Personal : Personaldienstleisterin Kern: „Das große Austauschen hat begonnen“

Bettina Kern, KERN engineering carrers

Bettina Kern, KERN engineering careers: "Social Skills werden wichtiger, egal inwelchem Beruf"

- © Wolm/KERN engineering careers

INDUSTRIEMAGAZIN: Frau Kern, trotz Rezession ist der Bewerbermarkt stark in Bewegung. Was passiert hier gerade? 

Bettina Kern: Ich habe schon sehr viele Bewegungen am Arbeitsmarkt gesehen, aber das ist eine ganz neue Dynamik. Sehr viele Unternehmen bauen Mitarbeiter in einem Bereich ab, wo wir jahrelang versucht haben geeignete Mitarbeiter zu finden, nämlich in der IT. Wir merken auch, dass Unternehmen wenig neue Mitarbeiter aufnehmen, aber viele austauschen. 

Was ist hier der Hintergrund?

Kern: In der Zeit um oder nach Corona gab es einen unglaublichen Fachkräftemangel. Viele Unternehmen haben dabei auch oft Menschen eingestellt, die nicht zu 100 Prozent passen. In diesem Jahr ist nun das große Austauschen losgegangen. Hier spielt auch ein Thema mit, das ich immer wieder betone: „Hiring for Attitude“. Ich skizziere das mit einem Beispiel: Ein Unternehmen sucht und findet einen gut qualifizierten Mitarbeiter, der aber etwa SAP noch nicht beherrscht, und lehnt ihn ab. 


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Allerdings kann ich jemandem SAP-Wissen beibringen, aber die Haltung, die Einstellung, die jemand mitbringt, kann ich ihm nicht beibringen. Der Austausch von Mitarbeitern hat aber auch häufig Performance-Gründe. Leistung und Performance werden wieder sehr viel wichtiger. Denn: Wie viele Menschen hören Sie jetzt noch von der 30-Stunden-Woche sprechen? Dazu ist es wieder sehr ruhig geworden.

Der Wunsch nach Flexibilität und Work-Life-Balance ist bei Bewerbern aber immer noch vorhanden. Wie kann man das mit der erforderten Leistungsbereitschaft unter einen Hut bekommen?

Kern: Ich glaube, wir müssen in Österreich und Gesamt-Europa wieder lernen, dass man nicht alles haben kann. Der klassische Österreicher wünscht sich einen 30-Stunden-Job, der toll bezahlt ist, und mit dem er sich das Häuschen am Stadtrand leisten kann. Dazu kommt noch sehr viel on top. Wir machen die Work-Life-Balance mittlerweile zu einer Life-Work-Balance. Wenn ich aber etwas wirklich gerne mache und in meinem Job aufgehe, dann brauche ich nicht so viel Life-Balance, um ihn auszuhalten. Da sind wir in den letzten Jahren ein bisschen in die falsche Richtung abgebogen und haben begonnen, Arbeit per se als etwas Negatives zu sehen. 

Ich habe etwa vor einigen Wochen eine junge Frau interviewt, die seit vielen Jahren für Inkassobüros arbeitet und viele Wechsel hat. Ihr Argument war, dass es einfach keine spannende Tätigkeit sei, sie aber nicht weiß, was sie sonst machen soll. Ich habe sie nach Freizeitaktivitäten gefragt und siehe da – sie ist grafisch sehr begabt. Allerdings kann sie sich nicht umschulen lassen, da sie es sich nicht leisten kann. Wir fördern alles Mögliche in Österreich, aber hier gibt es Optimierungsbedarf. Denn wenn Menschen ihre Talente in ihre Arbeit einbringen können, arbeiten sie gerne und die Frage der Work-Life-Balance stellt sich gar nicht mehr.

"Wir brauchen nicht die Schönwetter-Führungskräfte, sondern solche, die auch durch stürmische Zeiten navigieren können." 
Bettina Kern, Gründerin und Co-Geschäftsführerin, KERN engineering careers

- © © Wolm/KERN engineering careers

Was sind derzeit Positionen oder Qualifikationen, die besonders nachgefragt werden?

