Europäische Cloud‑Souveränität : 8ra-Projekt enthüllt: Wie Europa mit Milliarden gegen AWS & Microsoft kontert
Im März 2024 kamen die Projektpartner zum europäischen Kick-off-Event in Brüssel zusammen, um die Zusammenarbeit zu koordinieren. Bei der zweiten Generalversammlung in Danzig, ein Jahr später, stellten die Beteiligten die erste Version der IPCEI-CIS Referenzarchitektur vor.
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Globale Lieferkettenrisiken, volatile Energiepreise und Fachkräftemangel setzen die europäische Fertigung unter Druck. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Cloud-Infrastrukturen aus den USA. Amazon Web Services verzeichnete 2024 einen Umsatz von über 107 Mrd. US-Dollar, der von Microsoft Azure lag bei geschätzten 55 Mrd. US-Dollar (genaue Zahlen gibt Microsoft nicht bekannt) und wächst jährlich um über 30 Prozent. Europäische Anbieter kommen zusammen nur auf etwa 15 Prozent des globalen Marktes.
Diese Dominanz birgt Risiken: So sperrte etwa Microsoft im Jahr 2025 aufgrund von US-Sanktionen die Outlook-Dienste für Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, einschließlich des Chefanklägers Karim Khan. Auch wenn Microsoft später zurückruderte, war dies ein Warnschuss, der deutlich zeigt, welche Macht außereuropäische Unternehmen haben, wenn es um die europäische Nutzung von Cloud-Lösungen geht.
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Milliardenprojekt IPCEI-CIS: Europas Cloud-Allianz formiert sich gegen die Abhängigkeit
Gegen diese Entwicklung stemmt sich seit Ende 2023 das IPCEI-CIS (Important Project of Common European Interest for Cloud Infrastructure and Services). 19 Unternehmen führen als direkte Partner eigene Projekte durch, darunter SAP, Siemens, Deutsche Telekom und Atos. Hinzu kommen rund 100 indirekte Partner. Insgesamt fließen 3,5 Milliarden Euro in die Entwicklung eines Multi-Provider Cloud-Edge-Kontinuums. Deutschland steuert bis zu 750 Millionen Euro bei.
Das Ziel: Eine dezentrale, föderierte Infrastruktur zu schaffen, die zentrale und periphere Rechenkapazitäten unterschiedlicher Akteure auf gemeinsamer technologischer Basis verbindet. Anbieterunabhängige Datenverarbeitung in Echtzeit soll über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg möglich werden.
Im März 2024 kamen die Projektpartner zum europäischen Kick-off-Event in Brüssel zusammen, um die Zusammenarbeit zu koordinieren. Bei der zweiten Generalversammlung in Danzig, ein Jahr später, stellten die Beteiligten die erste Version der IPCEI-CIS Referenzarchitektur vor.
Die Referenzarchitektur umfasst acht Kernebenen – von der Anwendungsschicht über Plattform- und Infrastruktur-Layer bis hin zu Sicherheit, Compliance und Nachhaltigkeit. Die Architektur soll als gemeinsame Blaupause dienen, um Stakeholder über Länder- und Branchengrenzen hinweg zu koordinieren.
8ra als Gamechanger: Europas Antwort auf die Cloud-Dominanz der Hyperscaler
Um die 19 Einzelprojekte des IPCEI-CIS unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen, riefen die Teilnehmer die 8ra-Initiative ins Leben. Der Name wird „Ora" ausgesprochen. Er leitet sich vom lateinischen Wort für Grenze, Ecke, Rand ab – eine Anspielung auf das Cloud-Edge-Kontinuum, bei dem Datenverarbeitung vom zentralen Rechenzentrum bis an den Rand des Netzwerks reicht.
8ra soll auch die Gaia-X Initiative ergänzen. „Das 8ra-Projekt stellt die sicheren Knoten zur Verfügung, während Gaia-X die Verbindungen dazwischen bereitstellt“, macht Christine Knackfuß-Nikolic, CTO von T-Systems die Beziehung zwischen den beiden Projekten transparent.
