Anlagenbau : Anlagenbauer Christof: "Eine positive Bilanz ist der Schlüssel zu Finanzierungsspielräumen"
Anlagenbauer Johann Christof: Allein mit dem einen deutschen Player aus der Elektronikindustrie verhandle Christof Industries derzeit über Rahmenverträge in einer Größenordnung von bis zu 140 Millionen Euro, verteilt über fünf Jahre
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Johann Christof ist auf Achse. Ende April pendelt der Eigentümer und Geschäftsführer von Christof Industries zwischen England und dem Nahen Osten. Diese Reiseroute ist mehr als eine Randnotiz. Sie beschreibt ziemlich genau jene Achsen, entlang derer sich das Unternehmen derzeit neu positioniert: in Europas Energieinfrastruktur, im britischen Markt und in Zukunftsprojekten in den Golfstaaten.
In Großbritannien arbeitet Christof Industries derzeit an zwei laufenden Projekten. Parallel dazu führt das Unternehmen intensive Gespräche mit einem deutschen Elektronikkonzern über den Ausbau der Netzinfrastruktur. Christof beschreibt den Bedarf als enorm. Ähnlich sei die Lage auch in Kontinentaleuropa: Sowohl Mittel- als auch Hochspannungsnetze würden massiv ausgebaut. Gleichzeitig werde in Großbritannien wie in Europa verstärkt über Investitionen in Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke diskutiert.
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Treiber dafür sei der stark steigende Energiebedarf durch Rechenzentren und Anwendungen rund um Künstliche Intelligenz. Allein in Deutschland seien zehn bis 12 Gigawatt an neuen Kapazitäten im Gespräch. Für Christof Industries bedeutet das ein wachsendes Geschäftsfeld in der Umsetzung, Inbetriebnahme sowie in Service und Wartung von Anlagen.
Das Unternehmen baut die Präsenz in Europa aus. In Frankreich läuft ein Projekt, in Irland soll im Sommer ein weiteres starten. Christof spricht von einem „großen Potenzial“, mit dem man sich in die Zukunft hineinbewegen könne. Allein mit dem einen deutschen Player aus der Elektronikindustrie verhandle Christof Industries derzeit über Rahmenverträge in einer Größenordnung von bis zu 140 Millionen Euro, verteilt über fünf Jahre. Dazu kämen weitere potenzielle Auftraggeber.
Diese visionären Projekte verfolgt Christof Industries im Nahen Osten
Während das europäische Geschäft die Basis liefern soll, blickt Christof im Nahen Osten auf Projekte, die visionärer angelegt sind. Das Unternehmen ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Saudi-Arabien und gemeinsam mit einem omanischen Partner aktiv. Trotz der geopolitischen Spannungen in der Region schildert Christof die operative Lage als stabil. Die Industrie habe sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt, die eigenen Investments lägen im Zeitplan, größere Einschränkungen gebe es kaum. Er spricht sogar davon, dass die erste Ausbaustufe eines Food-Security-Investments in der Wüste mit staatlicher Unterstützung im September planmäßig hochfahren solle, während die nächste Ausbaustufe bereits begonnen habe.
Der Inhalt dieses Projekts zeigt, worauf Christof im Nahen Osten setzt: technologische Lösungen für Versorgungssicherheit, Wasserknappheit und Dekarbonisierung.
In einem Teilprojekt wird aus organischem Abfall über Fliegenlarvenzucht ein hochwertiges Protein erzeugt, das etwa für Fisch- oder Hühnerzucht verwendet werden kann. Zusätzlich hat das Unternehmen einen organischen Dünger sowie ein Zellulose-Granulat entwickelt, das nach Christofs Darstellung bis zu 80 Prozent Wasser einsparen kann.
Kleine Zellulosekügelchen speichern Wasser, quellen auf und geben die Feuchtigkeit nur dann ab, wenn Pflanzen sie benötigen. Die Pflanzen sollen zunächst in vertikalen Türmen gezogen und anschließend in der Wüste ausgebracht werden. Mit dem Gesamtinvestment, das Christof mit mehr als 300 Millionen beziffert, ließe sich nach seiner Darstellung erst rund ein Prozent des Lebensmittelbedarfs der Vereinigten Arabischen Emirate decken – bei Produkten wie Tomaten, Paprika, Getreide oder Baumwolle.
