Künstliche Intelligenz : KI: Der Mensch wird auch künftig entscheiden

Oliver Hoffmann, Geschäftsführer von Kumavision Österreich
© Kumavision

Wie hat sich Kumavision seit der Gründung entwickelt? Was waren die wichtigsten Meilensteine?
Oliver Hoffmann Unser Kerngeschäft war von Anfang an ERP, in erster Linie für die Fertigungsindustrie und Medizintechnik, den Großhandel sowie projektbasiert arbeitende Unternehmen. Gleichzeitig waren wir aber auch immer dafür bekannt, sehr komplexe Projekte umzusetzen, die nicht besonders standardnah waren. Mit der Zeit hat sich der Markt natürlich verändert und wir haben unser Portfolio Schritt für Schritt erweitert und bilden die gesamte Microsoft-Technologieplattform ab, also von ERP und CRM über Business Intelligence und DMS bis zu Automatisierungslösungen, Teams und Office. KI ist natürlich aktuell eines der großen Themen. Deshalb haben wir unsere gesamte Mannschaft KI-ready gemacht und mit den entsprechenden Werkzeugen ausgestattet. Unsere Mitarbeiter sollen Kunden heute nicht mehr nur rund um ERP beraten, sondern auch zu KI, Agentensystemen und den neuen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Insgesamt haben wir heute sehr viele Rollen und sehr viele Themen, die wir abdecken. Der Kern ist aber nach wie vor ERP.

Hat sich Ihr Branchenfokus im Laufe der Jahre verändert?
Oliver Hoffmann Ja, vor allem in einzelnen Marktsegmenten. Mit der ERP-Branchensoftware project365 haben wir beispielsweise sehr früh begonnen, Projektdienstleister in die Cloud zu bringen. Daraus haben sich weitere Spezialisierungen entwickelt – Architekten, Ingenieurbüros oder Bauingenieurwesen. Wir sprechen heute oft von Mikrobranchen. Das sind keine kleinen Märkte, sondern sehr spezifische Segmente, für die wir besonders gut passende Lösungen mit fertigen End-to-End-Prozessen entwickelt haben. Grundsätzlich wollen wir aber möglichst viele Branchen bedienen. Es gibt nur wenige Bereiche, die wir nicht aktiv adressieren. Lebensmittel ist zum Beispiel so ein Bereich, weil dort die regulatorischen Anforderungen sehr hoch und sehr speziell sind. Wenn ein Kunde mit einem komplexen Projekt auf uns zukommt, machen wir das selbstverständlich. Wir bewerben diese Branche aber nicht aktiv, weil dort sehr spezielles Fachwissen erforderlich ist.

Sie begleiten seit vielen Jahren Digitalisierungsprojekte. Woran scheitern solche Projekte am häufigsten?
Oliver Hoffmann Das größte Thema ist fast immer die Datenqualität. Das wird in praktisch jedem Projekt unterschätzt. Wir haben deshalb gegengesteuert und sogenannte Smart-Start-Pakete entwickelt. Der Kunde erhält eine vorbereitete Datenbank, Templates und Anleitungen. Er muss sich also nicht selbst Gedanken über die Struktur von Daten und Prozessen machen, sondern bekommt eine bereits in der Praxis bewährte Hilfestellung. Trotzdem gilt: Der Kunde muss seine Prozesse und Stammdaten vorher in Ordnung bringen. Das kann ihm niemand abnehmen.
Oft kommt noch dazu, dass Unternehmen während eines Projekts ihre Prozesse komplett umstellen möchten – neue Artikelnummern, neue Stücklisten, neue Arbeitspläne. Dann wird die Datenübernahme schnell zu einem kritischen Punkt. Da muss man sehr eng zusammenarbeiten, damit das Projekt nicht aus dem Ruder läuft – weder zeitlich noch organisatorisch.
Ein weiteres Thema ist, dass sich Ziele während eines Projekts verändern. Anfangs ist alles klar definiert, später kommen zusätzliche Wünsche dazu. Das ist nachvollziehbar, macht Projekte aber natürlich komplexer. Dann muss man gemeinsam entscheiden, was noch in den Projektumfang passt und was vielleicht später umgesetzt wird.

