die logistischen Radfahrzeuge des Konzerns. 

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Die Dimensionen sind für ein österreichisches Industriewerk beachtlich. Rund 1.500 Menschen arbeiten in Liesing, darunter 71 Lehrlinge. Rheinmetall gibt die Kapazität mit 4.000 bis 4.500 Lkw pro Jahr an und bezeichnet Wien damit als größte Fertigungsstätte für militärische Lkw in Europa. Aktuelle Tagesproduktion: 15 Lkw. 

Im September dominieren in der Produktion Fahrzeuge aus der HX-Familie. Eine der großen Aufgaben für die deutsche Bundeswehr ist derzeit das Wechselladersystem auf HX-Basis. Die modular aufgebauten Trucks können je nach Ausführung nicht nur Material transportieren. Varianten dienen als Bergefahrzeuge, Schwerlastsattelzüge oder Plattform für Radar-, Artillerie- und Flugabwehrsysteme. 

Dass die Linien gut gefüllt sind, liegt auch an einem Auftrag, den Rheinmetall Ende Mai erhalten hat. Die Bundeswehr rief damals mehr als 2.000 ungeschützte Transportfahrzeuge aus einem bestehenden Rahmenvertrag ab. Das Volumen beträgt 1,015 Milliarden Euro. Bestellt wurden 4x4-, 6x6- und 8x8-Fahrzeuge, ungefähr 1.000 davon entfallen auf 8x8, rund 1.000 weitere auf die beiden kleineren Achsvarianten. Der zugrunde liegende Rahmenvertrag erlaubt insgesamt den Abruf von bis zu 6.500 Fahrzeugen. Für Wien bedeutet das: Ein erheblicher Teil des aktuellen deutschen Aufwuchses schlägt direkt in der österreichischen Produktion durch.

Dass die Linien gut gefüllt sind, liegt auch an einem Auftrag, den Rheinmetall Ende Mai erhalten hat. Die Bundeswehr rief damals mehr als 2.000 ungeschützte Transportfahrzeuge aus einem bestehenden Rahmenvertrag ab.

- © RMMV

Rheinmetall ist plötzlich eine Arbeitgebermarke

Während des Rundgangs wird sichtbar, wie grundlegend sich die Stellung der Rüstungsindustrie in wenigen Jahren verändert hat. Philipp von Brandenstein, Leiter der Rheinmetall-Unternehmenskommunikation, beschreibt es so: Die veränderte Weltlage und das Gefühl einer militärischen Bedrohung seien inzwischen „in die kollektive Psychologie eingedrungen“. Was früher für Bewerber mitunter erklärungsbedürftig gewesen sei, habe sich gedreht. Rheinmetall bekomme viele Bewerbungen, sei als Marke weithin erkennbar – und mit seiner Aktie auch außerhalb klassischer Industriekreise bekannt geworden.

Das ist die gesellschaftliche Begleiterscheinung einer wirtschaftlichen Verschiebung, die sich in den Konzernzahlen noch deutlicher ablesen lässt. Für 2026 hatte Rheinmetall ursprünglich 14 bis 14,5 Milliarden Euro Umsatz erwartet – und zwar bereits ohne das zivile Automobilgeschäft, das in der Rechnungslegung als nicht fortgeführte Aktivität behandelt wird. Nach dem Aus des deutschen Fregattenprogramms F126 korrigierte der Konzern die Prognose im August auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro. Allein die F126-Entscheidung kostet Rheinmetall nach eigener Einschätzung im laufenden Jahr bis zu 300 Millionen Euro Umsatz. 

Am langfristigen Anspruch ändert das bisher nichts. Bis 2030 will Rheinmetall den Jahresumsatz auf rund 50 Milliarden Euro steigern. Vehicle Systems und Weapon and Ammunition sollen dann jeweils zweistellige Milliardenbeträge erwirtschaften, Digital Systems acht bis zehn Milliarden und das neu aufgebaute Marinegeschäft rund fünf Milliarden Euro. 

