Lieferketten-Engpässe Österreich : Lieferketten: Wie schnell Österreich die Milch ausgehen könnte
Wenn eine Molkerei kein Erdgas mehr bekommt, kann sie ihre Milch nicht mehr pasteurisieren. Fehlt der Strom, stehen Kühlung und Melkmaschinen still. Und weil Frischmilch nur begrenzt haltbar ist, lässt sich ein längerer Ausfall nicht einfach mit großen Lagerbeständen überbrücken.
Wie schnell das für die Versorgung zum Problem werden könnte, hat Fraunhofer Austria im Forschungsprojekt MERCURIUS untersucht. „Weil kaum Puffer vorhanden ist, würde man einen längeren Ausfall im Handel innerhalb weniger Tage merken“, sagt Sebastian Uhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Logistikzentren und Netzwerkplanung bei Fraunhofer Austria. Einen Gasausfall hat das Forschungsteam allerdings nicht eigens simuliert. Die Einschätzung beruht auf den untersuchten Abhängigkeiten in der Lieferkette.
In einem anderen Szenario, einem großflächigen Stromausfall, zeigten sich die Folgen noch schneller. Bereits nach weniger als 24 Stunden entstehen laut Uhl erhebliche Verluste bei landwirtschaftlichen Betrieben und Molkereien.
Milch, Seife und Toilettenpapier unter der Lupe
Im inzwischen abgeschlossenen Forschungsprojekt haben Fraunhofer Austria und sieben weitere Partner unter der Leitung des Austrian Institute of Technology (AIT) untersucht, wie krisenfest die Versorgung Österreichs mit wichtigen Alltagsprodukten ist und haben exemplarisch die Lieferketten von Milch, Seife und Toilettenpapier untersucht.
Fraunhofer Austria zeichnete ihre einzelnen Produktions- und Versorgungsschritte nach und überprüfte die Modelle gemeinsam mit Fachleuten aus der Praxis. Beteiligt waren unter anderem Expertinnen und Experten der Unternehmen Lely, Henkel und Essity.
Die Forschenden arbeiteten dabei nicht mit laufend aktualisierten Unternehmensdaten, sondern mit abstrahierten Modellen auf Basis von Expertenwissen. Ziel war es, Abhängigkeiten sichtbar zu machen, die über einzelne Betriebe hinausreichen.
„Die Unternehmen selbst kennen ihre eigenen Abläufe sehr genau“, sagt Uhl. Schwieriger sei der Blick über die Unternehmensgrenzen hinweg. „Lieferketten werden meist aus der Sicht einzelner Firmen betrachtet, eine Gesamtsicht für ganz Österreich fehlt häufig.“
Wo ein Ausfall besonders große Folgen hätte
Die Untersuchung zeigt unterschiedliche Schwachstellen. Bei Milch ist die Versorgung mit Energie besonders kritisch. Bei Seife besteht eine Abhängigkeit von Palmöl, das zu einem großen Teil aus wenigen Ländern Südostasiens stammt. In der Toilettenpapierproduktion spielen neben Erdgas und Wasser auch Cyberangriffe auf die stark digitalisierten Produktions- und Logistikprozesse eine wichtige Rolle.
Dabei ist nicht jeder Ausfall automatisch ein Problem für die Versorgung des ganzen Landes. Fällt eine einzelne Molkerei aus, können andere Betriebe einen Teil der Produktion übernehmen. Schwieriger wird es, wenn viele Unternehmen gleichzeitig von derselben Störung betroffen sind, etwa durch einen großflächigen Energieausfall.
Für die Analyse wurden drei Szenarien untersucht: ein Blackout bei Milch, eine Handelsblockade mit Asien bei Seife und kriegerische Handlungen bei Toilettenpapier. Cyberangriffe und Wetterereignisse wurden im Bedrohungskatalog erfasst und bewertet, aber nicht als eigenständige Szenarien simuliert.