Was steckt hinter Referenzprozessen? 
Oliver Hoffmann Früher waren ERP-Projekte oft lang, teuer und mit einem unklaren Ausgang verbunden. Bei Projektlaufzeiten von eineinhalb oder zwei Jahren ändern sich Rahmenbedingungen und oft auch Anforderungen. Deshalb haben wir früh begonnen, für einzelne Branchen Referenzprozesse zu entwickeln. Das bedeutet: Ein Unternehmen beginnt nicht auf der grünen Wiese, sondern erhält bereits eine Lösung mit bewährten End-to-End-Prozessen und einem Datenmodell, das für die jeweilige Branche funktioniert. Diese Prozesse sind gemeinsam mit Kunden entstanden und haben sich in der Praxis bewährt. Dabei geht es nicht nur um ERP. Unsere Referenzprozesse umfassen auch CRM, Dokumentenmanagement, SharePoint oder Lösungen für den Datenaustausch mit Kunden und Lieferanten. Wir nutzen die gesamte Microsoft-Plattform und können dadurch sehr nah am Standard bleiben, was nicht nur Zeit und Kosten spart, sondern auch updatesichere Lösungen ermöglicht. 

Welche KI-Anwendungen funktionieren in der Praxis besonders gut?
Oliver Hoffmann Ein gutes Beispiel ist ein Kunde, der Leckortungen durchführt. Die Servicetechniker fotografieren Schäden, etwa nach einem Wasserschaden. Gemeinsam mit dem Kunden haben wir eine KI trainiert, die diese Bilder auswertet und automatisch einen Schadensbericht für die Versicherung erstellt. Der Mitarbeiter kann den Text noch anpassen. Gleichzeitig wird im Hintergrund automatisch ein Serviceauftrag im ERP angelegt. Das ist für mich ein sehr guter KI-Use-Case, weil hier wirklich Bilder erkannt, Informationen verarbeitet und mehrere Prozesse miteinander verbunden werden. Wichtig ist aber: klein anfangen. Auch bei diesem Projekt haben wir zunächst nur die Bilderkennung umgesetzt. Danach kamen Schritt für Schritt weitere Funktionen dazu – der Bericht, der Serviceauftrag und weitere Automatisierungen. 

Wie hat sich – auch in Hinblick auf KI - Ihr Personalbedarf verändert?
Oliver Hoffmann Wir haben gezielt in Personal investiert und ein eigenes KI-Team aufgebaut. Allgemein betrachtet ist unsere Mitarbeiterzahl aktuell sehr stabil. Den Fachkräftemangel haben wir nach wie vor – auch KI wird ihn nicht von heute auf morgen lösen. KI unterstützt uns, ersetzt die Menschen aber nicht. KI darf Vorschläge machen, Empfehlungen geben oder Optimierungspotenziale aufzeigen. Aber am Ende möchte ich als Mensch noch entscheiden, ob ich einen Auftrag vielleicht bewusst anders einplane – weil ich Informationen habe, die die KI nicht kennt. Menschen bringen ihre Erfahrung, ihr Wissen mit ein. Deshalb wird der Mensch auch künftig eine zentrale Rolle spielen.

Wenn Sie fünf Jahre nach vorne blicken: Wie wird sich der ERP-Markt verändern?
Oliver Hoffmann Früher konnte man relativ genau sagen, wohin sich ein Markt entwickelt. Heute verändert sich alles so schnell, dass Prognosen deutlich schwieriger sind. Ich bin überzeugt, dass agentische Systeme eine immer größere Rolle spielen werden. Die Frage wird sein, ob wir noch klassische ERP-Systeme mit einzelnen Prozessen sehen oder ob KI-Agenten künftig ganze Branchenprozesse übernehmen. Das hängt auch davon ab, wie sich die Geschäftsmodelle der großen Hersteller entwickeln. Im Moment stellen viele auf nutzungsbasierte Modelle um – also Pay-per-Use oder tokenbasierte Abrechnung. Für Unternehmen wird damit die Frage wichtiger: Wo bekomme ich den größten Mehrwert? Ist es der Mitarbeiter, der Prozess oder die KI? Das wird künftig stärker miteinander verschmelzen.

Diese Coverstory entstand in Kooperation mit Kumavision.