Deloitte : Deloitte-Partner: „Wir müssen die Elefantenthemen angehen“
„Österreich hat auch strukturell seine Hausaufgaben in den letzten Jahren nicht gemacht.“
Herbert Kovar, Partner und Leiter des Bereiches Tax & Legal, Deloitte
INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Kovar, Sie bezeichnen das österreichische Steuersystem als „Bremsklotz für die Wettbewerbsfähigkeit“. Liegt das an der Steuerhöhe, der Komplexität oder der fehlenden Planbarkeit?
Herbert Kovar: Es ist die Kombination aus allen dreien. Ein guter Standort muss Talente, Unternehmer und Kapital anziehen. Österreich belastet alle drei Faktoren hoch. Bei Arbeitskräften zählt, wie viel Netto vom Brutto bleibt.
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Neue Geschäftsmodelle wiederum brauchen Kapital und Unternehmer, die Risiko eingehen. Dazu kommt fehlende Planbarkeit: Unternehmen investieren über viele Jahre, nicht über eine Legislaturperiode.
63 Prozent der Unternehmen sehen laut dem Deloitte Austrian Tax Survey 2026 hohe Steuern und Abgaben, 54 Prozent Bürokratie als größere Standortgefahren als die geopolitische Weltlage. Ist das Problem hausgemacht?
Kovar: Zu einem erheblichen Teil ja. Die vielen parallelen Krisen, von geopolitischen Konflikten bis zu hohen Energiepreisen, belasten. Aber Österreich hat auch strukturell seine Hausaufgaben in den letzten Jahren nicht gemacht. Das Steuersystem, die Effizienz des Standortes und die grundlegenden Standortbedingungen können wir selbst beeinflussen.
Welche Belastungen könnte die Politik rasch verändern?
Kovar: Am ehesten die Höhe der Lohnabgaben. Da gab es bereits eine erste Reduktion, aber es muss mehr passieren. Niedrigere Lohnabgaben können Beschäftigung und Wirtschaftstätigkeit stimulieren. Ein weiterer Hebel sind bessere steuerliche Bedingungen für Risikokapital, damit neue Geschäftsmodelle in Österreich entstehen können.
Nur drei Prozent der Befragten glauben, dass bei der Budgetkonsolidierung die richtigen steuerlichen Maßnahmen gesetzt wurden. Was läuft falsch?
Kovar: Wir reden viel zu viel über kleine Maßnahmen. Selbst 50 oder 100 Millionen Euro lösen die strukturellen Probleme nicht. Es geht um Milliarden. Deshalb müssen wir die Elefantenthemen angehen: Pensionen, Gesundheit und Pflege. An einer Pensionsreform werden wir nicht vorbeikommen. Je länger wir warten, desto schmerzhafter wird es.
Wie passen Milliardenkonsolidierung und die Forderung nach niedrigeren Abgaben zusammen?
Kovar: Auf den ersten Blick mag das wie ein Widerspruch wirken. Aber der Schlüssel sind Strukturreformen. Wenn grundlegende Reformen vorgenommen werden, werden auch Mittel für Abgabensenkungen frei. Gleichzeitig können niedrigere Abgaben wirtschaftliche Aktivität stimulieren. Mehr Beschäftigung, Investitionen und unternehmerische Aktivität bedeuten mehr Wirtschaftsleistung und damit auch mehr Einnahmen.
85 Prozent nennen Bürokratieabbau als wichtigen Hebel. Welche steuerlichen Verfahren würden Sie konkret vereinfachen oder digitalisieren?
Kovar: Die Finanzverwaltung ist bei der Digitalisierung bereits recht gut aufgestellt, etwa mit FinanzOnline. Größeres Potenzial sehe ich in anderen Verwaltungsbereichen. Digitalisierung und KI können dabei helfen, Prozesse zu verschlanken und damit auch die Pensionierungswelle der nächsten Jahre abzufedern. Im Steuerbereich würde oft schon klassische Digitalisierung mit der Automatisierung von einfachen Aufgaben eine viel höhere Effizienz bringen.
