Lieferketten : Köppl-Turyna: "Deglobalisierung und kürzere Lieferketten wären ein Fehler"
Vor dem Hafen der Stadt Shanghai, der rund ein Fünftel des gesamten Warenumschlags Chinas bewältigt, stehen hunderte Frachtschiffe Schlange. Und es ist genau dieses Bild, das Einkaufsmanagern in der Industrie derzeit die meisten Sorgen bereitet.
Zwar öffnet die Stadt mit heute, 1.Juni, nach monatelangem Lockdown wieder zur Gänze, doch aufgrund der Schiffsverspätungen und der fehlenden Produktion aus China in den letzten Monaten rollt auf die europäische und die amerikanische Wirtschaft bis ins nächste Jahr ein massives Problem zu.
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Der Dauerstress der Lieferketten, der mit Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ihren Anfang nahm und durch den russischen Angriffskrieg verschärft wurde entwickelt sich zu einer historischen Lieferkrise, die auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutiert wurde. „Im Vorjahr war ich noch optimistischer“, sagte der CEO von Intel, Pat Gelsinger auf der Panel-Diskussion in der Schweiz. „Ich bin noch im Vorjahr davon ausgegangen, dass wir 2023 schon ein Gleichgewicht bei der Versorgung mit Halbleitern sehen. Aber tatsächlich sind wir erst auf dem halben Weg.“
Der Grund für diesen doch eher pessimistischen Outlook sind Lieferkettenschwierigkeiten für die Fabriken der Halbleiterhersteller. Chipfabriken werden weltweit – auch in Europa – projektiert und gebaut. Doch viele Komponenten und Maschinen für die Produktionslinien seien derzeit, so Pat Gelsinger, einfach nicht in der Planzeit verfügbar.
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Auch Andrea Fuder, Einkaufschefin beim schwedischen Lkw- und Baumaschinenhersteller Volvo bleibt weiterhin kritisch, was die Lieferkettenschwierigkeiten angeht: „Ich hoffe wirklich, dass das, was wir derzeit sehen nicht der neue Normalzustand ist [...] Aber selbst, wenn wir in den nächsten zwölf bis 24 Monaten wieder einigermaßen zur Normalsituation zurückfinden, wird es noch Jahre dauern, bis die Lieferketten wieder über genügend Puffer verfügen." Bei Volvo fehlen derzeit wie in der gesamten Automobilindustrie Chips für die Herstellung von Lastwägen.
INDUSTRIEMAGAZIN NEWS hat zu diesem Thema mit Dr. Monika Köppl-Turyna, Ökonomin und Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, gesprochen. Sie wird auch am INDUSTRIEKONGRESS am 23. Juni mit weiteren hochrangigen Expert:innen über dieses und weitere Themen, die die Industrie derzeit besonders beschäftigen, diskutieren.
Warum die Ökonomin den Umstieg auf kürzere Lieferketten für einen Fehler hält und von einer Deglobalisierung der Pproduktion abrät. Und warum sie der Meinung ist, Österreich solle auf die Position des "Brückenbauers" bestehen, erfahren Sie hier im Video:
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