Wenn zusätzliche Produktion kaum möglich ist
Wie begrenzt die Ausweichmöglichkeiten im Krisenfall sein können, zeigt das Beispiel Toilettenpapier. Nach Angaben von Uhl laufen die Maschinen in manchen Betrieben bereits im Normalbetrieb rund um die Uhr unter voller Auslastung. Das heißt: Mehr produzieren lässt sich dann nur eingeschränkt. Größere Hersteller könnten beispielsweise auf spezielle Prägungen verzichten, das würde ihre Produktion um etwa zehn Prozent erhöhen.
Auch beim Transport gibt es Grenzen. Zusätzliche Warenmengen müssen nicht nur hergestellt, sondern auch ausgeliefert werden. Dafür braucht es verfügbare Fahrzeuge und Fahrer. Lenk- und Ruhezeiten begrenzen, wie kurzfristig sich Transportkapazitäten ausweiten lassen.
Selbst kurze Unterbrechungen können Folgen haben. Nach Angaben von Uhl dauert der Wiederanlauf einer betroffenen Produktion nach einem Stromausfall üblicherweise ein bis zwei Stunden. Anders als bei Frischmilch können Hersteller und Handel bei Seife und Toilettenpapier allerdings größere Vorräte anlegen. Solche Bestände helfen, kürzere Störungen zu überbrücken.
Ein Modell soll Abhängigkeiten sichtbar machen
Aus den Untersuchungen entstand ein digitales Analysewerkzeug. Fraunhofer Austria erarbeitete die Lieferkettenmodelle und einen Katalog möglicher Bedrohungen. Das AIT entwickelte darauf aufbauend ein Risikomodell, das rund 50 Einflussfaktoren auf neun Kennzahlen verdichtet, auch eine webbasierte Anwendung wurde umgesetzt. Damit lässt sich untersuchen, wie sich Störungen entlang einer Lieferkette auswirken könnten. Das Modell berücksichtigt nicht nur Risiken, sondern auch, wie gut die untersuchten Lieferketten mit Ausfällen umgehen können.
"MERCURIUS ist heute kein Frühwarnsystem, das automatisch Alarm schlägt. Es ist der Demonstrator eines Analysewerkzeugs für die Ministerien. Gedacht ist, dass dort geschulte Fachleute damit arbeiten und Entscheidungen vorbereiten. Bei Lebensmitteln kann der Landwirtschaftsminister im Krisenfall schon heute Lenkungsmaßnahmen anordnen, und mit der Novelle des Lebensmittelbewirtschaftungsgesetzes gibt es seit April zusätzliche Möglichkeiten, etwa bei der Bevorratung und bei der Nutzung von Daten für evidenzbasierte Entscheidungen. Offen ist aber, wie die Informationen zwischen Unternehmen, Handel und Behörden fließen und wer genau wann reagiert. Genau dafür empfehlen wir klare Zuständigkeiten und Abläufe. Unser Ziel ist außerdem, die Ergebnisse auch in die Wirtschaft zu bringen. Wer seine Abhängigkeiten kennt, kann gezielter vorsorgen, statt im Krisenfall ad hoc zu reagieren, und das hilft der
Versorgungssicherheit wie der Nachhaltigkeit", fasst Uhl zusammen.
So sind aus dem Projekt 24 Handlungsempfehlungen hervorgegangen. Sie richten sich vor allem an Ministerien, weil MERCURIUS die Versorgungssicherheit aus gesamtstaatlicher Sicht untersucht hat. Für Unternehmen lassen sich daraus dennoch Maßnahmen ableiten. Uhl nennt drei Bereiche: die Beschaffung auf mehrere Bezugsquellen verteilen, die Abhängigkeit von Erdgas und Netzstrom verringern und festlegen, wie im Krisenfall mit dem Personal umgegangen wird.
Gerade Veränderungen in der Energieversorgung bräuchten längere Vorlaufzeiten. Organisatorische Vorkehrungen für einen Krisenfall lassen sich dagegen vergleichsweise rasch treffen.