Mehr als die Hälfte der Unternehmen sieht Diskussionen über neue Steuern als Unsicherheitsfaktor. Ist fehlende Verlässlichkeit inzwischen gefährlicher als die Steuerhöhe?
Kovar: Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Problematisch ist die toxische Gemengelage aus hoher Belastung und fehlender Verlässlichkeit. Mit Unklarheiten müssen danach Finanzverwaltung und Steuerpflichtige umgehen.
Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit mit der Finanzverwaltung überwiegend positiv bewertet. Liegt das Problem also eher beim Gesetzgeber?
Kovar: Die Finanzverwaltung bemüht sich, die Vorgaben umzusetzen. Das Problem beginnt häufig vorher, bei Qualität und Ausgestaltung der Gesetze. Sind Regelungen widersprüchlich oder nicht ausreichend durchdacht, entstehen in der Anwendung Interpretationsfragen, mit denen sich dann sowohl die Verwaltung als auch die Unternehmen herumschlagen müssen.
Reichen niedrigere Lohnabgaben und Steuererleichterungen noch aus, um Kapital anzuziehen – angesichts von Energiepreisen, Fachkräftemangel und Regulierung?
Kovar: Energiepreise sind ein Nachteil, aber kein österreichisches Alleinstellungsmerkmal. Deshalb müssen wir dort ansetzen, wo wir Gestaltungsspielraum haben: bei Abgaben, Effizienz und der Attraktivität für Talente, Unternehmer und Kapital.
Nur 17 Prozent bewerten den Standort noch mit „Gut“. Wann wird daraus ein Investitionsstopp oder eine Verlagerung?
Kovar: Die große Abwanderungswelle sehe ich noch nicht, wobei die Betonung auf „noch“ liegt. Was öffentlich sichtbar wird, ist allerdings auch nur die Spitze des Eisbergs. Bei Tätigkeiten, die nicht zwingend in Österreich erbracht werden müssen, wird der Standort von den Unternehmen bereits sehr genau hinterfragt.
Muss Steuerpolitik offensiver als Instrument der Standortpolitik eingesetzt werden?
Kovar: Österreich kann globale Energiepreise oder geopolitische Entwicklungen nur begrenzt beeinflussen. Umso wichtiger ist es, die eigenen Hausaufgaben zu machen. Steuerpolitik muss auch dazu beitragen, wirtschaftliche Aktivität zu ermöglichen – und nicht unnötig zu erschweren.
Rund jedes zweite Unternehmen setzt laut Studie bereits KI in der Steuerfunktion ein. Wird KI das Steuerrecht einfacher machen?
Kovar: Für vieles braucht man zunächst gar keine KI. Steuerrecht folgt häufig dem Prinzip: Tatbestand und daran geknüpfte Rechtsfolge. Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen kann wie bereits erwähnt grundsätzlich Dinge vereinfachen und effizienter machen. Bei komplexeren Fällen kann KI zusätzlich sinnvoll sein – da wird man sehen, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Eines ist klar: Die Digitalisierung wird in den nächsten Jahren mit Hochdruck fortschreiten und auch den Steuerbereich verändern.
Zum Abschluss eine sehr grundlegende Frage: Wie müsste eine Pensionsreform aussehen?
Kovar: Man könnte stärker danach gehen, was eine Person über ihr Erwerbsleben hinweg tatsächlich eingezahlt hat. Daraus ließe sich versicherungsmathematisch ableiten, welche Pension zu welchem Zeitpunkt möglich ist. Wer früh zu arbeiten begonnen hat, könnte früher in Pension gehen, wer länger arbeiten möchte, hätte einen entsprechenden Anreiz. Das wäre flexibler als immer neue Sonderregeln. Auch hier gilt: Es braucht mehr Vereinfachung.
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