Für dieses Wachstum muss Rheinmetall nicht nur Aufträge gewinnen, sondern Fertigungskapazität wesentlich schneller schaffen, als es in der europäischen Industrie lange üblich war. Von Brandenstein verweist dafür auf Unterlüß. Das neue Munitionswerk in Niedersachsen wurde binnen rund 15 Monaten errichtet. Inzwischen befindet es sich im Ramp-up, im Juli lieferte Rheinmetall erstmals 155-Millimeter-Artilleriegeschosse aus der neuen Fabrik an die Ukraine. 

Ähnliche Kapazitäten entstehen außerhalb Deutschlands. In Rumänien plant Rheinmetall gemeinsam mit Pirochim Victoria ein neues Werk für Treibladungspulver und modulare Treibladungen. Mehr als 500 Millionen Euro sollen investiert werden, die Produktion ist für 2028 vorgesehen. Auch in Litauen baut der Konzern neue Kapazitäten auf. Der Maßstab, den Rheinmetall inzwischen für sich reklamiert, lautet nicht mehr, bestehende Werke Stück für Stück zu erweitern. Neue Rüstungsfabriken sollen bei standardisierten Konzepten innerhalb von gut einem Jahr bis eineinhalb Jahren hochgezogen werden können.

Warum Rheinmetall nicht mehr „nur Stahl biegen“ will

Doch Pappergers 50-Milliarden-Ziel lässt sich mit mehr Lkw und mehr Artilleriegeschossen allein kaum erreichen. Der zweite Teil der Strategie ist technologischer Natur: Rheinmetall will die Plattform besitzen, auf der andere militärische Systeme zusammenlaufen.

Genau deshalb ist die Übernahme des Marineschiffbauers NVL so wichtig. Mit Blohm+Voss, Norderwerft, Peene-Werft und Neuer Jadewerft besitzt Rheinmetall inzwischen erstmals selbst jene Plattform, auf der Radare, Flugabwehr, Waffen, Kommunikation, elektronische Kampfführung und Software integriert werden können. In der Sprache des Konzerns geht es darum, „Systemhaus“ zu werden. Von Brandenstein formuliert den Anspruch noch zugespitzter: Rheinmetall wolle nicht bloß ein „Stahlbieger“ sein.

Das ist auch die industrielle Logik hinter Pappergers Expansion in immer neue militärische Domänen. Wer nur eine Kanone, ein Radar oder ein Kommunikationsgerät zuliefert, besetzt einen Teil der Wertschöpfung. Wer dagegen das Schiff, das Fahrzeug oder eine andere zentrale Plattform verantwortet, kann auch die Architektur bestimmen, in der diese Komponenten zusammenspielen.

Wie riskant dieser Ansatz sein kann, hat Rheinmetall allerdings gerade mit F126 erfahren. Die Übernahme von NVL sollte den Konzern im Marineschiffbau schlagartig nach vorne bringen, der erhoffte deutsche Fregattenauftrag fiel wenige Monate später weg. Rheinmetall hält dennoch am Ziel fest, Naval Systems bis 2030 auf rund fünf Milliarden Euro Umsatz zu bringen. Der F126-Beitrag zur mittelfristigen Planung lag laut Konzern bei weniger als drei Prozent. 

Der Panzer als Smartphone: Die Bundeswehr bekommt einen „App-Store“

Noch deutlicher wird die Systemhaus-Strategie bei der Digitalisierung. Rheinmetall arbeitet im Großprojekt D-LBO – Digitalisierung landbasierter Operationen – daran, Fahrzeuge und Soldaten der Bundeswehr in ein gemeinsames digitales Führungs- und Kommunikationsnetz zu bringen.

