EY : Zwischen Stabilisierung und Strukturwandel: Die Industrie in einer neuen Weltordnung

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 „Unternehmen, die ihre Abhängigkeiten von einzelnen Märkten konsequent reduzieren und ihre Absatz- und Beschaffungsstrukturen breiter aufstellen, erhöhen ihre Resilienz.“
Axel Preiss, Partner, Consulting Lead Austria, Europe West Defence Lead EY

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Ein Blick auf die aktuelle Lage zeigt, wie ambivalent die Situation ist: Nach zwei Jahren Rezession verzeichnete die österreichische Industrie im vierten Quartal 2025 erstmals wieder ein leichtes Umsatzplus von 1,4 Prozent. Auch die Exporte legten mit einem Zuwachs von 2,8 Prozent erstmals seit sieben Quartalen wieder zu. 

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Damit wurde eine längere Phase rückläufiger Entwicklung unterbrochen. Gleichzeitig bleibt der strukturelle Druck hoch: Die Beschäftigung im produzierenden Bereich ging im Jahresvergleich um 2,2 Prozent zurück, was einem Abbau von rund 23.000 Arbeitsplätzen entspricht.

Willkommen in der neuen Welt

Diese Gleichzeitigkeit von Stabilisierung und Anpassung ist kein Zufall, sondern Ausdruck der veränderten globalen Ordnung. Während sich einzelne Branchen – etwa der Maschinenbau oder die Elektrotechnik – zuletzt wieder dynamischer entwickelten, geraten andere Sektoren weiter unter Druck. Besonders energieintensive Industrien kämpfen mit hohen Kosten, schwacher Nachfrage und wachsendem internationalem Wettbewerb.

Deutlich sichtbar werden die geopolitischen Verschiebungen zudem im Außenhandel. Zwar konnten die Exporte in die Eurozone sowie in asiatische Märkte zuletzt deutlich ausgeweitet werden, gleichzeitig brachen die Ausfuhren in die USA um rund 19 Prozent ein. Der zweitwichtigste Exportmarkt verliert damit spürbar an Bedeutung. Für die Industrie ist das ein klares Signal, dass bisher stabile Handelsbeziehungen nicht mehr als selbstverständlich betrachtet werden können. Globale Nachfrage ist vorhanden, verteilt sich jedoch zunehmend anders als in der Vergangenheit.

Unternehmen müssen Resilienz erhöhen

Gerade hierin liegt eine der zentralen Chancen. Unternehmen, die ihre Abhängigkeiten von einzelnen Märkten konsequent reduzieren und ihre Absatz- und Beschaffungsstrukturen breiter aufstellen, erhöhen ihre Resilienz. Die stärkere Orientierung in Richtung Europa und Asien ist dabei weniger als kurzfristige Reaktion zu verstehen, sondern als strategische Neuausrichtung. Diversifizierte Märkte, regionale Wertschöpfungspartnerschaften und eine realistische Einschätzung geopolitischer Risiken werden zu entscheidenden Faktoren unternehmerischen Erfolgs.

Gleichzeitig beschleunigt die neue Weltordnung den Strukturwandel innerhalb der Industrie. Technologiebasierte Branchen profitieren von langfristigen Trends wie Digitalisierung, Automatisierung und Energieeffizienz. Seit 2019 konnten etwa die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie sowie die Chemie- und Pharmabranche entsprechende Beschäftigungszuwächse verzeichnen. Klassische Industrien, allen voran die Automobilbranche, stehen hingegen vor tiefgreifenden Transformationen, die mit erheblichen Anpassungen bei Produkten, Prozessen und Qualifikationen verbunden sind.

Zentrale Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit

Vor diesem Hintergrund geht es nicht um die Frage, ob sich die Industrie verändern muss, sondern wie aktiv sie diesen Wandel gestaltet bzw. gestalten muss. Investitionen in neue Technologien, moderne Produktionsmodelle und robuste Lieferketten sind zentrale Hebel, um in einem fragmentierten globalen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Ebenso wichtig ist es, bestehende Geschäftsmodelle zu überprüfen und strategisch weiterzuentwickeln.

Die aktuellen Konjunkturdaten zeigen, dass eine vorsichtige Stabilisierung möglich ist, eine nachhaltige Trendwende jedoch kein Selbstläufer wird. Zusätzliche Unsicherheiten, etwa durch geopolitische Konflikte mit Auswirkungen auf Energiepreise, Lieferketten und das Investitionsklima, sind dabei noch nicht vollständig eingepreist. Völlig offen ist auch, wohin sich die derzeit volatile Situation mittel- bis langfristig entwickeln wird. Umso wichtiger ist es, Phasen relativer Erholung zu nutzen, um strukturelle Schwächen gezielt anzugehen.

Neue Wachstumslogiken

Eine multipolare Welt bedeutet für die Industrie nicht zwangsläufig weniger Wachstum, wohl aber andere Wachstumslogiken. Unternehmen, die ihre internationale Aufstellung diversifizieren, technologische Kompetenz stärken und Transformation als dauerhaften Prozess begreifen, schaffen sich neue Handlungsspielräume. In diesem Sinne liegt in der aktuellen Neuordnung nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit langfristig abzusichern.

Autor: 
Axel Preiss, Partner, Consulting Lead Austria, Europe West Defence Lead

Axel Preiss verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der Leitung von Projekten zur Unternehmenstransformation. Zur Zeit übt er die Funktion des Consulting-Leads in Österreich aus und ist für den Ausbau der Kompetenzen von EY in den Bereichen Industrial und Defence für Europa verantwortlich.

 

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit EY.