Was passiert, wenn ein Panzer über Stunden einem chemischen Kampfstoff ausgesetzt ist und seine Besatzung anschließend die Luke öffnet? Für Clemens Steiner ist das keine rein militärische Frage, sondern eine materialwissenschaftliche Herausforderung. Denn selbst wenn das Fahrzeuginnere hermetisch abgeschirmt war, kann die äußere Beschichtung gefährliche Substanzen aufgenommen haben. Beim Öffnen der Luke droht dann eine Kontamination. Eine solche zu vermeiden ist Aufgabe eines Speziallacks, dessen chemische Struktur verhindert, dass Kampfstoffe tief in die Oberfläche eindringen. An solchen Beschichtungen hat der oberösterreichische Pulverlackhersteller TIGER Coatings über Jahre gearbeitet.
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„Es geht darum, Oberflächen zu erzeugen, die resistent gegen 'chemical agents' sind“, erklärt Steiner, CEO des Welser Unternehmens. Dahinter steckt eine Forschungsaufgabe, die weit über klassische Anforderungen an Korrosionsschutz, Witterungsbeständigkeit oder Farbgebung hinausgeht. Für ein Unternehmen, dessen Pulverlacke sonst etwa auf Fassaden, Fahrzeugkomponenten, Maschinen oder industriellen Bauteilen zum Einsatz kommen, ist das ein ungewöhnliches Betätigungsfeld. Und eines, das seit dem russischen Angriff auf die Ukraine eine neue strategische Bedeutung erhalten hat.
Das Defence-Geschäft ist für TIGER keineswegs Neuland. Bereits Anfang der 2000er-Jahre begann der Beschichtungsspezialist, gemeinsam mit militärischen Auftraggebern technische Lösungen zu entwickeln. Damals entstand das Geschäft eher aus einzelnen Kundenanfragen als aus einer systematischen Marktbearbeitung. In der internen Organisation wurde Defense als eigene "Application Target Group" geführt. Ein strategischer Schwerpunkt war das Segment lange Zeit aber nicht. Das änderte sich mit dem Ukraine-Krieg. Steiner bezeichnet ihn als „Demarkationspunkt“, an dem dem Unternehmen und auch ihm persönlich bewusst geworden sei, wie verletzlich die europäische Sicherheitsarchitektur ist. Die jahrzehntelange Annahme, militärische Konflikte würden Europa nicht mehr unmittelbar betreffen, habe sich als Fehleinschätzung erwiesen.
Daraus leitet Steiner eine Verantwortung für das Unternehmen ab. Das Defense-Segment habe seit dem Ukraine-Krieg die zehnfache Aufmerksamkeit innerhalb des Unternehmens erhalten.
Wirtschaftlich bleibt das militärische Beschichtungsgeschäft - es entfällt darauf ein einstelliger Prozentwert des erwirtschafteten Gesamtumsatzes - ein Nischensegment. Das Unternehmen sieht er dabei als Spezialisten für jene Aufgaben, an denen andere Hersteller bereits gescheitert sind. „TIGER ist, verglichen mit den Marktbegleitern der Ferrari in der Pulverlackbranche“, sagt er. „Wenn es die anderen nicht mehr können, dann landen die Dinge irgendwann bei uns“, so Steiner
An zusätzlichen Fertigungskapazitäten scheitert ein Ausbau der Geschäftsvolumina nicht. „Da geht es mehr darum, die Chemistry zu entwickeln, Kapazitäten und Prozessfähigkeiten seien "vorhanden", sagt Steiner. Eine Adaption der Produktion eigens auf militärische Anwendungen sei nicht notwendig.
Wie ungewöhnlich die Anforderungen dennoch werden können, zeigt Steiner anhand eines weiteren Anwendungsfalls: der Beschichtung von Drohnenrotorblättern. Bei jedem Start und jeder Landung wirbeln die Rotoren durch ihren nach unten gerichteten Luftstrom „Downwash“ Staub und Sand auf. Die Partikel treffen mit hoher Geschwindigkeit auf die Rotorblätter und verursachen Materialabtrag. Im Extremfall brechen kleine Stücke aus der Oberfläche heraus. TIGER beschäftigt sich deshalb mit Beschichtungssystemen, die harte und elastischere Eigenschaften miteinander kombinieren. Ziel ist es, den erosiven Verschleiß zu reduzieren und damit die Lebensdauer der Bauteile zu verlängern. Schon wenige zusätzliche Einsatzzyklen können für den militärischen Betreiber einen relevanten Unterschied machen.