Österreich ist an 8ra lediglich indirekt über assoziierte Partner und den Gaia-X-Hub beteiligt. „Wir konzentrieren uns mit den begrenzten budgetären Mitteln, die wir für die IPCEI vorgesehen haben, auf andere thematische Gebiete", erklärt Michael Fälbl, Senior Projektmanager bei der Plattform Industrie 4.0.
SAPs Schlüsselrolle mit ApeiroRA
Dennoch bleibt Österreich durch den durchgängigen Open-Source-Ansatz von 8ra nicht vom Projekt ausgeschlossen. Eine zentrale Rolle spielt dabei SAP. Der Walldorfer Softwarekonzern fungiert als Lead Partner für das Projekt ApeiroRA und erhält hierfür rund 325 Millionen Euro Förderung – die höchste Einzelförderung im deutschen Teilprogramm. Die Projektlaufzeit erstreckt sich von Februar 2023 bis Dezember 2027.
ApeiroRA entwickelt einen Referenzentwurf für eine offene, flexible und sichere Cloud-Edge-Infrastruktur der nächsten Generation. Der Ansatz setzt konsequent auf Open Source und fördert Interoperabilität durch offene Standards wie Kubernetes und OpenStack, um eine möglichst hohe Portabilität von Anwendungen im Sinne von „write once, run anywhere“ zu ermöglichen.
Ende März 2025 wurde unter maßgeblicher Beteiligung von SAP die NeoNephos Foundation ins Leben gerufen. Die neutrale Stiftung ist bei der Linux Foundation Europe angesiedelt und soll eine langfristige, branchenübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen sowie die Open-Source-Entwicklung des Cloud-Edge-Kontinuums koordinieren. Die Gründungsmitglieder umfassen neben SAP unter anderem Deutsche Telekom, STACKIT, CLYSO, Cyberus Technology und 23 Technologies.
Cloud Roaming nach dem Mobilfunk-Prinzip
Ein zentrales Konzept der 8ra-Initiative ist das Cloud Roaming. Analog zum Mobilfunk-Roaming sollen Workloads, Daten und Services automatisch zwischen Cloud- und Edge-Knoten verschiedener Anbieter wechseln können – ohne Neukonfiguration und ohne Vendor-Lock-in.
Die Funktionsweise orientiert sich am bekannten Modell: Wie beim Handy-Roaming schaltet das System automatisch zu einem anderen Provider-Netz um, wenn Grenzen überschritten werden. Ein Maschinenbauer mit Werken in Deutschland, Österreich und Italien könnte so Daten und Services reibungslos teilen, ohne Cloud-Wechsel oder technische Anpassungen.
„Mit 8ra verbessern wir nicht nur die Technologie, sondern beschleunigen die digitale Transformation Europas, indem wir die Zusammenarbeit zwischen europäischen Organisationen fördern und gemeinsam Innovationen vorantreiben", betont Emma Wehrwein, Projektleiterin von FACIS, einem der 8ra-Teilprojekte.
Bis 2030 sollen mindestens 10.000 Edge-Cloud-Knoten in Europa entstehen. Erste Prototypen zeigen die Machbarkeit: Die Open-Source-Plattform für Cloud- und Virtualisierungs-Management, OpenNebula demonstrierte bereits eine Cloud-Orchestrierung über sechs Länder hinweg.
KI trifft Edge: Wie 8ra die industrielle Produktion smarter macht
Industrielle KI-Anwendungen im Fokus
Besondere Bedeutung hat 8ra auch für das Boom-Thema KI. 8ra stellt die Infrastruktur bereit auf der industrielle Anwendungen – insbesondere KI-basierte Systeme – betrieben werden können. Das Cloud-Edge-Kontinuum ermöglicht es, rechenintensive Aufgaben dort zu verarbeiten, wo sie am effizientesten ablaufen: Zeitkritische Entscheidungen am Edge, komplexes Training in der Cloud.