Hinzu kommt ein weiteres Zukunftsprojekt: In der Wüste entwickelt Christof Industries ein Algenzuchtprogramm. Ziel ist es, Algenöl als Rohstoff für HVO und Sustainable Aviation Fuel zu erzeugen. Verschiedene Stämme würden bereits in Großbecken gezüchtet, bis Jahresende solle die Entscheidung fallen, mit welchen Stämmen man in die finale Phase gehe.
Das klassische Industriegeschäft in Europa soll also die Grundlage schaffen, um in Nachhaltigkeits- und Dekarbonisierungslösungen investieren zu können. Kurzfristig Geld einspielende Projekte und visionäre Entwicklungen seien kein Widerspruch, sondern müssten miteinander kombiniert werden. Im Nahen Osten werde ein Teil dieser Investitionen zudem von staatlichen Stellen, Family Offices und privaten Partnern mitgetragen. Das reduziere "den Eigenmittelbedarf", sagt Christof.
Aus der Sicht von Christof hat die EU zentrale industriepolitische Versäumnisse zu verantworten. Europa habe über Jahrzehnte versucht, Erträge zu optimieren, Kapazitäten auszulagern und Abhängigkeiten in Kauf zu nehmen. "Heute wundert man sich darüber, wie stark man bei Energie, Rohstoffen und industriellen Vorprodukten von anderen Regionen abhängig ist", sagt Christof. Europa müsse wieder stärker „back to the roots“, also Ressourcen, industrielle Kapazitäten und ein Stück Unabhängigkeit zurückholen. Europa könne noch auf Jahrzehnte nicht auf Oil and Gas verzichten.
Krisen haben Spuren im Unternehmen hinterlassen
Rumänien nennt er als Beispiel für ein Land, das handle: Dort werde im Schwarzmeerprojekt ebenso investiert wie in Onshore-Förderung. Statt nur stillzulegen, würden einzelne Felder wegen der Energieknappheit wieder reaktiviert. "Die europäische Koordination" hinke dagegen "hinterher", sagt er.
Für Christof Industries selbst ist diese Gemengelage eng mit der eigenen Sanierungsgeschichte verknüpft. Die vergangenen Jahre seien schwierig gewesen, sagt Christof. Zuerst Covid, dann der Russland-Ukraine-Krieg – das habe massive Spuren hinterlassen. Das Unternehmen habe es aber geschafft, sich aus der Krise herauszuarbeiten.
Vollständig abgeschlossen sei der Prozess noch nicht, doch Christof spricht von einem guten Weg. Zentral für den nächsten Schritt sei nun eine positive Bilanz, damit der Bankensektor das Unternehmen wieder stärker unterstütze. Sie ist der Schlüssel zu Finanzierungsspielräumen für weiteres Wachstum.
Für 2026 bestehe laut Christof bereits ein positiverer Ausblick. Der Auftragseingang in Europa sei gut. Er nennt einen großen Batteriespeicher-Auftrag sowie ein umfangreiches Projekt in Rumänien. Dort geht es um stillzulegende oder teils wieder zu reaktivierende Wells: Equipment soll ausgebaut, das Umfeld dekontaminiert und Bohrlöcher dauerhaft verschlossen werden – beziehungsweise dort, wo es die Versorgungslage verlangt, wieder in Betrieb genommen werden.
Noch dominiert Europa das Kerngeschäft. Nach Christofs Einschätzung entfallen derzeit rund 70 Prozent auf Festlandeuropa, Rumänien und die anlaufenden Projekte in Großbritannien. Mittel- bis längerfristig rechnet er jedoch damit, dass Entwicklungen aus dem Nahen Osten nach Europa „überschwappen“ werden. Viele der dort eingesetzten oder entwickelten Lösungen seien in Österreich, Deutschland und Europa entstanden. Dass sie zunächst im Nahen Osten skaliert würden, sei auch eine Folge europäischer Restriktionen und Bürokratie.