Kern: Nach wie vor werden Führungskräfte stark nachgefragt, denn auch Führungskräfte werden ausgetauscht. Projektmanagement ist nach wie vor auch sehr gefragt. In der IT sind es die Themen Cybersecurity und spezielle KI-Positionen. In der Technik sind es auch wieder Spezialisten, die man nicht einfach durch KI ersetzen kann, weil es wichtig ist, dass die Menschen vor Ort etwa eine Maschine in Betrieb nehmen. Vor allem in der Elektrotechnik gibt es immer eine hohe Nachfrage.

Was sind die größten Herausforderungen für Industrieunternehmen, Fachkräfte zu finden und vor allem zu halten?

Kern: Ein sehr wichtiger Punkt, denr oft unterschätzt wird, ist Kommunikation. Vor allem auch Krisenkommunikation. Wir brauchen nicht die Schönwetter-Führungskräfte, sondern solche, die auch durch stürmische Zeiten navigieren können, die sich auch trauen, Mitarbeitern Grenzen und Regeln zu geben und viel Vertrauen zu vermitteln.  Soziale Fähigkeiten werden immer wichtiger. 

Sie sehen hohe Belastungen für Unternehmen. Wo gibt es hier den größten Handlungsbedarf?

Kern: Wir brauchen, um uns das leisten zu können, was wir über die vergangenen Jahre in der sozialen Marktwirtschaft gewohnt waren, gestärkte Unternehmen, die nicht ins Ausland abwandern wollen und es sich leisten können, hier zu produzieren. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Dafür bräuchte es dringend eine Entlastung seitens der Politik, und das hat viele Jahre auch gut funktioniert. Hier würde ich gern den Gewerkschafter Anton Benja zitieren: ‚Die Kuh, die du melkst, musst du füttern.‘ Und dass ich einen Gewerkschafter zitiere, heißt etwas (lacht).

Der Fachkräftemangel ist derzeit nicht mehr so dominant wie noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig zeigt die demografische Entwicklung, dass Arbeitskräfte langfristig wieder knapper werden. Wird das noch zu einem großen Problem?

Kern: Vor einem halben Jahr hätte ich das zu 100 Prozent unterschrieben. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, weil die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sehr schnell voranschreitet. Es wird Jobs geben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Gleichzeitig wissen wir nicht, welche Prozesse und Tätigkeiten KI ersetzen wird. Es wird auch darauf ankommen, wie sich der Unternehmensstandort entwickelt: Wie viele Unternehmen werden abwandern, wie viele bleiben in Europa? Deshalb hadere ich damit zu sagen: Ja, der Fachkräftemangel wird noch zu einem großen Problem. Das hat sich für mich im letzten halben Jahr verändert, weil ich selbst gesehen habe, wie viel in kurzer Zeit mit KI ersetzbar ist.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass mit älteren Mitarbeitern viel Wissen aus den Unternehmen verschwindet. Beobachten Sie das bereits?

Kern: Ja, das ist sicher ein großes Thema. Ich bekomme sehr viele Bewerbungen von Menschen über 50. Man merkt, dass viele Unternehmen die aus ihrer Sicht teuren Kräfte abgebaut haben. Das könnte zu einem Wissensverlust für Unternehmen werden. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die Pensionisten zurückholen, weil sie dieses Wissen brauchen.

Wenn wir auf die kommenden Jahre schauen: Was wird für Industrieunternehmen am Arbeitsmarkt zur größten Herausforderung?

Kern: Eine große Herausforderung für uns alle, nicht nur für Industrieunternehmen, wird die Frage sein: Welche Mitarbeiter werden wir künftig brauchen, welche Skills und welche Ausbildungszweige brauchen wir? Sicher ist, dass wir das Handwerk und damit auch die Lehrberufe wieder stärker fördern müssen. Grundsätzlich müssen sich Unternehmen auch wieder trauen zu investieren. Sie müssen wieder das Gefühl von Sicherheit bekommen, dass Österreich ein guter Standort ist und man ihn auch weiter betreiben will. Österreich muss vor allem ein leistbarer Standort sein. Nur dann passieren Investitionen, und dann stellt man auch wieder neue Mitarbeiter ein. Welche Skills dann gefragt sein werden, wird man sehen. Was sich über die vergangenen Jahre bereits gezeigt hat, ist, dass Social Skills immer wichtiger werden – egal in welchem Beruf.

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