Beratung : Deloitte Österreich-CEO: "Die Lage wird sich weiter zuspitzen"
v.l.n.r: Herbert Kovar, Harald Breit, Deloitte Austria bei der Präsentation des Deloitte Radar: Schon jetzt ist laut Umfrage jedes zweite Unternehmen vom Krieg im Nahen Osten direkt betroffen
- © Niklas SchnaubeltZum zwölften Mal wurde im Rahmen des Deloitte Radar die internationale Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Wirtschaftsstandorts untersucht. Neben der Befragung von rund 600 Top-Führungskräften wurden auch die wichtigsten globalen Indizes analysiert.
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Dabei zeigt sich ein alarmierendes Bild: Die geopolitischen Spannungen, hohen Energie- und Finanzierungskosten sowie die schwache Konjunktur belasten die österreichischen Unternehmen. Der Wirtschaftsstandort kämpfte bereits in den vergangenen Jahren mit einem stetigen Abwärtstrend, jetzt spitzt sich die Lage weiter zu.
Zölle verändern alles: Warum Freihandel für Unternehmen trotzdem alternativlos bleibt
„Österreichs Wirtschaftsstandort schafft es seit Jahren nicht aus dem Krisenmodus. Im Gegenteil: Im aktuellen Wettbewerbsranking des IMD erreichen wir erneut nur den 26. Platz und verharren deutlich hinter vergleichbaren europäischen Ländern wie der Schweiz, Dänemark oder Schweden“, analysiert Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich. „Es braucht eine offene und schonungslose Bestandsaufnahme sowie den politischen Willen, tiefgreifende strukturelle Reformen durchzusetzen. Denn eines ist sicher: Die Lage wird sich weiter zuspitzen – immerhin nimmt die Energiekrise in Folge des Iran-Kriegs gerade erst Fahrt auf.“
Stimmung am Tiefpunkt
Schon jetzt ist laut der Umfrage jedes zweite Unternehmen vom Krieg im Nahen Osten direkt betroffen. Sechs von zehn Unternehmen erwarten negative Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit. Darüber hinaus beklagen 61 % die hohen Energiekosten.
Es verwundert also nicht, dass angesichts dieser Erwartungen die Stimmung am Standort am Tiefpunkt ist. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, die Stimmung als negativ oder sogar sehr negativ wahrzunehmen, während nur eine Minderheit von 14 % die Stimmung positiv sieht. Ähnlich düster ist der Ausblick auf die nächsten Monate.
Bürokratie und Steuerpolitik als größte Schwachstellen
Die österreichischen Führungskräfte empfinden vor allem die überbordende Bürokratie (58 %), die allgemeine Unsicherheit (53 %) und die hohen Steuern und Abgaben (37 %) als besonders problematisch. Im IMD-Ranking belegt die österreichische Steuerpolitik aktuell nur Platz 64 von 69 Ländern – damit zählt Österreich auch im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern.
„Der Bürokratiedschungel und die Steuerpolitik werden als die größten Belastungsfaktoren wahrgenommen, das ist ein Warnsignal. Wir riskieren damit die breite Abwanderung von Unternehmen ins Ausland – und eine Zunahme der Insolvenzen. Es droht ein weiterer Verlust der Wettbewerbsfähigkeit“, warnt Herbert Kovar, Managing Partner im Bereich Tax & Legal bei Deloitte Österreich.
Entgegenwirken kann man der Problematik laut den befragten Führungskräften vor allem mit der Sanierung des Staatshaushaltes, Investitionsförderungen und der Schaffung erhöhter Rechtssicherheit für eine bessere Planbarkeit von Investitionen. Außerdem braucht es eine Kostensenkung: „Die Senkung der Lohnnebenkosten wird seit Jahren gefordert, nun will die Regierung hier einen ersten Schritt im nächsten Budget setzen. Aber es braucht mehr: Eine Senkung um drei Prozentpunkte bis 2028 mit klarer Gegenfinanzierung, etwa durch Effizienzsteigerungen im Staat und wachstumsbedingte Mehreinnahmen, ist notwendig“, appelliert Herbert Kovar.
Arbeitsmarkt zunehmend unter Druck
Neben der Steuerpolitik gilt auch der Arbeitsmarkt als Sorgenkind. Jedes fünfte Unternehmen (20 %) beurteilt die Verfügbarkeit von Fachkräften als schlecht, über ein Viertel (27 %) gibt dem Standort bei den Personalkosten schlechte Noten. Auch bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmender gibt es Luft nach oben: 20 % vergeben hier nur ein „Genügend“ oder „Nicht genügend“.
„Der österreichische Arbeitsmarkt steht seit Jahren unter Druck. Was es jetzt braucht, sind attraktivere Rahmenbedingungen für ältere Arbeitnehmende, die Attraktivierung von Vollzeitbeschäftigung und das aktive Werben um Fachkräfte im internationalen Umfeld“, erklärt Herbert Kovar.
Harald Breit fasst abschließend zusammen: „Echter Fortschritt wird ohne spürbare Einschnitte und echte Reformen nicht gelingen. Wir sehen vor allem in diesen fünf Bereichen Handlungsbedarf: weitere Senkung der Lohnnebenkosten, bessere Nutzung der Potenziale am Arbeitsmarkt, Bürokratieabbau, Absicherung des Pensionssystems und Ausbau von erneuerbaren Energien. Wenn wir jetzt nicht ins Handeln kommen, wird der Standort weiter an Boden verlieren – das können wir uns nicht mehr leisten.“