Von Brandenstein vergleicht die Idee mit einem App-Store. Rheinmetall beschreibt den sogenannten Tactical Core des Partners und inzwischen zum Konzernumfeld gehörenden Softwarehauses blackned als eine Art „App-Store für militärische Plattformen“. Über eine offene Architektur sollen Battle-Management-Systeme, Sensoren und Effektoren verbunden und zusätzliche Softwarefunktionen ähnlich modular integriert werden können. Dahinter steht das Konzept der „Software Defined Defence“: Neue Fähigkeiten sollen nicht mehr zwingend einen grundlegenden Umbau der Hardware erfordern, sondern zunehmend über Software und Vernetzung nachgerüstet werden.

Die Analogie hat allerdings ihre Grenzen. D-LBO ist derzeit selbst ein Beispiel dafür, wie kompliziert die Digitalisierung militärischer Bestandsflotten ist. Nach Problemen bei ersten Tests musste die Bundeswehr den Einrüstungsplan ändern. Im Juli funktionierte das Gesamtsystem bei einem Test mit knapp 50 Plattformen grundsätzlich, bei Leopard-2-Kampfpanzern kam es in dynamischen Lagen aber noch zu Funkstörungen und Verbindungsabbrüchen. Die Serienintegration liegt laut Bundeswehr hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Für September ist eine umfassende Einsatzprüfung vorgesehen. 

Für Rheinmetall ist gerade dieses Geschäft strategisch interessant: Es verkauft nicht nur ein Fahrzeug einmalig, sondern versucht, Hardware, Kommunikation, Software und spätere Upgrades über den Lebenszyklus einer Plattform zusammenzuführen.

Kann aus einer Autofabrik ein Rüstungswerk werden?

Damit führt der Wiener Besuch zu einer Frage, die weit über Rheinmetall hinausreicht. Wenn in Deutschland und Österreich Kapazitäten in der Automobilindustrie wegfallen und gleichzeitig die Verteidigungsausgaben steigen: Wie viel davon lässt sich tatsächlich von einem Sektor in den anderen verlagern?

Von Brandenstein warnt vor einer zu einfachen Rechnung. Die Rüstungsindustrie könne Beschäftigte, Produktionsflächen und Zulieferkompetenz übernehmen - aber sie werde nicht jede wegfallende Automobilproduktion kompensieren. Die Größenordnungen seien unterschiedlich. Ein Konzern wie Volkswagen fertigt Millionen Fahrzeuge, während selbst stark wachsende militärische Fahrzeugprogramme in ganz anderen Stückzahlen laufen.

Dass industrielle Transformation trotzdem funktionieren kann, zeigt Rheinmetall an den eigenen Standorten. In Neuss wird ein früher ziviler Standort vollständig auf das Militärgeschäft ausgerichtet. Dort sollen beziehungsweise werden inzwischen Schutzsysteme, Türme für Flugabwehrsysteme, SAR-Aufklärungssatelliten und Komponenten für Loitering-Munition-Systeme gefertigt. Ein weiteres Gebäude soll hinzukommen.

In Berlin-Wedding läuft eine ähnliche Transformation. Wo zuvor Automotive-Komponenten hergestellt wurden, soll Rheinmetall künftig mechanische Komponenten für Artilleriemunition fertigen. 

Dass nicht jede Autofabrik automatisch eine passende Rüstungsfabrik ist, demonstriert ausgerechnet das VW-Werk Osnabrück. Papperger hatte sich den Standort angesehen, Rheinmetall winkte im März 2026 schließlich ab. Das Projekt sei unter den gegebenen Voraussetzungen nicht erfolgversprechend, so von Brandenstein. Rheinmetall hatte die Entscheidung zunächst etwas technischer begründet: Osnabrück hätte für 6x6-Radpanzer infrage kommen können, dort benötige der Konzern derzeit jedoch keine zusätzlichen Kapazitäten. Den Ausbau für die stärker nachgefragten 8x8-Boxer konzentriert Rheinmetall stattdessen auf Kassel.