Nivea, Tesa und Co. : Nivea ist nur die Hälfte: Wie Beiersdorf heimlich Autos, Smartphones und Industrien verbindet
In der Produktion von Nivea: Beiersdorf macht Milliarden mit Hautpflege – und noch viel mehr im Hintergrund.
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Nivea und Beiersdorf gehören seit über einem Jahrhundert untrennbar zusammen. Die Marke hat Generationen begleitet und steht bis heute sinnbildlich für Hautpflege. Doch hinter der bekannten blauen Dose verbirgt sich ein Konzern, der weit mehr umfasst als Cremes und Lotionen. Zum Unternehmen gehören Marken wie Eucerin, Hansaplast und Labello – Produkte, die Wunden versorgen, Lippen schützen und Haut pflegen. Mit einem Umsatz von nahezu 10 Milliarden Euro, über 22.000 Mitarbeitenden und mehr als 170 Tochtergesellschaften weltweit ist Beiersdorf ein globaler Player.
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Gleichzeitig hat sich der Konzern längst ein zweites Standbein aufgebaut, das für viele unsichtbar bleibt: die Klebstoffsparte tesa. Ihre Produkte sind heute nahezu überall im Einsatz. In modernen Autos werden über 130 verschiedene tesa-Klebebänder verwendet, in Smartphones mehr als 70. Dabei erfüllen sie weit mehr als nur die Funktion des Verbindens – sie dämmen Geräusche, leiten Wärme, füllen Hohlräume oder schützen Batterien in Elektrofahrzeugen.
Während also Nivea täglich auf die Haut aufgetragen wird, sorgt ein anderer Teil desselben Unternehmens dafür, dass Autos, Smartphones und ganze Industrien zusammenhalten.
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Wie aus einer kleinen Apotheke ein globaler Konzern entstand
Die Geschichte von Beiersdorf beginnt im Jahr 1880 – nicht mit einer Creme, sondern mit einem Apotheker. Paul Carl Beiersdorf lässt sich in Hamburg nieder, kauft eine Apotheke nahe der St.-Michaelis-Kirche und richtet dort ein Labor ein. Gemeinsam mit dem Dermatologen Paul Gerson Unna entwickelt er medizinische Pflaster. Zwei Jahre später meldet er dafür ein Patent an – ein Datum, das heute als Geburtsstunde des Unternehmens gilt.
1890 übernimmt der Apotheker Oscar Troplowitz das Geschäft und entwickelt es entscheidend weiter. In Hamburg-Eimsbüttel baut er eine Fabrik, die bis heute Hauptsitz des Unternehmens ist. Troplowitz setzt früh auf Markenprodukte – ein strategischer Schritt, der den späteren Erfolg prägt.
Die Erfindung, die Nivea weltweit erfolgreich machte
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstehen zentrale Produkte des Konzerns. 1909 kommt Labello auf den Markt, 1911 folgt Nivea. Möglich wird dies durch eine chemische Innovation: den Emulgator Eucerit, der erstmals eine stabile Mischung aus Fett und Wasser erlaubt – die Grundlage der Nivea-Creme.
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Schon früh denkt Beiersdorf international. Bereits 1914 ist Nivea auf allen fünf Kontinenten erhältlich. Aus der kleinen Hamburger Apotheke ist ein internationaler Markenartikelkonzern geworden.
Nach dem Tod von Oscar Troplowitz im Jahr 1918 wächst das Unternehmen weiter. 1922 wird mit Hansaplast das erste selbstklebende Pflaster mit Wundauflage eingeführt. Drei Jahre später folgt die ikonische blau-weiße Nivea-Dose, deren Design bis heute nahezu unverändert geblieben ist.
Der unsichtbare Milliardenbereich hinter Nivea
1936 führt Beiersdorf die Marke tesa ein und schafft damit ein zweites Geschäftsfeld: Klebetechnologie. Doch die folgenden Jahre bringen schwere Einschnitte. Während der NS-Zeit treten jüdische Vorstandsmitglieder zurück, der Zweite Weltkrieg zerstört Werke und führt zur Enteignung von Auslandstöchtern. In einigen Ländern gehen sogar die Rechte an der Marke Nivea verloren.
