EY : Österreichs Industrie: Erholung mit Fragezeichen

EY Raninger Marion 074 c Haeusler

„Das leichte Umsatzwachstum und die steigenden Exporte sind ermutigende Signale. Entscheidend wird sein, ob aus der aktuellen Stabilisierung ein dauerhaft selbsttragender Aufschwung wird.“
Marion Raninger, Leiterin Industrials, EY Österreich

- © www.christinahaeusler.at

Nach einer langen Schwächephase sendet die österreichische Industrie wieder positive Signale. Im zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete der produzierende Bereich einen Umsatz von 99,7 Milliarden Euro, ein Plus von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Auch die Exporte legten deutlich zu. Doch die Erholung hat eine Kehrseite: Der Beschäftigungsabbau setzt sich fort. Das aktuelle EY Industriebarometer zeichnet damit das Bild einer Industrie, die wieder Tritt fasst, von einem nachhaltigen Aufschwung aber noch ein gutes Stück entfernt ist.

Immerhin zeigt die Entwicklung inzwischen eine gewisse Konstanz. Zum dritten Mal in Folge lag der Umsatz über dem jeweiligen Vorjahresniveau, nachdem zuvor zehn Quartale hintereinander Rückgänge verzeichnet worden waren. Die Richtung stimmt also wieder. Wie belastbar diese Entwicklung ist, muss sich allerdings erst zeigen.

Metall, Elektronik und Automotive geben den Takt vor

Getragen wird das Wachstum vor allem von einigen besonders dynamischen Branchen. Die Metallerzeugung und -bearbeitung steigerte ihre Umsätze gegenüber dem Vorjahresquartal um 15,6 Prozent. Auch die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie mit 13,0 Prozent sowie die Automobilindustrie mit 10,6 Prozent verzeichneten zweistellige Zuwächse.

Abseits dieser Wachstumstreiber bleibt das Bild verhaltener. Gummi- und Kunststoffwaren legten um acht Prozent zu, der Maschinenbau bewegte sich mit plus 0,7 Prozent dagegen beinahe auf Vorjahresniveau. Papier und Pappe verzeichneten mit minus 0,5 Prozent als einzige der untersuchten Branchen einen leichten Rückgang. Die Industrie wächst wieder, allerdings mit deutlich unterschiedlichem Tempo.

Am Arbeitsmarkt ist die Trendwende noch nicht angekommen

Während Umsatz und Exporte anziehen, bleibt die Beschäftigung unter Druck. Zum Ende des zweiten Quartals waren rund 1,05 Millionen Menschen im produzierenden Bereich beschäftigt. Das sind 1,4 Prozent beziehungsweise rund 15.350 Stellen weniger als ein Jahr zuvor. In sechs der acht untersuchten Industriebranchen ging die Beschäftigung zurück.

Auch der Blick über einen längeren Zeitraum zeigt strukturelle Verschiebungen. Seit dem zweiten Quartal 2019 wurden lediglich in drei der untersuchten Branchen zusätzliche Stellen geschaffen. Die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie legte um rund 9.100 Beschäftigte zu, der Maschinenbau um rund 7.800 und Chemie und Pharma um rund 5.700. Die Automobilindustrie verlor im selben Zeitraum hingegen rund 8.100 Arbeitsplätze.

Der stärkste Impuls kommt aus dem Ausland

Zur wichtigsten Stütze der Erholung entwickelt sich das Exportgeschäft. Die Ausfuhren österreichischer Unternehmen mit beweglichen Gütern einschließlich elektrischem Strom stiegen im zweiten Quartal um 7,8 Prozent auf 50,7 Milliarden Euro. Alle acht näher untersuchten Industriebranchen konnten dabei ein Exportplus verbuchen.

Auch auf wichtigen Absatzmärkten zeigt die Kurve nach oben. Die Ausfuhren in die Eurozone stiegen um 7,7 Prozent, jene nach Amerika um 7,3 Prozent. Deutschland bleibt mit knapp 15 Milliarden Euro der mit Abstand wichtigste Exportmarkt. Allein dorthin lieferte Österreich Waren im Wert von rund 968 Millionen Euro mehr als im Vorjahresquartal. Während auch Italien und die USA kräftig zulegten, gingen die Ausfuhren nach China deutlich zurück.

Aus der Stabilisierung muss ein Aufschwung werden

Nach der langen Schwächephase hellt sich das Bild für Österreichs Industrie damit auf. Drei Quartale mit Umsatzwachstum in Folge und steigende Exporte sprechen für eine Stabilisierung. Gleichzeitig zeigen der anhaltende Stellenabbau und die großen Unterschiede zwischen den Branchen, dass die Erholung noch nicht auf einem breiten Fundament steht.

Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung wird, entscheidet sich daher erst in den kommenden Quartalen. Neben einer stärkeren Nachfrage wird gerade für die exportorientierte österreichische Industrie entscheidend sein, ihre Absatzmärkte möglichst breit aufzustellen. Erst wenn die wirtschaftliche Erholung auch die Beschäftigung erreicht und über einzelne Wachstumstreiber hinausgeht, lässt sich von einer echten Trendwende sprechen.

Autorin:

Marion Raninger ist Leiterin Industrials bei EY Österreich. In dieser Funktion beschäftigt sie sich mit den aktuellen Herausforderungen und Transformationsprozessen der österreichischen Industrie und begleitet Industrieunternehmen bei strategischen und wirtschaftlichen Fragestellungen.