Ein Beispiel: Bei der visuellen Qualitätskontrolle in der Fertigung analysieren Kameras Bauteile direkt an der Produktionslinie. Die KI-Modelle laufen auf Edge-Geräten und entscheiden in Millisekunden, ob ein Teil in Ordnung ist. Das Training dieser Modelle mit Daten aus mehreren Werken findet jedoch zentral in der Cloud statt. Hier greift das Cloud-Roaming: Die Daten können über Ländergrenzen hinweg zusammengeführt werden, ohne dass Unternehmen separate Verträge mit Providern in jedem Land abschließen müssen.
Ähnlich funktioniert es bei Predictive Maintenance: Sensordaten von Maschinen werden lokal am Edge vorverarbeitet, kritische Trends werden erkannt. Die aggregierten Daten fließen in die Cloud, wo sie mit Daten anderer Standorte verglichen werden können – datenschutzkonform und über das 8ra-Netzwerk geroutet.
Die 8ra-Infrastruktur ist dabei bewusst anwendungsneutral konzipiert. Sie dient als Plattform für verschiedenste Szenarien – von der Fertigung über Logistik bis hin zu Gesundheitsanwendungen.
Die Herausforderungen bleiben groß
Trotz beeindruckender öffentlicher Investitionen stehen die europäischen Initiativen vor erheblichen Herausforderungen. Selbst europäische Unternehmen und Behörden nutzen oft weiterhin AWS, Google Cloud oder Microsoft Azure – aus Gewohnheit, wegen bestehender Integrationen oder schlicht aufgrund des umfassenderen Funktionsangebots.
Die Koordination zahlreicher Akteure, technische Abstimmungen sowie Abhängigkeiten von nicht-europäischen Hardwarekomponenten bremsen den Fortschritt. Während die öffentlichen Mittel mit 3,5 Milliarden Euro substanziell erscheinen, investieren allein die großen US-Technologiekonzerne jährlich über 200 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung.
Ein kritischer Punkt bleibt die längerfristige Finanzierung jenseits der Förderperioden. Private Investoren zögern häufig, da der Return-on-Investment bei Infrastrukturprojekten langfristig und unsicher ist.
Ausblick: Additiv statt Ersatz
Die 8ra-Initiative zielt allerdings nicht auf einen Verdrängungswettbewerb mit Amazon &Co: „Alle Beteiligten sind sich bewusst, dass wir die Hyperscaler auch brauchen. 8ra ist ein komplementärer Ansatz, der Alternativen schafft“, stellt Christine Knackfuß-Nikolic klar.
Das System soll Resilienz und Unabhängigkeit dort bieten, wo sie notwendig sind – für souveräne Workloads oder wo es auf sicheren Datenaustausch ankommt. Hyperscaler bleiben an anderer Stelle weiterhin nutzbar. Wenn ein Worst-Szenario eintritt und ein Service abgeschaltet wird, sollen jedoch Alternativen zur Verfügung stehen.
Ob das Unterfangen erfolgreich sein wird, ist offen. Fälbl zeigt sich vorsichtig optimistisch: „ Wie die Technologien am Ende genutzt werden, wissen wird heute noch nicht. Aber das Vorhaben hat sehr viel Potential“. Und auch Ralf Pechmann, CEO bei Telekom MMS, glaubt an das Projekt „Im Rahmen von IPCEI-CIS wurden bisher zahlreiche Projekte genehmigt, die von der Grundlagenforschung bis zur konkreten Industrieanwendung reichen. Die enge Vernetzung von Kompetenzen von der Forschungseinrichtung über den Mittelstand bis zum Konzern sowie über Ländergrenzen hinweg sorgt dabei für ein hohes Entwicklungstempo und starkes Innovationsmoment. In spätestens einem Jahr dürften hier erste konkrete Erfolge zu verzeichnen sein."
Die kommenden zwei Jahre bis Ende 2027 entscheiden, ob Europa den Sprung von der digitalen Vision zur greifbaren Realität vollzieht. Der Erfolg hängt von konsequenter Koordination, pragmatischer Umsetzung und dem nachhaltigen Engagement aller Akteure ab. Die 8ra-Initiative hat das Fundament gelegt – nun muss die Transformation technischer Möglichkeiten in marktfähige, nutzerfreundliche Lösungen gelingen.