Nach dem Krieg beginnt unter Carl Claussen der Wiederaufbau. Rohstoffmangel und Auflagen der Alliierten erschweren das Geschäft, und ein Rückkauf der Markenrechte ist zunächst nicht möglich. Erst mit Georg W. Claussen, der 1957 den Vorstandsvorsitz übernimmt, gewinnt das Unternehmen wieder an Dynamik. Neue Produkte wie 8x4, Atrix und Nivea Milk entstehen, und das internationale Geschäft wächst. Bereits in den 1970er-Jahren erzielt Beiersdorf einen erheblichen Teil seines Umsatzes im Ausland.
Warum Beiersdorf bis heute fest in wenigen Händen bleibt
In den 1970er-Jahren verändert sich die Eigentümerstruktur. Die Herz-Familie, Erben des Tchibo-Gründers Max Herz, steigt 1974 ein und übernimmt zunächst 25 Prozent der Anteile. Jahrzehnte später kommt es zu einem Machtkampf um den Konzern. Als die Allianz 2003 ihr großes Aktienpaket verkauft, wächst die Sorge vor einer feindlichen Übernahme.
Die sogenannte „Hamburger Lösung“ sichert schließlich die Kontrolle: Das Tchibo-Konsortium erhöht seinen Anteil auf 49,9 Prozent, die Stadt Hamburg beteiligt sich zusätzlich. 2004 erreicht die Herz-Seite die Mehrheit. Heute hält die Familie über die Maxingvest-Gruppe rund 53 Prozent der Anteile und sichert damit langfristige Stabilität.
Warum Klebstoffe oft profitabler sind als Hautpflege
Mit der neuen Eigentümerstruktur richtet sich Beiersdorf strategisch neu aus. Neben der Hautpflege gewinnt insbesondere die Klebstoffsparte an Bedeutung. 2001 wird die tesa AG als eigenständiges Unternehmen gegründet, um mehr Freiraum für Innovation und Expansion zu schaffen.
Heute erwirtschaftet das Consumer-Segment rund 8,2 Milliarden Euro Umsatz, während tesa etwa 1,7 Milliarden beiträgt – rund 17 Prozent des Gesamtumsatzes. Auffällig ist jedoch die Profitabilität: Während die operative Marge im Consumer-Geschäft bei 13,6 Prozent liegt, erreicht tesa 16,1 Prozent.
Der Grund liegt im Marktumfeld. Hautpflegeprodukte stehen im intensiven Wettbewerb mit Handelsmarken, was Preissetzung erschwert. Klebstoffe hingegen sind oft integraler Bestandteil komplexer Industrieprozesse. Ein Wechsel des Lieferanten ist für Unternehmen aufwendig und risikobehaftet, da neue Tests und Zertifizierungen notwendig sind. Gleichzeitig machen Klebstoffe nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten aus – ein Faktor, der das Geschäft stabil und strategisch wertvoll macht.
Gegen wen sich Beiersdorf wirklich behaupten muss
Trotz seiner Stärke ist tesa kein dominierender Gigant, sondern ein spezialisierter Anbieter in einem hart umkämpften globalen Markt. Zu den größten Wettbewerbern zählen der US-Konzern 3M mit über 20 Milliarden Euro Umsatz sowie Henkel, dessen Klebstoffsparte jährlich rund 11 Milliarden Euro umsetzt. Auch Unternehmen wie Nitto Denko, LINTEC und Avery Dennison spielen eine wichtige Rolle.
Der Markt selbst ist enorm: Weltweit werden jährlich rund 13 Millionen Tonnen Klebstoff verbraucht. Während ein Großteil auf Bau und Verpackung entfällt, sind die Mengen in der Automobil- und Elektronikindustrie zwar geringer, jedoch deutlich höherpreisig.
Was Beiersdorf so besonders macht – sichtbar und unsichtbar zugleich
Mehr als 140 Jahre nach seiner Gründung hat sich Beiersdorf von einer kleinen Apotheke zu einem internationalen Konzern entwickelt. Die Marke Nivea hat das Unternehmen weltberühmt gemacht und ist bis heute eines der bekanntesten Hautpflegeprodukte weltweit.
Parallel dazu hat Beiersdorf mit tesa ein zweites, starkes Standbein aufgebaut. Während Nivea Millionen Menschen täglich im Badezimmer begegnet, arbeiten tesa-Produkte meist im Verborgenen – im Inneren moderner Technologien.
So steht Beiersdorf heute für zwei Welten: sichtbare Hautpflege und unsichtbare Industrieinnovation. Eine Unternehmensgeschichte, die in einer Hamburger Apotheke begann und heute weit über die Haut hinausreicht.